Berlin und die Primarktüte – Eine Liebesgeschichte

Wenn es ruhiger wird in der Berliner U-Bahn, wenn müde, biertrinkende Handwerker ihre Plätze tauschen mit übernächtigten, glitzernden Mitzwanzigern. Wenn sich in den Türen nicht mehr genervte Berufspendler um einen Platz an der rettenden Haltestange streiten, sondern aufgeregte Touristen mit ihren Spiegelreflexkameras den Deckenfahrplan studieren, dann ist Wochenende in der Berliner U-Bahn. Dann ist ihre Zeit gekommen und sie übernimmt das Geschehen. Sie fällt jetzt auf, in ihrer aufdringlichen Einfachheit und in ihrer subtilen Dauerpräsenz. Sie hat jetzt Platz zwischen schwarz-weißen 135 Euro Nikesneakern oder auf den Schößen absichtlich ausgewaschener 20 Euro Jeans. Ihr Lebensraum erstreckt sich über das gesamte U-Bahn-Netz Berlins, von Falkensee nach Hellersdorf von Hermsdorf nach Schönefeld. Während sie in den Randgebieten, weit weg von Zuhause, oft alleine anzutreffen ist, lassen sich in den Ballungszentren des Wochenendkonsums ganze Rudel ausmachen. Am Alexanderplatz oder der Berliner Straße trifft sie sich mit ihresgleichen, um von dort aus erst das U-Bahn-Netz und dann die ganze Stadt zu übernehmen, bis sie schließlich in den Schlaf- und Kinderzimmern Berlins ihr wahres Ich zeigt.

Eine kartonbraune Tüte übernimmt die Stadt

Geliebt, gehasst, aber vor allem nicht mehr wegzudenken in ihrem absurd-ironisch anmutenden Ökoschick, wenn man bedenkt, was sich unter der Oberfläche verbirgt: Die kartonbraune Primarktüte mit dem hellblauen Emblem. Würde man in jeder einen GPS-Sender verstecken, ich sage euch, die Karte sähe aus, wie der Versuch, mit dem dünnsten Pinsel bei Paint das ganze Blatt vollzumalen bis nichts mehr weiß ist.

Mitleid, Neid und Ernüchterung

Wenn ich also in der U-Bahn sitze, an einem Samstagnachmittag in Berlin, vielleicht glitzernd, ganz sicher mit 135 Euro Sneakern, und mir das faszinierende Konsumschauspiel anschaue, werde ich nachdenklich. Natürlich kommt zunächst der politisch korrekte, konsumkritische Beißreflex. Allerdings lässt dieser sich, mit einem Blick auf die eigenen Schuhe, die sicherlich auch schon einige Kinderhände gesehen haben, schnell und wirksam therapieren. Ein anderes, seltsames Gefühl stellt sich ein, vor allem, wenn das Glitzern der Grund ist, dass ich samstagnachmittags U-Bahn fahre. Es ist eine Mischung aus Mitleid, Neid und Ernüchterung. Mitleid, weil ich die Vorstellung erschreckend finde, dass das Highlight einer nine-to-five Woche aus einem Besuch bei Primark und einem McFlurry Oreo besteht. Ich stelle mir vor, wie sie erschöpft und zufrieden mit ihren Primarktüten nach Hause kommen. Mit laufender Nase und roten Backen von der Winterluft schlüpfen sie aus ihren 135 Euro Sneakern, strecken die Füße weit von sich und freuen sie sich auf die letzte Ausgabe Schlag den Raab. Nach der erfolgreichen Shoppingtour machen sie es sich auf dem Sofa gemütlich, während sie auf die Pizza warten. Jetzt kommt er, der Neid, denn meine Erkenntnis, dass mich das nicht glücklich macht, macht mich nicht glücklicher. Dann merke ich, dass es ihnen egal ist, was ich davon halte, seinen Samstagnachmittag bei Primark zu verbringen. Dass ich ihnen egal bin, mit meiner Überheblichkeit, sie mir offensichtlich aber nicht. Ich merke, dass das Leben einfacher sein kann, wenn man es sich einfacher macht. Der Wunsch kommt auf, ein Teil eines solchen Lebens zu sein, dann die Erkenntnis, dass das niemals passieren wird. Ich unterdrücke den Neid, verstecke mich hinter meiner intellektuellen Arroganz und mache mir vor, dass die Melancholie der Preis der Erleuchtung ist. Der junge Werther war schließlich auch todunglücklich und van Gogh hat sich sein Ohr sicher nicht vor Freude abgeschnitten.

Und wer ist eigentlich schuld an diesen Seitfahrsitzbänken?

Und so sitze ich in der U-Bahn, an einem Samstagnachmittag in Berlin, und frage mich, wer diese Seitfahrsitzbänke erfunden hat und wie ich es vermeide, beim Anfahren meinem Sitznachbarn unangenehm nahe zu kommen. Ich möchte ihm schließlich meine Fahne ersparen.

Und jetzt, jetzt muss ich nach Hause, schlafen. Am Montag um Neun geht schließlich die Arbeit wieder los. Geld und 3 Euro T-Shirts wachsen eben nicht auf Bäumen. Ernüchterung.

Halt, noch nicht weiterlesen – wir brauchen deine Unterstützung

Du willst weiterhin richtig gute Artikel im Müßiggang Magazin lesen? Dann unterstütze jetzt unsere Crowdfunding-Kampagne. Wir bauen auf deine Spende, um das Müßiggang Magazin noch besser zu machen. Hier kannst du uns unterstützen und dir dein Dankeschön aussuchen.

Bild: Flickr // markheybo // CC BY 2.0

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

Folge mir

Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
Folge mir