Haben Studenten ein Recht auf Altbauwohnungen in Szenevierteln?

Selbst Champagnersozialisten läge es fern, einem jeden Studenten das Recht auf Altstadtlage, Seeblick oder Szeneviertel zuzugestehen. Wenn nun die Miete in einer der europaweit – wenn nicht gar weltweit – angesagtesten Gegenden Berlins im Laufe von drei Jahren von 8 auf 9,50 Euro pro Quadratmeter steigt, dann ist das immer noch lächerlich wenig im Vergleich zu allen anderen Metropolen auf der Welt. Viele Studenten, insbesondere die, die in deutschen Großstädten leben, sehen das anders. Nicht wenige sind sich einig: Es herrscht Mietwucher, Wohnungsmangel. Und überhaupt wird jede 2-Zimmer-Bude luxussaniert. Für viele Studenten bedeutet es bereits eine soziale Notlage am Wohnungsmarkt, wenn der halbe Bafög-Satz nicht mehr ausreicht, um ein WG-Zimmer in einer der begehrtesten Lagen der Stadt zu finanzieren.

Unsere Neiderfahrung ist Sandkasten-Marxismus

Es scheint ein ungeschriebenes, studentisches Menschenrecht zu sein für 300 Euro in jedem Szeneviertel ein WG-Zimmer zu bekommen, auch wenn man selbst kein Geld verdient und auf Eltern und Staat angewiesen ist. Am besten mit hohen Decken, knarzenden Dielen und so. Dass die Lebensqualität eines Viertels mit den Mietpreisen korreliert, wird nicht akzeptiert, das Prinzip von Angebot und Nachfrage ignoriert. Natürlich entsteht im Zuge der Gentrifizierung auch ein unbehagliches Gefühl von Neid. Warum kann ich nicht in Berlin Mitte oder München Schwabing wohnen, aber der schon? Absolut verständlich. Aber es ist falsch und dumm, dass sich dieser Neid auf Vermieter oder Eigentümer kanalisiert. Die Schuld für hohe Mieten den Eigentümern zu geben ist nichts anderes als infantiler Sandkasten-Marxismus. Warum? Weil es nicht die Aufgabe des Einzelnen, ergo des Vermieters ist, für sozialen Ausgleich zu sorgen.

Es gibt kein Menschenrecht auf Altbauwohnungen in Szenevierteln

Die Wut aber bleibt. Wenn wir also eine Sau durchs Dorf treiben wollen, würde ich zur Abwechslung den Staat respektive die Kommunen als Schuldige vorschlagen. Zwar ist auch das etwas zu einfach, aber das menschliche Bedürfnis nach Schuld ist tendenziell unterkomplex und mag nicht mehrere Schuldige. Die Forderung an den Staat als Korrektiv für sozialen Ausgleich zu sorgen, ist mit Sicherheit sinnvoller als vom Individuum zu verlangen karitativ bei der Wohnungsvermietung zu wirken. Wenn es als soziales Erfordernis angesehen wird, dass auch Menschen ohne nennenswertes Einkommen in den zentralen Lagen der Großstädte wohnen sollen, dann kann das nur über staatliche Regulierung bzw. den sozialen Wohnungsbau gehen. Das bedeutet, dass bezahlbarer Wohnraum mit einem Mietpreis unter Marktniveau nur vom Staat oder einer Genossenschaft zur Verfügung gestellt werden kann, nicht aber vom ortsansässigen Vermieter oder Investor. Hinzu kommt die „Schuld“, dass die Kommunen viele Wohnungen an private Investoren verkauft haben, um die Löcher in ihren Haushaltskassen zu stopfen. Dem Wohnungseigentümer nun aber Missbrauch vorzuwerfen, wenn er die Mieten gemäß der staatlichen Richtlinien anhebt, entspricht der Logik sich beim Tankstellenwart über die steigenden Benzinpreise zu beschweren.

In 20 Jahren stehen wir auf der anderen Seite

Viele der Studenten, die sich heute über steigende Mietpreise beschweren, werden selbst in 20 Jahren auf der Seite der Vermieter stehen und Wohnraum vermieten. Glaubt jemand ernsthaft, dass die Vermieter von Morgen auf viele Tausende Euro freiwillig verzichten werden? Von einem Wohnungseigentümer sozialstaatliches Verhalten zu verlangen zeugt von einer moralischen Überheblichkeit, deren Ursprung ausschließlich am derzeitigen, eigenen finanziellen Mangel festzumachen ist. Der Anspruch, als Student für 300 Euro in jedem Szeneviertel ein geräumiges WG-Zimmer zu finden, ist durch nichts begründet. 15 Minuten mehr mit dem Fahrrad zu fahren oder 10 Minuten länger in der Straßenbahn zu sitzen, um dann im gelobten Viertel seinen Kaffee aus der trendigen Rösterei für 3,50 Euro zu trinken, ist jedem zu zumuten. Die vermeintliche Wohnungsnot in Deutschland ist, insbesondere für Studenten, ein Luxusproblem und kein Problem sozialer Ungerechtigkeit oder des Missbrauchs durch Wohnungseigentümer. Wir können uns froh schätzen nicht 1.500 Euro, wie es in New York, London oder Paris üblich ist, für eine Besenkammer bezahlen zu müssen. Ich halte das Prinzip des sozialen Ausgleichs für eines der wichtigsten unserer Demokratie – es darf aber nicht mit dem Lifestyle-Anspruchsdenken vieler Studenten verwechselt werden. Chancengerechtigkeit und ein würdevolles Leben wie man es in Deutschland erwarten kann, gar erwarten muss, definieren sich nicht durch die Nähe zu Gin-Bars und Hipster-Boutiquen.

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Bild: Snapwire Snaps über CC0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht

Svens politische Ansichten pendeln zwischen denen von Franz Josef Strauß und Sahra Wagenknecht. Genauso haltlos gestaltet sich die Suche nach dem richtigen Beruf: Von der spießigen Beamtenkarriere in Münster bis hin zur hippen Berliner Selbstständigkeit kann er sich alles irgendwie und irgendwie doch nicht vorstellen. Tiefkühlpizza und Avocado-Mangosalat, Dosenbier und Champagner, RTL und Arte. Gelebte Dialektik als Lebenseinstellung - für ihn keine Ausrede, sondern einer der wenigen, wegweisenden Erkenntnisse der letzten Jahre.
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