8 wirklich gute Bücher für den Herbst

Der Herbst steht nicht vor der Tür, nein, er ist längst angekommen. Es wird kalt und kälter und wir flüchten uns in die ein oder andere Ablenkung. Damit aus der Sehnsucht nach Ablenkung kein Elyas-M’Barek-Filmeabend wird, empfehlen wir euch an dieser Stelle 8 wirkliche gute Bücher für den Herbst, die euch viel Lesevergnügen bereiten werden.

1. „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre ist der wichtigste Chronist unserer Zeit. Irgendwo zwischen Reportage, Essayistik und Prosa ist der ehemalige Star der Popliteratur zu einem Gradmesser deutscher Befindlichkeit geworden. In seinem Erzähl- und Reportagenband „Auch Deutsche unter den Opfern“ zeigt der Autor einmal mehr, was ihn vom Rest seiner Zunft unterscheidet: seine Beobachtungsgabe. Keiner seziert so präzise die sorgsam aufgebauten politischen und gesellschaftlichen Fassaden, niemandem außer ihm gelingt es so eindrucksvoll, den Bruch in der Inszenierung zu suchen, geduldig auf ihn zu warten und ihn anschließend sprachgewaltig und doch minimalistisch zu Papier zu bringen. Ein großes Buch.

2. „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery

Die Eleganz des Igels ist ein modernes Märchen, ein Panoptikum voller Schönheit, Genialität, Freundschaft und Liebe. Während die 12-jährige, hochintelligente Paloma beschließt, sich an ihrem 13. Geburtstag in der Wohnung ihrer wohlsituierten Familie in der Pariser Vorstadt umzubringen, da sie dem blasierten, oberflächlichen und scheinintellektuellen Familiendrama entfliehen möchte, arbeitet im gleichen Haus die ebenfalls hochbegabte Intellektuelle Madame Michel als Concierge, unbeachtet und verkannt von der scheinbaren Bourgeoisie, der sie mit heimlicher Verachtung stets zu Diensten ist. Zwischen Madame Michel und Paloma entwickelt sich über die Zeit eine besondere, eine freundschaftliche Beziehung, die ihrer beider Leben zum besseren verändert. Das Buch ist ein Feuerwerk kluger Gedanken, oftmals unheimlich brillanter Sprache, immer aber großer Erzählkunst, die einen nicht mehr loslassen möchte, bis man das Buch zu Ende gelesen hat.

3. „Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza

Mit wenigen, präzisen Worten führt die französische Dramatikerin, die durch Werke wie „Gott des Gemetzels“ berühmt geworden ist, die zunächst undurchsichtigen Erzählstränge und Verbindungen von Paaren, Familien, Liebhabern und Verlassenen, Untreuen und Treuen zusammen zu einem demaskierenden Erzählstück, das nicht unbedingt als Geschenk zum vierjährigen Jahrestag an Freund oder Freundin geeignet ist, raubt es doch ein Stückweit den Glauben an die Möglichkeit, in dauerhaft zufriedener Zweisamkeit zu leben. Gerade deshalb ist dieses Buch von Yasmina Reza ein großes Buch: Ihr gelingt es, hinter den Fassaden der Bürgerlichkeit die Abgründe in unseren Beziehungen ans Licht zu bringen ohne dabei nicht gelegentlich auch einen Moment des Glücks im Leben ihrer Protagonisten zuzulassen.

4. „Sowas von da“ von Tino Hanekamp

Ein Buch wie eine durchzechte Nacht, vollgedröhnt und aufgedreht durch den Hamburger Kiez, Liebe und Verzweiflung, Tod und Wiedergeburt, ganz oben und ganz unten. Tino Hanekamp ist nicht nur erfolgreicher Musikjournalist und Mitgründer des Hamburger Szeneclubs Uebel & Gefährlich, sondern auch ein begnadeter Erzähler, der uns ins seinem Roman „Sowas von da“ mit in eine hyperrealistische, rasante, sich unweigerlich zuspitzende Nacht nimmt. Dabei schreibt er so gut, dass es nicht verwunderlich ist, dass sich die ein oder andere junge Frau allein wegen seiner Prosa und seinem nobel-abgefuckten Äußeren spontan in ihn verliebt hat – so wurde mir das zumindest aus sicherer Quelle zugetragen.

