Balanceakt – Das Leben als Seiltanz

Ganz ruhig und behutsam schiebe ich meinen linken Fuß vor den rechten. Ich weiß, dass ich in diesen Sekunden meinen sicheren, beidbeinigen Stand aufgebe, mehr noch: Dieses Bewusstsein stachelt mich an! Ich möchte es wagen, denn auf diesen Moment habe ich lange gewartet. Gleichzeitig strecke ich meine Arme von mir, als könnten sie mir Sicherheit und Stabilität verleihen – jetzt, vor allem aber in den unsicheren und ganz neuen Situationen, die mich erwarten. Das Seil spüre ich unter meiner linken Fußsohle. Es ist stark gespannt, es erscheint mir stabil und sicher. Wann dieser Eindruck wohl zum ersten Mal schwinden wird? Und wie ich dann Sicherheit und Stabilität zurückerlangen werde?

Mein Gehirn im Standby-Modus

Was werde ich aufbringen müssen? Welche Kraft kann ich aufwenden? Steckt diese Kraft schon jetzt in mir? Oder ist es viel eher eine Kraft, die ich geschenkt bekomme, eine Kraft, die mir verliehen wird, wenn ich sie brauche? Die nächsten Schritte, sie folgen wie von selbst – als hätte mein Gehirn auf „Standby-Modus“ umgeschaltet und jede Steuerfunktion an mein Bauchgefühl weitergegeben. Dieses erweist sich als erstaunlich zuverlässig! Doch: Wo hat der gewohnte Zweifel in diesem System Platz? Muss er sich erst Raum verschaffen?

Ein kühler Windhauch streift mein Gesicht. Er erweckt einen Wunsch in mir, der mir im Nachhinein längst überfällig erscheint: Ich schaue mich um, registriere, wer sich noch auf den Weg begeben hat und mutmaße mit analytischem Blick über ihre Beweggründe. Warum merke ich erst nach den ersten Schritten, dass dies nicht mein persönlicher Seiltanz ist? Es soll und darf nicht um mich und meinen Balanceakt gehen. Ich möchte die Vision eines Gemeinschaftsprojekts entwickeln.

Seiltanz und ein Lächeln des Nachbarn

Nur diese rechtfertigt das Tänzerische des Vorhabens, die vorgegebene Leichtigkeit, die ich nicht empfinde und die mir doch unabdingbar erscheint. Ein gemeinsames Bestreben birgt Freude und Spaß, Hilfe und das Gefühl, gebraucht zu werden. Niemand wird wagemutig auf ein Seil des anderen zu springen versuchen, ein Lächeln des Nachbarn aber wird hin und wieder Gold wert sein.

Wohin es uns tragen wird? Kein Seil führt hinauf, jedes bahnt einen stringenten und geraden Weg, aber einen Weg, in dem allenfalls Pausen, nicht jedoch Umwege eingeplant sind.

Lassen wir die Beine baumeln

Aus dem Augenwinkel registriere ich, dass die Balance einiger Seiltänzer nachlässt. Ich greife nach den Händen, die mir am nächsten erscheinen. Zugleich höre ich in mich selbst hinein und merke, dass die Konzentration nachlässt. Eine beunruhigende Einsicht! „Wo sind sie, unsere An- und Auftriebe?“, frage ich mich. Dann öffnet sich mein Blick: Setzen wir uns ein Weilchen. Lassen wir die Beine baumeln. Ist dafür Zeit? Haben wir Geduld? Lassen wir ein Auftanken zu?

Wir Seiltänzer verwickeln uns in Gespräche, die unsere Synapsen verknoten. Wir reizen uns aus und entscheiden uns damit immer neu für ein JA.

Ich finde zu mir zurück. Meine Fußspitzen zeigen nach vorne. Sie sind gleich ausgerichtet wie meine innere Kompassnadel. Es kann weiter gehen!

 

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Bild: Flickr // Jakub Michankow // CC BY 2.0

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Anna Maas

Anna Maas

Nach der resignierenden Einsicht, dass der Medizinstudentenalltag in den ersten Jahren vor allem Reproduktion erfordert, möchte Anna mehr Abwechslung in ihren Alltag bringen, als die Marmeladensorten auf ihrem Frühstücksbrot zu variieren. Anfang 20 und unerfahren schreibt sie vor allem über das, was sie bewegt. An den Wochenenden ist sie meist entlang der Linien des deutschen Fernbusnetzes zu finden. So ließ es sich schwer vermeiden, ihren Reflexionen in müßigen Staustunden nach und nach Struktur zu verleihen. Inspiriert durch die Telefongespräche ihrer Nebensitzer mit Hörsturz entstanden Anstöße in der beruhigenden Atmosphäre stickiger Busluft und brummendem Motor - nun ist sie dankbar, sie hier laut werden zu lassen!

Anna Maas