„Ich klebe mit viel Liebe“

Barbara klebt und klebt: Mit kleinen Zetteln und Plakaten verfremdet sie Verbotsschilder, gibt ihnen mal ernste, mal provokante, mal fröhliche Botschaften. Sie macht den urbanen Raum zu ihrer Galerie, ihre Umdeutungen dessen, was ist, regen zum Nachdenken und Schmunzeln an. Subversiv und zugleich unterhaltsam arbeitet sie sich mit ihrer Street Art in letzter Zeit vor allem an einer Öffentlichkeit ab, in der immer mehr vermeintlich besorgte Bürger Hass und Hetze verbreiten. Ihr Werk, das sie auf Facebook und kürzlich in ihrem ersten Buch „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle“ veröffentlicht, ist ein kluges, gewitztes Plädoyer für eine tolerantere Gesellschaft, für mehr Liebe statt mehr Hass.

Barbara

Bild: © Barbara.

Wie geht sie mit der rasant gestiegenen Aufmerksamkeit für ihre Arbeit um? War 2015 nun ein gutes Jahr oder nicht? Und womit klebt Barbara eigentlich – Tesafilm, Kleister oder Kaugummi? Wir hatten die Gelegenheit ihr einige Fragen zu stellen. Natürlich anonym, denn Barbaras wahre Identität ist nur einem einzigen Menschen bekannt, wie sie uns im Interview sagt.

 

Müßiggang Magazin: Willkommenskultur, unzählige freiwillige Helfer, „Wir-schaffen-das“-Merkel, aber auch Pegida-Aufmärsche mit Zehntausenden und brennende Flüchtlingsheime – war 2015 nun ein gutes Jahr oder nicht?

Barbara: Es war aus meiner Sicht ein sehr aufregendes Jahr. Es gab dramatische Katastrophen, aber eben auch viele schöne Begebenheiten. Ich denke, dass jedes Jahr unterm Strich ein gutes Jahr ist oder war, wir sollten dankbar sein hier sein zu dürfen. Jede/r einzelne von uns. Leid und Elend sind wohl leider ein Teil des Lebens. Trotz allem ist das Leben aber schön.

Müßiggang Magazin: Eines deiner Motive ist immer wieder, dass Liebe stärker als Hass ist. Gibt es da ein Schlüsselerlebnis, das diese Botschaft bei dir eingebrannt hat?

Barbara: Diese Erlebnisse habe ich ständig. Jedes Problem dieser Welt ist viel kleiner, wenn man jemanden hat, der einen liebt. Kinder die von ihren Eltern geliebt werden, sind viel weniger anfällig für Hassprediger und irgendwelche Hetzer, weil sie das schöne und positive Gefühl der Liebe kennen und sofort feststellen, dass dieser ganze Hass-Mist sich einfach nur schrecklich anfühlt.

Müßiggang Magazin: Inzwischen kennen deine Plakate ja hunderttausende – wächst da nicht die Gefahr, dass dich mal einer knipst, während du deine Bilder knipst? Wie oft war es schon richtig knapp?

Barbara: Ich bin sehr vorsichtig und bisher hatte ich immer Glück. Ich hoffe, dass es noch möglichst lange so bleibt. Für den Fall, dass ich mal erwischt werde, hab ich noch einen geheimen Notfallplan, aber ob der dann funktionieren wird muss ich abwarten.

Müßiggang Magazin: Wie viele Menschen gibt es denn, die wissen, dass du Barbara. bist?

Barbara: Es gibt eine Person, die mich unterstützt und meine Identität kennt. Dieser Person vertraue ich zu 100 Prozent. Sonst weiß das niemand, weder Freunde noch Familie.

Barbara

Bild: © Barbara.

Müßiggang Magazin: Das ist ein wirklich enger Kreis. Aber wahrscheinlich funktioniert es auch nur so. Verändert die große Reichweite deine Arbeit? Überlegst du manchmal zwei mal, ob du ein Plakat wirklich machst, weil die Verantwortung größer geworden ist?

Barbara: Die Arbeit auf der Straße hat sich dadurch nicht verändert, aber manchmal entscheide ich mich dafür ein Foto einer Aktion nicht in die sozialen Netzwerke zu schicken. Meine Arbeit ist sehr spontan und impulsiv. Ich sehe etwas auf der Straße, das ich kommentieren möchte, lasse mir was einfallen und setze es schnell in die Tat um, denn das was ich kommentieren will könnte wenige Minuten später schon nicht mehr da sein, darum muss ich sehr schnell sein. Wenn ich dann zuhause meine Fotos anschaue, stelle ich manchmal fest, dass eine meiner Aussagen zu viel Interpretationsspielraum lässt und das kann in sozialen Netzwerken eine Dynamik in die falsche Richtung entwickeln. All die Subtexte und Gedanken, die ich im Kopf habe während ich an einem Spruch arbeite sind auf meinen Plakaten nicht zu sehen und es kann durchaus passieren, dass ein Spruch ohne diese Gedanken auch so interpretiert werden kann, dass ich mich in dieser Interpretation überhaupt nicht wiederfinden kann. Dann ist es aber im Netz und ich kann daran nichts mehr ändern. Das war am Anfang noch einfacher, denn da hat es einfach keinen interessiert was ich auf diese kleinen Zettel schreibe. Aber mit dem steigenden Interesse an meiner Arbeit ist auch die Reflektion meiner eigenen Arbeit gewachsen. Ich sehe es durchaus als Vorteil nicht jede Idee der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, sondern sie erstmal zu überdenken oder überschlafen.

