Der Müßiggang ist tot. Es lebe der Müßiggang

Also, es fängt damit an, dass ich vor die Haustür trete. Ich bin mit Gerrit verabredet. Es ist Ende Juni, aber es ist trotzdem kühl an diesem Abend und ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu. Auf dem Weg laufe ich vorbei an Cafés, Bars, Restaurants und kleinen Boutiquen, sie liegen hier alle dicht an dicht. An der nächsten Straßenecke kaufe ich mir in einem Späti ein Bier. Kurz darauf stehe ich vor Gerrits Tür und drücke auf die Klingel. Die Tür öffnet sich und oben angekommen wartet nicht nur Gerrit auf mich, sondern auch Nils und Dominik.

Als ich das Wohnzimmer betrete, stehen Gerrit und Nils an der geöffneten Balkontür und rauchen. Auf dem großen hölzernen Esstisch steht ein Macbook. Ich setzte mich, schaue auf den Bildschirm, lese Müßiggang Magazin und ich beginne, mich durch die Seite zu klicken. Als ich wieder aufblicke, schauen mich die drei erwartungsvoll an und ich sage so etwas wie „Ja, doch, gefällt mir ganz gut“. Kurze Stille, Unsicherheit, dann aber die erleichternde Frage, auf die ich auch ein bisschen gehofft hatte: Ob ich nicht auch Ideen hätte, etwas schreiben möchte. Ich möchte. Themen, denke ich, fallen mir sicherlich genug ein. Wir verlassen Gerrits Wohnung, um in einer Kneipe zu trinken. Es werden am Ende mehrere Kneipen und noch oft an diesem Abend kreisen unsere Gespräche um das Müßiggang Magazin.

Seit diesem Abend sind ein paar Wochen vergangen. Geschrieben habe ich noch immer nichts. Ich kann mir auch nicht erklären, woran es liegt. Die Welt ist doch voll von Geschichten, die nur darauf warten aufgeschrieben zu werden. Oder nicht? Interessant soll es sein und auf jeden Fall anspruchsvoll. Humorvoll und sich selbst nicht zu ernst nehmend. Und natürlich irgendwas mit Müßiggang. Das klingt nach Abschweifen, nach Genuss, nach Geschmack und auch ein bisschen antiquiert, nach Flaneuren und nach Dandys.

Quo vadis Müßiggang?

Wikipedia sagt mir, „Müßiggang ist das Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben, nicht die Erholung von besonderen Stresssituationen oder körperlichen Belastungen. Er geht z. B. mit geistigen Genüssen oder leichten vergnüglichen Tätigkeiten einher, kann jedoch auch das reine Nichtstun bedeuten“. Schön und gut, das reine Nichtstun, aha, wozu dann also drüber schreiben? Ich beginne darüber nachzudenken und schon überschlagen sich meine Gedanken. Müßiggang als Rebellion gegen Beschleunigung, Stress und Hektik des Alltags? Müßiggang als Reaktion auf eine immer schwerer zu verstehende Welt? Die Reaktion einer Generation X, Y, Z, die sich allem entzieht, die alles schon kennt, die müde und satt ist und die resigniert Abschied nimmt von Inhalten und Ernsthaftigkeit, weil sie viele Fragen hat und wenige Antworten. Alltag und Arbeit werden kompensiert mit inhaltsleerer Individualität, Hedonismus, Selbstoptimierung und banaler Entspannung! Das klingt alles auf einmal sehr ernst und soziologisch, auch ein bisschen spießig, und ich frage mich: Wo passt der klassische Müßiggang da überhaupt noch rein? In einer Welt, die aufgeteilt ist in Arbeit und Freizeit? Kann es so etwas wie Müßiggang überhaupt noch geben?

Ich merke, dass ich selbst auch keine Antwort auf diese Fragen habe. Verdammt blöder Titel, denke ich mir auf einmal. Müßiggang Magazin. Haben die nicht nachgedacht? Gab’s nichts Besseres? Ich beschließe, mich trotzdem auf die Suche nach dem Müßiggang zu machen und sollte ich ihn tatsächlich finden, dann erfahrt ihr es zuerst hier, im Müßiggang Magazin.

 

Bild: Allie_Caulfield über (CC BY 2.0 )

Track zum Text:

 

 

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Niklas Wysk

Niklas Wysk

Beachtlich! Dieser junge Mann darf tatsächlich für dieses Magazin schreiben. Trotz seiner Abneigung dagegen, sich über alles und jeden äußern zu müssen. Wenn er schreibt, gibt es meist nichts zu lachen. Er hält nichts von Humor. Im undurchdringlichen Dschungel aus Satire und allgemeinem Zwang zur Albernheit weist er euch den Weg zur neuen Ernsthaftigkeit.
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