5. „Schimmernder Dunst über Coby County“ von Leif Randt

Wenn man Leif Randt liest, möchte man ihn gelegentlich schütteln. Schütteln und immer wieder schütteln, bis er endlich aufwacht aus dieser lakonischen, beinahe autistischen Erzählstruktur, die einen in den Bann zieht, sich unsichtbar auftürmt und uns warten lässt auf den großen Knall, der sich aber allenfalls als ein seichtes Zischen entlädt. Das Großartige an Leif Randt ist sein geschicktes Spiel mit den Oberflächlichkeiten des Postmaterialismus, die er durch eine pervertierte, fast absurde Skizze, ja Skizze, seines mit sich und seiner Umwelt zufriedenen Protagonisten Wim Endersson im fiktiven Coby County zeichnet. In seiner Apathie erinnert Wim dabei zuweilen an dem Helden aus dem epochalen Roman „Faserland“ von Christian Kracht mit dem Unterschied, dass ersterer anders als Krachts Protagonist nicht an seinem Dasein leidet oder gar zerbricht.

6. „This is Water“ von David Foster Wallace

„This is Water“ ist die Abschlussrede, die der inzwischen verstorbene David Foster Wallace 2005 vor den Absolventen des Kenyon College gehalten hat. Eine legendäre, lebenskluge Ansprache, die einem jeden ans Herz zu legen ist und die es durchaus mit der ebenfalls weltbekannten Stanford-Rede von Steve Jobs aufnehmen kann. Foster Wallace setzt sich in seiner Rede mit dem eigentlichen Zweck universitärer Bildung auseinander und sieht in ihr vor allem die Möglichkeit, willentlich über die Art und Weise zu entscheiden, wie man sein Umfeld wahrnimmt und damit angemessen im Alltag agieren kann. Ein wunderbares Nachdenkstück in Zeiten der stromlinienförmigen Durchkonfektionierung von Bachelor- und Masterstudiengängen.

7. „Pong“ von Sybille Lewitscharoff

„Pong“ ist keine leichte Bettlektüre, auch kein heiteres Buch für den Strand und vielleicht auch ein wenig zu aufwühlend und überfordernd für die Busfahrt ins Büro oder in die Uni. Es ist vielmehr verwirrend, von großer sprachlicher Schönheit, voller Verachtung und Liebe zugleich. Lewitscharoff gelingt mit „Pong“ ein tiefgründiger, ein abgründiger Spaß, ein Feuerwerk an Absurditäten und Undenkbarkeiten, das einen weit länger beschäftigt als ein willkürlich ausgewähltes Buch aus der Spiegel-Bestsellerliste.

8. „Hot Water Music“ von Charles Bukowski

Bukowski ist das Enfant Terrible der internationalen Literatur. Immer besoffen, Skandale über Skandale, verstörende Lesungen und so weiter. In „Hot Water Music“, einem Kurzgeschichtenband, zeichnet Bukowski die Geschichten der Außenseiter der Gesellschaft, der Dichter, der Verrückten, all jener Frauen und Männer, die am Rande der Gesellschaft in billigen Absteigen zwischen Alkohol, Sex, Glücksspiel, Drogen und Literatur nach einem kurzen Moment der Befriedigung suchen, um der Tristesse ihrer Existenz zu entfliehen. Die radikale Sprache, der minimalistische Aufbau und die Reduktion auf diese eine Szene, diesen einen Gedanken, diesen einen, diese wenigen Menschen machen Bukowskis Kurzgeschichtenband zu einem unbedingt lesenswerten, in seiner Deutlichkeit manchmal verstörenden Buch über die Abgründe des Menschlichen und des Menschen.

 

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Bild: Flickr // Malte Hempel // CC BY-SA 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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