6 Ersatzreligionen unserer Generation

Die evangelische wie die katholische Kirche erleben in den letzten Jahren einen beispiellosen Exodus. Allein in diesem Jahr sind über 600.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten, gerade im urbanen Raum verlieren die Kirchen immer weiter an Bedeutung. Naht nun der Beginn eines existentialistischen Zeitalters, in dem wir uns wie von Bertrand Russel formuliert furchtlos unserer eigenen Intelligenz bedienen können, um ein gutes Leben zu führen?

Nein, eher nicht. Wir haben nicht aufgehört zu glauben, nur weil wir uns von der Religion abwenden. Wir haben unseren Glauben bloß anderen Göttern zugewandt, denen wir gleichsam ergeben und eifernd huldigen, ihre Botschaft missionieren und unser Leben auf ihre Erfordernisse ausrichten. Alles in der Hoffnung, so ein wenig (In-)Halt zu finden in dieser wackeligen Welt, die uns jederzeit zu entgleiten scheint.

Das Müßiggang Magazin hat sich in den urbanen Dschungel gewagt und präsentiert sechs Ersatzreligionen, die – übt man sie nur mit der notwendigen Inbrunst aus – das Zeug haben, unser Leben zu diktieren.

1. Veganismus

Nein, es geht nicht darum, morgens früh eine bunte Mischung aus Obst und Gemüse im 600-Euro-Hochleistungsmixer zu pürieren. Wen oder was man isst, ist zunächst einmal vollkommen unverdächtig. Vegan (oder in Abstufungen vegetarisch) zu leben ist inzwischen häufig zu einer Einstellung geworden, die nicht nur uns als Individuum bestimmt, sondern übergriffig in das Leben Anderer, zunächst Unbeteiligter, reicht. Der starke Glaube an die moralische Überlegenheit des eigenen Handelns macht das Missionieren wahrscheinlich. Und ganz ähnlich zum klassisch-religiösen Glauben wird der Diskurs dort, wo sich einjemand erfasst fühlt von einer höheren Wahrheit, deren bloße Diskussion bereits der Lästerung gleichkommt, beinahe unmöglich.

2. Reisen

Flugmeilen sind unser Vaterunser, Instagram-Posts aus fernen Ländern unser Rosenkranz. Wir nehmen die größten Reisestrapazen auf uns, um an entlegenen Orten ein weiteres Ziel von der Bucket-List streichen zu können. Wir posten, also sind wir. Wir huldigen der Mobilität um ihrer selbst willen, gefangen darin, dass das Entlegenste gleichzeitig auch das Erstrebenswerteste ist. Wir glauben fest daran, dass das Reisen einem tieferen Zweck dient, eine unweigerliche Bereicherung unserer selbst ist und strafen die Daheimgebliebenen, die alljährlichen Mallorcatouristen, mit ganz seichter Verachtung.

3. Hedonismus

Wir feiern tagelang, drinnen, draußen, druff, nüchtern. Wir feiern um des Feierns Willen. Weil es dazugehört, weil wir die Möglichkeiten haben, weil alles andere irgendwie langweilig wäre. Nein, der lustvolle Lebenswandel ist keine Erfindung der Postmoderne, sondern greift zurück auf den griechischen Philosophen Epikur, der unsere unbändige Suche (und Sucht) nach Lust als zutiefst menschliche, bereits im frühkindlichen Alter ausgeprägte Eigenschaft sieht. Was wir dabei missverstehen ist, dass lustgesteuertes Verhalten Langeweile, Reflexion und Ruhe nicht ausschließen, Epikur spricht von katastematischer Lust, einer anhaltenden Daseinslust. Diesen zweiten Teil haben wir wohl überlesen, vermutlich überdreht und unaufmerksam durch unsere anhaltend-sprunghaften Lustvariationen, die wir kaum bändigen können.

