Wie kam das Glück zum Keks?

Dies ist eine Geschichte darüber, wie das Glück zum Keks kam, oder, genauer genommen, eine Geschichte darüber, wie das Glück in den Keks kam. Über den wahren Ursprung von Glückskeksen kann ich dabei nur spekulieren. Manche erzählen die Geschichte, wie chinesische Soldaten während der Mongolenherrschaft geheime Botschaften in Keksen durchs Reich schmuggelten. Andere wiederum verweisen auf eine alte japanische Glücksbotschafts-Tradition, „o-mikuji“, in der Glücksbotschaften in einem Keks („tsujiura“) in einem Tempel bei Kyoto weitergegeben werden. Meine Lieblingsversion ist aber die Liebesgeschichte zwischen einer chinesischen Adelstochter und einem verarmten Prinz. Der strenge Vater hatte jeglichen Kontakt zwischen den beiden verboten, da die Tochter einen reichen Landgutbesitzer heiraten sollte. Die beiden schworen sich aber ewige Liebe und schrieben sich heiße Liebesbotschaften, die sie in ein unschuldig aussehendes Gebäck schmuggelten. *seufz* *schmacht*

Von der romantischen Flaschenpost zum harten Geschäftsmodell

Nun ja, zurück zur harten Realität, in der Glückskekse mittlerweile vor allem eines sind: Ein Geschäftsmodell. Wir schreiben das Ende des 19. Jahrhunderts in San Francisco. Die Sonne scheint warm vom wolkenlosen Himmel, ein japanischer Teegarten bietet angenehme Abkühlung von der Hitze. Die Gäste, Damen in langen Kleidern mit Sonnenschirmen und Herren mit Zylindern, trinken bei gemütlichem Geplauder einen Nachmittagstee. Auf einem silbernen Tablett reicht ihnen der Architekt des Teegartens selbst, Makoto Hagiwara, kleine Kekse, mit Liebe in der Benkyod Bäckerei gebacken. Im Inneren der Kekse finden sie einen Spruch, der ihren Tag erhellt. Die Gäste sind entzückt – und eine neue Geschäftsidee ist geboren.

Japanischer Teegarten
Japanischer Teegarten

So stelle ich mir zu mindestens vor, wie das erste Mal in San Francisco Glückskekse gereicht wurden. Fakt ist zumindest, dass der japanische Amerikaner Makoto Hagiwara als der Erfinder des modernen Glückskekses gilt. Obwohl auch das nicht ganz unumstritten ist. Es gab da nämlich auch einen gewissen Herrn David Jung, Gründer der Hong Kong Noodle Company aus Los Angeles, der ebenfalls behauptete, den Glückskeks 1918 erfunden zu haben. Das Ganze wurde tatsächlich vor Gericht gebracht – und per Glückskeks entschieden. Die Legende besagt zumindest, dass der Richter vor der Verhandlung einen Glückskeks zugeschmuggelt bekam, der folgenden Spruch enthielt: „Ein Richter, der aus San Francisco kommt und für Los Angeles entscheidet, kann kein besonders heller Keks sein.“ Der San Francisco Richter entschied dann auch prompt (eingeschüchtert von der Prophezeiung?), dass Makoto Hagiwara aus San Francisco der wahre Erfinder sein müsse.

Vom japanischen Teekeks zum chinesischen Glückskeks

Bis zum zweiten Weltkrieg hießen die glücklichen Kekse auch noch nicht Glückskese, sondern Tee-Kekse, um ihren Bezug zur japanischen Tee-Zeremonie zu bewahren. Die Kekse wurden bis Anfang des 20. Jahrhundert ausschließlich per Hand gebacken, die Glücksbotschaften auf kleinen Zettelchen vorsichtig in die hohle Mitte hineinbugsiert. Erst dann übernahmen spezielle Maschinen die Arbeit. Die Sprüche in dieser Zeit enthielten meist philosophische Weisheiten aus Japan oder China.

Glueckskeks Produktion
Glückskeks Produktion in San Francisco Chinatown

Bis zum zweiten Weltkrieg waren es auch hauptsächlich japanische Amerikaner, die die Kekse in ihren Restaurants servierten. Doch dann kam Pearl Harbor. Die Japaner kämpften im Zweiten Weltkrieg an der Seite von Deutschland und griffen 1942 den US-amerikanischen Hafen Pearl Harbor an. Sie wurden zum neuen amerikanischen Feindbild. Viele Amerikaner japanischen Ursprungs werden in Arbeitslager gesteckt, leerstehende japanische Restaurants und Fabriken wurden von chinesischen Amerikanern weitergeführt – einschließlich der Glückskeksproduktion. Und so wurde der Glückskeks chinesisch. Die etwa 3 Milliarden Glückskekse, die derzeit jährlich produziert werden, werden fast ausschließlich in chinesischen Restaurants serviert: In den USA, in England, in Indien und natürlich in Deutschland. Nur in China findet sich kein einziger Glückskeks. Hier findet man die süßen Kekse „zu amerikanisch“.

