Die seltsame Magie des Après-Ski

„Kein Bier vor vier“ – dieser etwas vulgäre Spruch ist semantisch ganz interessant, weil er oberflächlich eine gesellschaftliche Restriktion ausspricht, damit aber etwas rechtfertigt, von dem man tief im Inneren weiß, dass man es eigentlich nicht tun sollte: Bier trinken um bzw. kurz nach vier. Inhaltlich ist er hingegen recht dümmlich, da er schlicht dem billigen Reim geschuldet ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Biertrinken um 15:59 Uhr verpönt sein sollte, wenn es um 16:00 Uhr dann plötzlich okay ist. Rational hat er also überhaupt keine Daseinsberechtigung. Auch praktisch ist er eher überflüßig, weil meist doch niemand um vier Bier trinkt. Man wird dann müde, es sei denn man trinkt weiter, aber dann ist man um acht schon besoffen und eigentlich wollte man später noch ins Prince Charles.

In der freien Wildbahn gut ausgebildeter Mittzwanziger sitzt man um vier meist eher in seiner Werbeagentur, streichelt seinen Hund und postet ein Bild auf Instagram, anstatt Bier zu trinken. Wenn man doch mal frei hat, geht man lieber auf einen Flohmarkt, ohne was zu kaufen, einfach nur, weil das alle machen und irgendjemand mal beschlossen hat, dass man jetzt Aktivitäten braucht, die garantieren, dass man am nächsten Tag keinen Kater hat. Wenn die Sonne scheint, kann man dabei auch herrliche Instagrambilder schießen. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, Menschen zu finden, die auch ohne ernsthaftes Alkoholproblem um vier schon Bier trinken – genaugenommen um vier erst Bier trinken, weil vorher geht ja nicht, kein Bier vor vier und so. Doch dann war ich im Skiurlaub. Nach einem langen Tag voller Pistenabenteuer schnallte ich erschöpft meine Skier ab, stand vor dem „Hofstadl“ in Flachau, Österreich, und alles ergab plötzlich einen Sinn.

Après-Ski: Die institutionalisierte Rechtfertigung für nachmittäglichen Alkoholkonsum

Der Blick auf die Uhr sagt Viertel nach, die Lifte zu und der Laden voll: Après-Ski. Endlich hatte ich die institutionalisierte Rechtfertigung für nachmittäglichen Alkoholkonsum gefunden. Die Arbeit ist getan, und das schon um vier, einfach weil es sich im Dunkeln nicht so gut Ski fährt. Außerdem fühlt man sich nach einem Tag auf der Piste wie diese Rockstars, die zu Alkoholikern werden, weil sie nach ihren Konzerten nicht wissen wohin mit ihrem Adrenalin und dann ständig Hotelzimmer zerstören. Skifahren geht nicht mehr, weil die Lifte zu sind, das Erlebte muss aber verarbeitet werden, weil Skifahren so aufregend ist, und meist ist es dann kurz nach vier. Dunkle Mächte wollen, dass wir Après-Ski machen. Und wenn die das sagen, dann lasse ich mich nicht lange bitten. Kein Bier vor vier, Yolo und Valar Morghulis.

Also trete ich ein in den selbsternannten Après-Ski-Tempel. Es ist laut, verraucht und eng. Aus den Lautsprechern tönt frech Micky Krause, der die These aufstellt, dass man wesentlich besser beim anderen Geschlecht ankäme, wenn man denn eine gesunde Hautfarbe besitzt (siehe unten).  „Furchtbar“, denkt ihr jetzt sicher und habt nicht ganz Unrecht. Allerdings ist das Ganze auch nicht schlimmer als an einem Samstagabend um zehn in eine laute, verrauchte und enge Neuköllner Hipsterkneipe zu gehen. Nüchtern ist beides nur schwer zu ertragen. Der Vorteil beim Après-Ski ist, dass man sich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit in Österreich befindet und wir seit Wanda viel lieber b’soffn als besoffen sind. Und das wird man – versprochen. Erst der Gedanke an die Neuköllner Sofabar oder den Berliner Techno-Club lässt das wahre Potenzial eines gepflegten Après-Ski Nachmittags hervorblitzen: Ein ungeliebter Antiheld, verstoßen aus der Uniformität der vermeintlichen Individualisten, die in ihrem Verhalten, Aussagen und Meinungen in Wahrheit gleichförmiger sind als die Medien in Nordkorea.

