Der Spotify Viral Hit der Woche interpretiert: „Lieblingsmensch“ von Namika

Aus den Tiefen des Spotify-Universums haben wir uns den Viral-Track der Woche gesucht und ihn für euch untersucht. Diese Woche geht es um Namikas „Lieblingsmensch“. Wirklich der heißeste Shit der Woche? Worum geht’s da eigentlich? Und warum könnte der Song ausgerechnet für Trucker und Fusion-Fans geeignet sein?

Worum geht’s bei Namika?

Hach, ja, es geht um Sommer, Liebe und dieses ganze Gedöns. Schön, wirklich. Und erst die Farben im Video – hätte ein Instagram-Filter menschliche Eigenschaften, er würde vor Neid (!Achtung!) erblassen. Aber zurück zum Thema. Nun, eigentlich singt Namika von ihrem Lieblingsmensch und erzählt dann allerhand darüber, wie intuitiv sie sich verstehen, sie und ihr Lieblingsmensch. Dann sagt sie so Sachen wie „Auch wenn ich schweig, du weißt bescheid – Ich brauch gar nichts sagen, ein Blick reicht“ – das ist wirklich schön beruhigend, so angenehm seicht. Doch Vorsicht: Je nach Stimmung kann der Song auch Lust machen, so einen kleinen, possierlichen, süßen Marienkäfer zu zertreten.

Was löst’s aus?

Nimmt man den handelsüblichen Einsiedler aus, hat jeder sowas wie einen Lieblingsmenschen. Einen, der einem sehr wichtig ist. Darum können wir uns gut in Namikas Text reinfühlen und stellen uns vor, wie es wohl wäre, wenn wir ihn selber für unsere Freundin, unseren Freund oder für sonst wen geschrieben hätten. Besonders gewitzt: Namika spricht ihren Lieblingsmensch direkt an („Hallo Lieblingsmensch, ein riesen Kompliment – Dafür, dass du mich so gut kennst – Bei dir kann ich ich sein, verträumt und verrückt sein“) und wenn wir ihren Song hören, dann spricht sie auch uns direkt an. Das schmeichelt ein bisschen und balsamiert die großstadtgeschundene Seele. Nicht auszudenken, wie diese Zeilen erst auf uns wirken würden, hätte Namika nicht die distanzierte Anredeform „Hallo“, sondern besser das familiär-umgarnende „Lieber“ gewählt. „Lieber Lieblingsmensch“, das wäre doch was gewesen. Aber keine Sorge, für ein Debüt gar nicht übel, liebe Namika.

Wie ist’s gemacht?

Die gute alte Antithese, das Spiel mit den Gegensätzen. Namika beschreibt zunächst immer wieder die Welt in ihrer ganzen Brutalität („Manchmal wiegt der Alltag schwer wie Blei“), um direkt danach aufzulösen, dass es gemeinsam mit ihrem Lieblingsmenschen halb so schwer, ach was, wunderschön ist („Doch sind wir zu zweit, scheint alles so leicht“). Anders als in einem guten Tatort mit Til Schweiger kommt hier keine rechte Spannung auf.

Der Titel an sich ist eine Art Wortneuschöpfung, die dem Duden bislang nicht bekannt ist. Das geniale an diesem Neologismus ist, dass er eine riesige Projektionsfläche bietet. Wir können sorglos Freundin, Freund, Mutti, Opi oder die nette Nachbarin in diese Worthülse hineinbeamen – große Metaphorik.

Wem gefällt der Song von Namika?

Mädchen, die mit Blumenketten in den Haaren auf der Fusion rumhüpfen und davon dann Bilder mit der Polaroid App bei Instagram posten. Und Truckern, die sich in der Klage über diese elendigen Staus und den grässlichen Kaffee an den Raststätten der Republik („Selbst der Stau auf der A2 ist mit dir blitzschnell vorbei – Und die Plörre von der Tanke – Schmeckt wie Kaffee auf Hawaii, yeah“) sofort wiedererkennen. Wir dachten erst, der „Kaffee auf Hawaii“ wäre dem Reim geschuldet, aber, liebe Namika, als wahre Connaisseuse spielst du hier sicher auf den Kona-Kaffee an, der an der Westküste Hawaiis angebaut wird und eine der erlesensten Bohnen der Welt ist. Wem gefällt das Lied noch? Natürlich all jenen, die in der siebten Klasse Postkarten verschenkt haben, auf denen „Ohne dich ist alles doof“ stand.

Wem eher nicht so?

Menschen, denen vor kurzer Zeit Freund, Freundin oder Hund weggelaufen sind, rät die Redaktion von diesem Song ab. Zwar sind Hunde per Definition keine Menschen und können demnach strenggenommen nicht unter den Begriff des Lieblingsmenschen fallen, doch befürchten wir, dass die Sogwirkung dieses kitschig-schönen Songs einen jeden Trauernden noch weiter in ein Loch aus Frust, Verzweiflung und schlechter Laune zieht.

Und sonst so?

Namika, wir würden gern mal ein Eis mit dir essen. Und dann ein bisschen quatschen über Marienkäfer, Hunde und gutes Wetter. So von Lieblingsmensch zu Lieblingsmensch.

 

Bild: Youtube Screenshot

Und hier der Track zum Track der Woche:

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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