Migrationsproblematik der Glückskekse in Deutschland

Auch in Deutschland hatte der ausländische Glückskeks zunächst Integrationsschwierigkeiten. Emil Janik, der selbsternannte Vater der Glückskekse in Deutschland, brachte den Glückskeks von einer Amerikareise Mitte der 80er Jahre nach Deutschland. Er brachte dabei nicht nur den Keks mit, sondern importierte auch die Rezeptur und sämtliche Maschinen nach Heidenrod bei Mainz – und musste enttäuscht feststellen, dass weder die Maschinen noch die Rezeptur den deutschen Qualitätsstandards entsprachen. Kurzentschlossen ließ Janik eigens Glückskeks-Maschinen bauen,  änderte den Geschmack (den Deutschen waren die amerikanischen Glückskekse einfach zu süß) – und landete damit einen Verkaufsschlager.

Glueckskeks Verpackung
Golden Gate Fortune Cookie Factory

Doch Deutschlands größter Glückskeks-Produzent sitzt etwa 200 Kilometer weiter südlich, mitten im Schwabenländle. In Gondelsheim produzieren die Geschwister Viktoria, Alexandra und Christoph Brauch seit 2004 Glückskekse en masse. Sweet & Lucky heißen die Produzenten der süßen und glücklichen Kekse passenderweise. Die Geschwister Brauch entdeckten die Glückskekse 2003 in einem Paket aus Amerika – beim Kaffeetrinken. „Das können wir doch auch – und vielleicht sogar besser,“ dachte sich da Viktoria Brauch, gelernte Müllermeisterin. Ein Jahr haben sie an dem richtigen Rezept getüftelt und mittlerweile produzieren die Glücks-Geschwister 30 Millionen Kekse (auch in BIO-Qualität) pro Jahr: Werbekekse für Geschäftsveranstaltungen oder für Parteitage, Kekse für Restaurants, Supermärkte und Discounter in aller Welt. Die Sprüche für die Kekse denkt sich Viktoria Brauch selbst aus. Sie hat mittlerweile eine Sprüchesammlung von mehr als 1000 Sprüchen und auch Freunde rufen sie oft an, wenn sie mal wieder einen guten Spruch für sie haben. Auf Kundenwunsch übersetzen sie die Sprüche auch in andere Sprachen: „Russisch, ungarisch – alles ist möglich!“

Faszination Glückskeks – ein Überraschungsei für Erwachsene?

Es scheint eine ganz besondere Faszination von diesen kleinen Glücksbotschaften auszugehen. Vielleicht ist es wie beim Aufmachen von Weihnachtsgeschenken oder Überraschungseiern: Man weiß, dass man etwas bekommt, nur nicht genau was. Das macht den besonderen Reiz aus. So werden auch die Sprüche in den Glückskeksen mit Spannung erwartet: Es könnte ein ganz banaler Ratschlag sein oder, wer weiß, eine Botschaft, die das komplette Leben verändert.

Es soll übrigens besonders viel Glück bringen, wenn man den Spruch aus dem Keks heraus bekommt, ohne den Keks dabei zu brechen. So kommt das Glück, das in den Keks hineingesteckt wurde, angeblich auch wieder heil heraus.

Track zum Text:

 

Titelbild: Flickr // Images Money // CC BY 2.0
Bild Glückskeks Produktion: Flickr // Kārlis Dambrāns // CC BY 2.0
Bild Japanischer Teegarten: Flickr // Selena N. B. H. // CC BY 2.0
Bild Golden Gate Fortune Cookie Factory: Flickr // Karen Neoh // CC BY 2.0

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

Marinela Potor
Follow me

Marinela Potor

Marinela hat nach ihrem Radio-Volontariat an der Nordsee ihren Rucksack gepackt, um 6 Monate lang durch Südamerika zu reisen. Daraus sind mittlerweile fast 6 Jahre geworden. Den Rucksack hat sie behalten, genauso wie ihre Begeisterung für neue Menschen und Orte - und die Leidenschaft, darüber zu berichten. Sie ist aber immer noch auf der Suche nach einem festen Wohnsitz und reist, bis sie den perfekten Ort mit Strand, Bergen, Sonne und gutem Kaffee findet (Vorschläge werden gerne entgegen genommen), als digitale Nomadin durch die Welt. Selbstbeschreibung in 3 Worten: energiegeladen, meinungsgeladen, käsesüchtig. Fremdbeschreibung in 3 Worten: quietischig, politisch inkorrekt und eine von diesen komischen Europäerinnen, die kein Fleisch mögen.
Marinela Potor
Follow me