Müßiggang Magazin: Du sagst, dass du dich treiben lässt und dir deine Inspiration situativ in der Stadt suchst: gibt es dennoch irgendwas, das du schon lange verfolgst? Irgendwer, der sich ein Barbara. Plakat so richtig verdient hat?

Barbara: Sollte Lutz Bachmann (Pegida) eines Tages für ein politisches Amt kandidieren und Plakate von sich aufhängen lassen, dann werde ich dagegen mindestens 88 Plakate kleben. Er ist einer der krassesten Hetzer, die Deutschland zur Zeit ertragen muss. Ich verabscheue Menschen wie ihn. Alles was ich von ihm lese ist darauf ausgerichtet die Herzen der Menschen mit Hass zu verführen. Er bezeichnet Ausländer als Vieh, ruft ständig dazu auf sich die Namen der politischen Gegner zu merken, wahrscheinlich um sie im Falle einer Machtergreifung fertig zu machen. Um es mal milde auszudrücken. Jede/r sollte seine politische Meinung frei äussern können, auch und gerade wenn sie vom Mainstream abweicht. Aber gegen Hassprediger brauchen wir Widerstand. Ich habe mich für den Widerstand mit Botschaften auf kleinen Plakaten und Zetteln entschieden.

Barbara

Bild: © Barbara.

Müßiggang Magazin: Wikipedia sagt, der Name Barbara kommt aus dem Griechischen und heißt sowas wie „die Fremde“ – Absicht oder Zufall?

Barbara: Beides.

Müßiggang Magazin: Interessant. Eine technische Frage: Tesafilm, Prittstift, Kleister, Sekundenkleber, Kaugummi – womit klebst du?

Barbara: Ich klebe mit viel Liebe.

Müßiggang Magazin: Und das hält scheinbar gut. Ist Barbar eigentlich ein Alter Ego von dir oder hat sich da jemand einen Spaß draus gemacht? Wenn ja, weißt du, wer dahinter steckt?

Barbara: Interessant, das ist das erste mal dass ich in einem Interview auf den Barbar angesprochen werde. Ich hab das Gefühl, dass dieser Barbar in Zukunft noch öfters seinen Senf zu meinem Senf geben wird.

Müßiggang Magazin: Die Aussage lässt Interpretationsspielraum. Noch mal eine grundsätzliche Frage zu Kunst im öffentlichen Raum: Früher musste Christoph Schlingensief ankündigen, mit vier Millionen Arbeitslosen in den Wolfgangsee zu springen, um Helmut Kohls Ferienhaus zu überfluten – heute erreichst du über Facebook mehr als 300.000 Menschen mit einem Bild, auch das Zentrum für politische Schönheit oder Dies Irae nutzen digitale Kanäle, um enorme Reichweiten zu erzielen. Ist es leichter geworden, Menschen mit Kunst und politischen Botschaften zu erreichen?

Barbara: Die sozialen Netzwerke bieten die Möglichkeiten dazu sehr viele Menschen zu erreichen und geben grundsätzlich jedem diese Chance, egal ob man eine Lobby im Rücken hat oder nicht. Da das aber jede/r Künstler/in oder Aktivist/in weiß, ist es wiederum nicht unbedingt einfach in dieser Masse wahrgenommen zu werden.

Müßiggang Magazin: Du verbringst viel Zeit in Heidelberg und Berlin, wie du in Interviews sagst, und klebst dort viele deiner Plakate. Gibt es irgendwas, was die beiden Städte verbindet? Unterscheiden sich die Arbeiten, die du in Heidelberg und Berlin machst?

Barbara: In Berlin gibt es tausende von Menschen die ihre Botschaften hinterlassen, gesprüht oder geklebt. Dort ein Schild zu finden, auf dem die ursprüngliche Botschaft, wie zum Beispiel Einfahrt freihalten, noch zu erkennen ist, ist gar nicht so einfach. Berlin ist von oben bis unten zugeklebt. Heidelberg hat meine Arbeitsweise nachhaltig verändert. Da ist es eben nicht so, es gibt zwar auch eine sehr aktive Szene, aber in viel kleineren Dimensionen. Die Stadt und auch ihre Schilder sind sehr sauber. Da hab ich mir dann die Frage gestellt ob ich möchte, dass auf Dauer ganz Heidelberg mit meinen Zetteln überflutet wird und ich habe mich dagegen entschieden. Ich möchte die Menschen nicht zumüllen. Deshalb klebe ich meine Sachen so, dass sie sehr einfach und rückstandsfrei entfernt werden können.

Barbara

Bild: © Barbara.

Müßiggang Magazin: Natürlich will jeder wissen, wer hinter Barbara. steckt, natürlich wirst du es nicht verraten. Wir versuchen es ganz geschickt: Heidelberg – einer unserer Autoren und Mitgründer kommt auch aus Heidelberg. Heidelberg ist ja nicht so groß. Kennst du zufällig einen Gerrit Seebald?

Barbara: Ich versuche ganz geschickt zu antworten: Ich mag Erdbeerkuchen. Mit echten Erdbeeren drauf. Nicht so künstliche Dinger, sondern ganz frische. Am besten aus Omas Garten. Mmmh…. Erdbeeren.

Müßiggang Magazin: Da hast du uns dann in Sachen Geschick noch mal deutlich übertroffen. Der Vollständigkeit halber mussten wir trotzdem danach fragen. Liebe Barbara, ich habe mich sehr über deine ausführlichen und spannenden Antworten gefreut.

Barbara: Kein Problem, liebe Grüße an Gerrit.

Müßiggang Magazin: Ich richte sie aus – ganz gleich ob bekannterweise oder unbekannterweise.

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Titelbild: © Barbara.

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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