4. Fitness

Das Schönheitsbild der Moderne, der athletische, austrainierte, muskeldurchzogene Körper, ist der Götze, den wir anbeten, wenn wir unsere Hanteln im Fitnessstudio stemmen oder uns nassgeschwitzt mit Stöpseln im Ohr durch den Stadtpark quälen, um hinterher auf der NikeRunning App unsere Heldentaten zu bestaunen und mit aller Welt auf Facebook zu teilen. Wer ist heute noch fit, weil er gerne durchs Alpenpanorama wandert, mit seiner Mannschaft wetteifert oder im kühlen Nass seine Bahnen zieht? Wir streben nach Fitness, um für unsere Arbeit und den intensiven Alltag gerüstet zu sein. Wir wollen fit sein, um fit zu sein. Wir wollen fit sein, um aller Welt zeigen zu können, dass wir fit sind. Unsere körperliche Verfasstheit spiegelt der Gesellschaft unsere Disziplin und andere tugendvolle Eigenschaften. Abends in der Pizzeria beneiden wir dann ganz heimlich die Molligen, die statt Salat und Bruschetta nach der Quattro Stagioni noch ein Tiramisu genießen.

5. Erfolg

Die Karriere pumpt durch unsere Blutbahn als steter Treiber unseres Fortkommens. Wir entwerfen wahre Schlacht- und Masterpläne für unseren beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Dabei beschleicht uns das konstante Gefühl, nicht gut genug zu sein, im Wettbewerb mit unseren als Kontrahenten wahrgenommenen Mitmenschen an Boden zu verlieren. Hier heißt unser Gott Erfolg. Er ängstigt uns nicht mit der Aussicht auf Fegefeuer, sondern mit dem Ausblick, ins Hintertreffen zu geraten, wenn wir nicht nach seinen Regeln spielen. Darum machen wir dann Praktika in aller Herren Länder, schlafen schlecht vor wichtigen Klausuren und überarbeiten uns bis zur Erschöpfung, nur um einer schlechten Beurteilung unserer Schaffenskraft um jeden Preis zu entgehen.

6. Nachhaltigkeit

Auf unseren Rucksäcken prangen Sonnen gegen Atomkraft, Eisbären für die Arktis oder andere possierliche Aufnäher, die den Weltschmerz über die nahende Klima- oder wahlweise Umweltapokalypse zur Schau stellen. Daran ist nichts verwerflich. Wieder haben wir dem Gott bloß einen anderen Namen gegeben. Er heißt jetzt Nachhaltigkeit. Aus der vagen Gewissheit heraus, zumeist aber nicht aus Wissen, ordnen wir nicht nur unser Handeln seinen Anforderungen unter, sondern missionieren fleißig unser Umfeld, das sich einen anderen Gott gesucht hat.

Was sagt uns dies nun über Ersatzreligionen?

Nun, an sich ist gegen keine der sechs Ersatzreligionen etwas einzuwenden. Es ist schön, wenn jemand gerne Gemüse isst, in den Urlaub fährt, gern ausgeht, gern Sport macht, gerne etwas erreichen möchte, sich Sorgen um unsere Umwelt macht. Wie auch an sich nichts gegen die klassische Religion einzuwenden ist.

Doch eines wird deutlich: Dass die unendliche Angewiesenheit des Menschen auf ein unendliches Gegenüber auch in einem postreligiösen Zeitalter fortbesteht. Dass der Existentialismus, auch wenn er die vielleicht menschenfreundlichste Idee des Menschen ist, (zunächst) nicht funktioniert. Dass der Mensch eine Projektionsfläche im Sinne Ludwig Feuerbachs benötigt für die Dinge, die er sich nicht erklären kann, die er fürchtet, die seine Kognition überschreiten. Dass der Mensch zu schwach ist, um frei im existentialistischen Sinne zu sein.

Müssen wir deswegen besorgt sein? Nicht unbedingt. Aber wir sollten gelegentlich darüber nachdenken, dass sich nicht allzu viel verändert hat mit der Ausnahme, dass unsere Götter heute nicht mehr in piefigen Pfarrstuben weilen und von der Kanzel auf uns herabpredigen, sondern im Biomarkt oder auf der Klimaschutz-Demo stehen. Bloß, weil wir um die Welt reisen, drei Tage durchfeiern, Karriere machen und uns in allmöglichen Beziehungskonstellationen versuchen, sind wir noch immer weit entfernt von einer furchtlosen Perspektive und freier Intelligenz, wie Sie Bertrand Russel in seinem Essay „Why I am not a Christian“ beschreibt. Die angstvollen Ketten haben wir nicht abgelegt, sondern ihnen nur neue Namen gegeben.

 

Bild von Chuck Coker unter CC BY-ND 2.0

Der Track zum Text:

 

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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