Der hypermobile Mensch – Was wir von Kopfbahnhöfen lernen können

Jetzt sitze ich schon wieder im Zug. Der Schweiß trocknet so langsam und ich verdrücke eines dieser dreckigen Dreieckssandwiches. Muss ein ziemlich entwürdigender Anblick sein, als mir die weiße Mayo beim Reinbeißen in die labberigen Toastscheiben auf die Jeans tropft. Naja, egal, erstmal geschafft. Ich bin ja schon froh, mein Gepäck ohne Bandscheibenvorfall ins Abteil gewuchtet zu haben. Langsam wird es eng, nur mit Koffern umzuziehen. Ich versuche aus dem Fenster zu schauen, aber die Baumärkte, Parkplätze und Lärmschutzmauern vermögen nicht genug meiner Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich fange wieder an in meiner Tasche rumzuwühlen, klappe den Tisch herunter und das MacBook auf. Reflexartig, denn es gibt ja immer was zu tun.

Paradox: Wie das Wifi der Deutschen Bahn die Sinne vernebelt

Schnell stelle ich fest, dass die Mails nicht so dringend sind und Facebook ein aussichtsloses Unterfangen ist. Ich bin mit der Deutschen Bahn unterwegs, bei der abgesehen von ausgewählten ICE-Strecken nicht nur Wifi, sondern überhaupt Handyempfang ein Luxusgut ist. Kurz rege ich mich auf und sorge mich um den Standort Deutschland mit seinem verschlafenen digitalen Wandel. Aber unser Verkehrsminister wird ja bald Glasfaserkabel in jeden Einsiedlerhof legen. Industrie 4.0 und so. Die Sitze hier im InterCity sind eigentlich ganz gut – fast wie im ICE. Wieso dann der IC weniger kostet und fast gleich schnell ist, verstehe ich nicht so ganz. Achja. Internet. Auf ausgewählten Strecken. Außerdem ist es hier im IC verdammt laut. Das ist im ICE eindeutig besser. Dafür bemerkt man im IC wenigstens, dass man sich fortbewegt, dass man wieder unterwegs ist. Im ICE vernebeln das geräuschlose Dahingleiten bei 220 Stundenkilometern und WLAN die Sinne.

Wieso schon wieder ins moderne Nomadentum?

Jetzt bin ich also schon wieder unterwegs und weiß nicht, wo mir der Kopf steht. „Kaffee, Cappuccino, frischer Kaffee, lecker Cappuccino“, schallt es durchs Abteil. Ich greife dankend zu und zahle 4 Euro für den doch doch erstaunlich heißen Kaffee. Auch mein Gegenüber auf der anderen Gangseite verbrennt sich den Mund und grinst mich nach einem kurzem Fluch an. „Wohin geht’s?“, frage ich. Aha, also noch so ein Hypermobiler. In der kommenden Woche werde er eine kleine Abschiedstour machen. Nicht das der Hypermobile Fans hätte, aber trotz seines mobilen Lebenswandels gäbe es Freundin und Familie, die ihn nochmal sehen wollten. Er sie im Übrigen auch. Von Freunden spricht er nicht, fällt mir auf – aber die sind, wie ich erfahre, in Berlin und deshalb nicht auf der Abschiedsroute. Auf jeden Fall gehe bald die große Reise los. Wieder fünf Monate in einem fremden Land. Er habe das jetzt schon zweimal gemacht, erzählt er. Wieso muss er also schon wieder lostingeln? Jaja, interkulturelle Erfahrungen, neue Kulturen kennen lernen und im fremden Umfeld wachsen. Ich bohre tiefer, bin nicht zufrieden mit Werbe-Slogans von Sprachschulen und Uni-Messen. Dieses moderne Nomadentum ist ja auch anstrengend. Da stimmt mir der Hypermobile zu. Er lerne auch gerne neue Leute kennen, aber manchmal interessiere sich der andere nicht für ihn und er nicht für den anderen. Man erzähle dann trotzdem die selben Geschichten nochmal, kenne plötzlich den halben Lebenslauf seiner Gesprächspartnerin und habe den Namen doch schon wieder vergessen, bevor das Gespräch sich dem Ende neige. Amüsant sei auch diese Woher-kommst-du-Frage. Als ob das heute – sehen wir einmal von der Klassifizierung „Sicheres Herkunftsland“ ab – noch einen Unterschied machen würde. Anschließend könne man noch fragen „Und was machst du?“ Das erlaubt einem wenigstens, sein Gegenüber in eine bestimmte Schublade zu stecken. Ich solle doch mal anfangen zu fragen, wie er wirklich ist, was in auszeichnet und was ihn gerade beschäftigt, schlägt der Hypermobile vor.

Verknappung funktioniert auch mit Zeit

Ich frage ihn lieber, wie sein vergangenes Halbjahr ohne die Aussicht auf sein anstehendes Auslandssemester in Argentinien verlaufen wäre. Hätte, wenn und aber findet der Hypermobile zwar etwas schwierig, aber zu wissen, dass es die letzten fünf, vier, drei, zwei, eins Monate vor dem neuen Abschnitt sind, habe auch seine positiven Seiten. Verknappung habe auch diese Zeit wertvoller, intensiver gemacht. Klar, auf die letzte Woche Wohnung ausräumen und Kisten packen hätte man verzichten können, aber auch da hat der Hypermobile nochmal alte Kommilitonen getroffen, ist um die Häuser gezogen und hat das Leben in seinem Kiez genossen. Achtsam also? Naja, Achtsamkeit sei ja auch so ein Modewort. Trotzdem nehme man knappe, seltene Moment bewusster, achtsamer war. Große Buzzword-Gefahr besteht aber nach wie vor: Achtsam essen, achtsam Sport treiben, achtsam genießen und so weiter. Manche Leute können vor lauter achtsam schlafen gar nicht mehr einpennen.

Was wir von Kopfbahnhöfen lernen können

Der Hypermobile freut sich. Wir fahren jetzt in Fahrtrichtung. Eigentlich sei ihm das herzlich egal, aber er habe eine Vorliebe für Kopfbahnhöfe. Super ineffizient und zeitraubend, aber trotzdem schön. Da kommt man an und bricht nach dem Aufenthalt wieder auf. Nicht nur Durchreise. Das ist wahrscheinlich auch das A und O für jeden neuen Ort, jede neue Station, jeden Besuch. Egal ob drei Wochen oder fünf Monate – man muss sich erlauben anzukommen. Da bin ich ganz schlecht drin, weil ich immer schon an das nächste Ziel denke. Beim nächsten Mal muss ich mich noch mehr darauf einlassen. Ankommen. Der Aufbruch ist dann umso härter, jeder Abschied umso schmerzvoller. Zum Glück. Was wären Familie, Freundschaften und Beziehungen wert, würde es uns leicht fallen, sich – wenn auch nur vorübergehend – von ihnen zu lösen.

Irgendwann bei 127 km/h muss ich leider das Gespräch beenden. Nicht, weil der Hypermobile ankommt, sondern weil auf der IC-Steckdose doch kein Saft und der Akku meines MacBooks ein alter ist.

Bild: Tjook über CC BY-ND 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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