Blockchain – Die Dampfmaschine des 21.Jahrhunderts

Im Jahre 1943 prognostizierte der damalige Chef von IBM, Thomas J. Watson, dass es weltweit vielleicht einen Markt für fünf Computer gebe. Keinesfalls eine dumme Aussage. Schließlich war es zu der damaligen Zeit ohne fieberhaftes Rumfantasieren praktisch unmöglich, das Potential von Computern vorherzusagen. Man konnte es sich schlichtweg nicht vorstellen. Ähnlich verhält es sich mit allen großen Erfindungen, die ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen voraussetzen. Egal, ob im Jahre 1943 oder im Jahre 2016.

Ohne eine enorme Abstraktionsfähigkeit sind Innovationen heute nicht begreifbar

Der Vorteil heutzutage ist: Wir haben uns an die Digitalisierung in vielen Lebensbereichen bereits gewöhnt und hinterfragen die Grenzen des Machbaren. Der Nachteil heutzutage ist: Jede digitale Errungenschaft erfordert ein enorm hohes Maß an Abstraktionsfähigkeit. Innovationen sind nicht mehr physisch zu greifen oder zu begreifen, vielmehr noch, sie lassen sich nicht mehr lokalisieren. Es gibt keinen Ort mehr. Was geschieht, geschieht überall. Selbst die zentralen, von Unternehmen oder Institutionen kontrollierten Serverräume, auf denen du deine Urlaubsfotos hochladen kannst, scheinen nicht mehr zwingend notwendig zu sein. Auch sogenannte disruptive Technologien, also Technologien, die die Fähigkeit haben einen ganzen Geschäftszweig, ein Business, neu zu definieren, werden Opfer ihrer eigenen Innovationsgeschwindigkeit.

Blockchain – die größte Erfindung des bisherigen 21. Jahrhunderts?

Worauf spiele ich an? Genau, auf das dieses Wort in der Überschrift: Blockchain. Die Blockchain ist genauso eine disruptive Technologie, die das Zeug hat, vielleicht zu der größten Erfindung des bisherigen 21. Jahrhunderts zu werden und vermeintlich hochmoderne Technologien abzulösen. Der ein oder andere wird von der Blockchain im Zusammenhang mit der digitalen Währung Bitcoin gehört haben. Bitcoin kann als eine Art nützliches Abfallprodukt der Blockchain gesehen werden, das als anonymes, digitales und dezentrales Zahlungsmittel (unterliegt keiner Autorität wie z.B. einer Notenbank) genutzt werden kann. Wie wir von den investigativen Vice-Reportagen wissen, wurden Bitcoins vor allem zum Erwerb von Waffen, Koks und Co. im Darknet genutzt, da die Währung ihren Nutzern Anonymität bietet. Inzwischen hat sich ein Imagewandel vollzogen und immer mehr rechtschaffene IT-Hipster nutzen Bitcoins, um in einigen Cafés und Bars in Berlin zu bezahlen, am Bitcoin-Geldautomaten Geld abzuheben oder ihren Lebensmitteleinkauf im Edeka-Onlineshop zu bezahlen. Eben alles, was man mit „normalem“ Geld auch machen kann, nur eben vor allem online und noch nicht überall. Wer zum Thema Bitcoins mehr erfahren möchte dem empfehle ich die deutschsprachige News- und Informationsplattform zum Thema Bitcoin btc-echo.de.

Was bedeutet Blockchain denn eigentlich?

Viel interessanter aber ist die Technologie, auf der Bitcoin basiert – das ist, wie eben schon angesprochen, die Blockchain. Kurze Erklärung gefällig?

Die Blockchain ist eine Datenbank bzw. eine verschlüsselte Textdatei, die alle jemals getätigten Transaktionen, wie ein Protokoll, aufzeichnet und abspeichert. Im einfachsten Sinne sind das Geldüberweisungen von Person A nach Person B. Das ganze geschieht dezentral, d.h. es ist keine zentrale Kontrollinstanz oder kein zentraler Vermittler, wie eben eine Bank, nötig.

Schön und gut. Wirklich revolutionär wird das Ganze aber erst, wenn man den Gedanken einer automatisierten und dezentralen Internetinfrastruktur auf sämtliche steuerbare Systeme und Organisationsprozesse überträgt. Auch politische Systeme, wie das Funktionieren eines Staatsapparates, sind davon nicht ausgenommen. Um dies zu realisieren, arbeiten inzwischen viele Unternehmen, Organisationen und Institutionen zusammen. So arbeitet Microsoft gemeinsam mit einem externen Entwicklerteam an einem Blockchain-Projekt namens Ethereum. Mit dieser neuen Blockchain soll es möglich sein, nicht mehr nur Geldtransaktionen, wie bisher mit Bitcoin möglich, vorzunehmen, sondern auch wirtschaftliche, und in fernerer Zukunft auch gesellschaftliche und politische Interaktionen, zu programmieren.

Macht die Blockchain Finanzamt und Notar überflüssig?

Wie das ausschauen könnte, skizzieren folgende Äußerungen eines Entwicklers: Mithilfe der Blockchain-Technologie könnte zukünftig ganz demokratisch ein Staatsentwurf bzw. ein politisches System programmiert werden. Eine Verfassung, die die gesamte Organisation eines Staates umfasst, soll durch diese dezentrale Datenbank festgelegt und programmiert werden können. Beispielsweise wäre ein Finanzamt oder Notar nicht mehr nötig, da alle Eigentumsverhältnisse und Steuerangelegenheiten in der Blockchain-Datenbank aufgezeichnet werden und von jedem, total transparent, eingesehen werden können. Bis es soweit ist, sollen vor allem intelligente Verträge mit der Blockchain programmiert werden können. Diese intelligenten Verträge ermöglichen es, ohne eine dritte Kontrollinstanz (wie z.B. Bank oder Notar), Verträge miteinander abzuschließen.

Die Blockchain könnte Interaktionsmechanismen verändern

Was sagt uns das nun? Niemand, auch nicht Bill Gates oder sonst wer aus dem Silicon Valley, ist momentan in der Lage die zukünftige Entwicklung dieser Technologie vorauszusagen, geschweige denn all jenes zu programmieren, was als theoretisch möglich angesehen wird. Einig sind sich aber alle, egal ob Staaten, Zentralbanken, Universitäten oder Unternehmen – die Blockchain-Technologie hat das Potential nicht nur das Internet, sondern Interaktionsmöglichkeiten auf allen ebenen der Gesellschaft grundlegend zu verändern.
Bild: Flickr // BTC Keychain // CC BY 2.0

 

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht

Svens politische Ansichten pendeln zwischen denen von Franz Josef Strauß und Sahra Wagenknecht. Genauso haltlos gestaltet sich die Suche nach dem richtigen Beruf: Von der spießigen Beamtenkarriere in Münster bis hin zur hippen Berliner Selbstständigkeit kann er sich alles irgendwie und irgendwie doch nicht vorstellen. Tiefkühlpizza und Avocado-Mangosalat, Dosenbier und Champagner, RTL und Arte. Gelebte Dialektik als Lebenseinstellung - für ihn keine Ausrede, sondern einer der wenigen, wegweisenden Erkenntnisse der letzten Jahre.
Sven Wagenknecht