Darum ist Après-Ski manchmal besser als jede Neuköllner Hipsterkneipe

Wenn alle schwarzangezogen auf Techno-Partys gehen, gehe ich verschwitzt und nach Käsefüßen stinkend zum Après-Ski. Hier interessiert es niemanden, wie du aussiehst, weil halt alle scheiße aussehen. Die Frisur sitzt nun mal nicht, wenn man den ganzen Tag unter einen hässlichen Helm geschwitzt hat und Skischuhe sind leider keine Airmax. Nach dem dritten Bier nach vier stören auch die anderen Menschen und der konstant laute Lärmpegel nicht mehr so sehr und man ist geneigt „Geh mal Bier holen du wirst schon wieder hässlich“ mitzusingen. Die politisch unkorrekten Textzeilen sind natürlich alle nur ironisch gemeint, genau wie bei Kollegah oder Haftbefehl.

Auch für das Selbstbewusstsein ist Après-Ski recht förderlich, wenn man sonst das prätentiöse Großstadtvergnügen gewohnt ist. In letzterem verhält sich das eigene Ego meist wie nach einem Blick auf Instagram, bei dem man irgendwelchen Selfmademodels zuschauen kann, was für ein perfektes Leben sie führen, während man selber gerade wieder in Jogginghose vier Folgen Game of Thrones geschaut hat. Egal, wie lange du vor dem Kleiderschrank standest, bevor du in eine dieser bewundernswerten Bars gehst, irgendjemand stand länger davor. Egal, wie toll dein Job ist, irgendjemand hat einen tolleren. Beim Après-Ski hingegen kann man sich wenigstens sicher sein, dass man als männlicher Mittzwanziger, allein wegen des biologischen Alters und der damit verbundenen negativen Korrelation mit der Bierbauchgröße, oft einen Attraktivitätsvorteil gegenüber den anderen Gästen hat. Mit ungerechtfertigtem Selbstbewusstsein und nochmal drei Bier nach vier später, steht man dann plötzlich in Skischuhen auf den robust-rustikalen Holztischen und singt lauthals „20 Zentimeter, nie im Leben kleiner Peter“. Auch wenn die Ballermann- bzw. Après-Ski-Musikindustrie durchaus bemüht ist neue Hits zu kreieren – ein Klassiker bleibt ein Klassiker. Ich merke, dass es ein gewagtes Unterfangen ist in Skischuhen auf Tischen zu tanzen und denke, dass es beim Après-Ski bestimmt genauso viele sturzbedingte Verletzungen geben muss, wie bei dem, was man gewöhnlich davor macht. Schuhtechnisch haben Snowboarder hier einen entscheidenden Vorteil.

Der Abwärtsvergleich als fadenscheiniges Indiz für ein vermeintlich lebenswerteres Leben

Alles in allem ist Après-Ski eine recht prollige Angelegenheit und sie reflexartig abzulehnen natürlich nachvollziehbar. Allerdings vergesst ihr bei der ganzen Sache viel zu schnell, worum es wirklich geht, wenn ihr Freitagabends in die Kneipe oder Dienstagnachmittag zum Après-Ski geht: Um Spaß an der Sache, um die Möglichkeit sich abzulenken und manchmal einfach um eine Flucht aus der sonst oft tristen Realität. Es ist völlig egal, ob irgendwelche Styleguides, Lifestylemagazine oder der vermeintliche Zeitgeist toll finden, was du machst, wenn du nicht gerade in deiner Werbeagentur sitzt. Dem geneigten Dorfdiskogänger, Junggesellenabschiedbauchladenverkäufer oder Schlagerfan ist es herzlich egal, was wir davon halten wie er seine Freizeit gestaltet, solange ihm gefällt, was er macht. Er ist uns hingehen offensichtlich nicht egal, wenn wir uns bewusst von ihm abgrenzen, nur um das eigene Ego zu überhöhen. Der Abwärtsvergleich als fadenscheiniges Indiz für ein vermeintlich lebenswerteres Leben. Mit unserer vermeintlichen Subversivität unterwandern wir subversiv auch unsere eigene Freizeit und führen Konkurrenzdenken und Missgunst da ein, wo wir uns dem Ganzen doch eigentlich entziehen wollen. Passen wir nicht auf, geht es uns plötzlich nicht mehr um Spaß, Unterhaltung oder die Zeit, die wir mit Menschen verbringen, mit denen wir auch wirklich Zeit verbringen wollen, sondern nur noch darum, ob das alles auch hip genug ist für einen Instagrampost an die Kollegen aus der Werbeagentur.

 

Bild: flickr // BiblioArchives / LibraryArchives // (CC BY 2.0)

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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