Nicht zu glauben, wer hinter „Acid auf Rädern“ von Enkelschreck steckt!

Auch diese Woche haben wir sorgfältig die Spotify Viral 50 Charts Deutschland durchstöbert und eine besondere Perle entdeckt. Naja, entdecken und viral ist ja so eine Sache…wer sich aber hinter Enkelschreck verbirgt, ist kaum zu glauben!

Ja, sie ist angekommen in den Viral Charts: Enkelschreck, Deutschlands wohl älteste Rapperin. Wie sie das bloß geschafft hat? Ist ja erst mal egal – fast 2,5 Millionen Klicks hat ihr Hit „Acid auf Rädern“ auf YouTube. Seit 2011 sammelt sie mit diesem One-Hit-Wonder auch Facebook-Likes (über 8.500). Und nun, vier Jahre später, ist sie sogar im Spotify-Himmel angekommen.

Aber um was geht’s eigentlich bei Enkelschreck?

„Digga, was geht ab? MC Enkelschreck.1925! 2011! Yeah!“ – so krächzt die Gute los. Ihre Stimme hört sich an, wie Das kleine Arschloch in alt. Und dann macht sie ihrem Name alle Ehre, attackiert die Jugend und lobt Ihre Heldentaten im goldenen Alter:

Ich wollte batteln! [Jaaa!] Da bin ich an euch Jungs geraten!
Jetzt hab‘ ich Beef, für meinen Sonntagsbraten.

Das Rezept des Texts ist ganz einfach. Man nehme eine große Portion von dem, was Linguisten als Jugendsprache bezeichnen (zumindest im Jahr 2011), und würze es mit ausgewählten Rentner-Utensilien. So trifft dann hardcore auf Defibrillator, Megaspast auf Corega Tabs und natürlich gibt es Acid auf Rädern. Das wird dann auf YouTube ordentlich gefeiert. Besser als Cro, Haftbefehl & Co sei die Rentnerin. Wahrscheinlich ist das tatsächlich so. Und für „BibiBienchenPower“ steckt in dem Song noch viel mehr: „Sie zeigt das auch alte Menschen noch was bedeuten.“(sic!) Danke, „BibiBienchenPower“, für dieses anrührende Statement. Jetzt ist uns nicht mehr bange vor dem Alter.

Und was soll das?

Enkelschreck hingegen geht voll auf Konfrontationskurs. Jeden Tag rede Sie mit 1000 Pressevertretern und battele dabei alles weg, während wir Jungen zum Therapeuten gingen. Wer jetzt die tiefgründigen Gedanken noch nicht erkannt hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Perlen vor die Säue. Es geht um viel mehr als eine rappende Oma. Wichtige Themen unserer Gesellschaft finden hier ihren künstlerischen Ausdruck: Enkelschreck rappt über den demographischen Wandel, die Macht der Medien und nicht zuletzt über den Coachingwahn der jungen Generation.

Und was soll das wirklich?

Enkelschreck heißt in Wahrheit Luise Lunow und ist eine 69-jährige Schauspielerin aus Berlin. Sie war Teil einer Studie zu viralem Marketing der ARD-Werbung Sales & Services GmbH (AS&S). Die Firma wollte zeigen, welche viralen Ansteckungspotentiale in Radiowerbung stecken. Also haben die Fachleute vom Rundfunk zusammen mit einigen Agenturen den Neologismus Enkelschreck erschaffen und drum herum ein Netz aus sozialen Medien gestrickt: Facebook, YouTube, Twitter und die eigens kreierte Website www.enkelschreck.de. Natürlich kann der geneigte Groupie dort auch Merchandise-Artikel (BILDER AUS SHOP) erwerben. Eingepflanzt wurde der Virus in regionale Radioprogramme in Norddeutschland und hat sich von dort über die ganze Republik verbreitet.

Aus dem Nichts, ohne Fangemeinde, ohne Identität einen solchen Hype zu erzeugen, ist schon eine gigantische Leistung. Hier fangen die spannenden Fragen zur Macht der (sozialen) Medien an: Wenn schon der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Massen so mobilisieren kann, wer noch? Und dabei geht es nicht um abgefahrene Verschwörungstheorien, sondern einfach darum, wer, wann und für wen, welche Themen setzen kann, ohne dass er sich zu erkennen geben muss. Bei Enkelschreck verrät noch das Impressum der Homepage AS&S als Urheber. Im echten Leben ist der Ausgangpunkt einer viralen Ansteckung kaum auszumachen.

 

Bild: Youtube Screenshot

Und hier der Track zum Track der Woche:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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