Die 5 besten Serienvorspanne

Es wird Herbst, die Blätter liegen schon schmuddelig auf den Straßen herum. Die Nächte werden länger und Regen immer häufiger. Und wisst ihr was? Endlich! Endlich kann ich an einem Samstag aufwachen, ohne dass die Sonne mich hämisch weckt und mir mit ihrem strahlenden Grinsen all das hell erleuchtet, was ich machen sollte, könnte, aber nicht mache und deshalb verpasse. Endlich wieder ein gutes halbes Jahr, in dem ich mich nicht schämen muss, dass ich 72 Stunden nicht das Haus verlassen habe. Ein halbes Jahr, in dem ich mich nicht dafür rechtfertigen muss, warum ich mich nicht an einen überfüllten, nervigen, heißen Badesee gelegt habe. Ein halbes Jahr, in dem ich mich endlich wieder ohne schlechtes Gewissen meinen, deinen, unseren Serien widmen kann. Zum Einstieg in diese dunkle, kalte, vom sterilen Laptopleuchten dominierte Zeit gibt es vom Müßiggang Magazin die besten Opening-Credits von Serien, besser bekannt als Vorspann. Ja, vielleicht denkt ihr jetzt: „Ernsthaft? Ein Listicle mit Serienvorspannen? Das ist doch nur boulevardeskes Klickbating!“ Ja, vielleicht ist das so, vielleicht rechtfertigen wir unsere Sucht damit, Serien zu Kunstwerken zu verklären, die sie in Wahrheit nicht sind. Vielleicht suhlen wir uns zu unrecht in unseren intellektuellen Ergüssen, wenn wir betrunken über die einzigartige Charakterentwicklung von Brian Cranston alias Walter White in Breaking Bad diskutieren. Dagegenhalten könnte man abgefahrene Medienwirkungseffekte, die bei Serien besonders stark ausgeprägt sind. Parasoziales Lernen ist so ein Effekt. Unbewusst lernen wir durch den Medienkonsum fast automatisch neue Dinge über unsere Welt. Jeder, der The Wire gesehen hat, wird bestätigen können, dass man auf jeden Fall „Wegwerf-Handys“ braucht, wenn man eine erfolgreiche Drogengang leiten möchte. Und wenn wir ehrlich sind, hat uns selten etwas so gut auf die Zombieapokalypse vorbereitet, wie the Walking Dead, inklusive der Erkenntnis, dass Deutschland echt zu dicht besiedelt ist, um lange zu überleben. Man könnte aber auch einfach mal anerkennen, dass Serien einfach oft sehr gute Unterhaltung sind. Sie beeinflussen in weiten Teilen unseren Alltag, unsere Gespräche und unser Popkultur. Und selbst, wenn die Serien selber vielleicht doch nicht so große Kunst sind, wie wir glauben wollen, sind es manchmal ihre Vorspanne. Ist es nicht oft so, dass man bereits am Vorspann erkennt, wie viel Liebe und Deteilverliebtheit in den Produktionen stecken? Ist es nicht oft so, dass man direkt beim ersten Vorspann merkt, dass die Serie gut werden muss und man bei jeder weiteren Folge Gänsehaut vor Vorfreude bekommt, wenn die ersten Takte des Titelsongs erklingen? Also bitte schön: Die 5 besten Serienvorspanne aller Zeiten:

5. Sopranos

Nicht nur die Serie ist ein Klassiker, sondern auch ihr Vorspann. Er hat es sogar schon zu einer Simpsonsparodie geschafft, dem Ritterschlag für moderne Kulturprodukte unter Serienfans. Toni Soprano fährt aus New York durch den Holland-Tunnel und die George-Washignton-Bridge nach New Jersey und kommt schließlich in seiner leicht spießigen Vorstadtvilla an. Im Hintergrund läuft „“Woke Up This Morning“ von der englischen Band „Alabama 3“ – der Song, aus dem auch NAS seinen Song „Got yourself a Gun“ gesampelt hat. Der Vorspann beschreibt zielsicher die interessante Ambivalenz der ganzen Serie. Tagsüber Mafiapate, der auch nicht davor zurück schreckt seinen besten Freund zu töten, abends spießiger Familienvater, der in Jogginghose Burger grillt und sich um seine Kinder sorgt. Mafiaboss als Beruf wie jeder andere: Nach der Arbeit fährt man eben erschöpft die Auffahrt seines Hauses hoch und freut sich auf den wohlverdienten Feierabend. Immer, wenn es heißt Soprano-Time, klappe ich „Got yourself a Gun“ singend meinen Laptop auf. In diesem Sinne R.I.P James Gandolfini alias Toni Soprano!

4. Simpsons

Eigentlich muss man hier nicht viel erklären. Kult durch und durch. Jeder kennt die Titelmusik, die sich seit 1989 nicht geändert hat. Unzählige Künstler durften sich schon an dem berühmten, immer wechselnden, Couchgag versuchen. Da gibt es beispielsweise Guillermo del Toros Horrorfilm-Homage am Anfang von der Halloween-Folge „Treehouse of Horror XXIV“ oder Banksys Kulturkritik über schlechte Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Zeichentrickserien in der Folge „Exit Through The Kwik-E-Mart“. 25 Jahre lang durften wir rätseln, was auf der Preisanzeige steht, wenn Maggy über den Strichcode-Scanner gezogen wird. 25 Jahr durften wir diskutieren, ob Bart den Brennstab auffängt, den Homer versehentlich aus dem Kraftwerk mitnimmt und aus seinem fahrenden Auto wirft. Wenn es um Serien geht, sollten die Simpsons sowieso nie fehlen. Wenn es um Serienvorspanne geht, dürfen sie es erst recht nicht.

3. True Blood

Der ein oder andere HBO-Fan wird sich schon gefragt haben, wann endlich True Blood in der Liste auftaucht. Zu Recht. Alan Ball hat schon mit Six Feed Under Seriengeschichte geschrieben und mit True Blood noch eine Schippe draufgelegt. True Blood steht zusammen, ähnlich wie vielleicht Blade, für ein Vampir-Zeitalter, das erbarmungslos zerstört wurde von Edward und Bella. Ernsthaft, eigentlich sollte doch Blade Vampire töten und nicht Twighlight Blade. Aber zurück zum Thema: Der Vorspann von True Blood ist wahrscheinlich einer der metaphorischsten, ästhetisch anspruchsvollsten und vielleicht gesellschaftskritischsten der Seriengeschichte. Alles steht unter dem Motto „the whore in the house of prayer“. Eine bildliche Analyse des amerikanischen Südens, des berühmt-berüchtigten Bible Belts. Die Gegenüberstellung des Göttlichen und des Lasters. Wechselnde Szenen von sektenartigen, religiösen Riten und verrohter Sexualität, die die Macher der Serie dem amerikanischen Dirty South unterstellen. Und dann ist da noch der kleine, aber geniale Hinweis, welche riesige Metapher Alan Ball mit der Serie spannen will: Auf einer Leuchtreklame ist „God hates fangs“ zu lesen, also Gott hasst Vampire. Wären wir nicht in einer Vampirserie, würde da offensichtlich „God hates fags“ stehen: Die Vampire als Metapher für das, was nicht in das christlich-moralische Weltbild der religiösen Südstaaten passt. Abgelehnt wird das, was nicht dem Mainstream entspricht und die Diskrepanz zwischen Selbstverständnis und Realität als Ursache dafür.

2. Homeland

Homeland ist wie True Blood Pflichtkandidat in dieser Liste. Denn auch hier ist es vor allem die Metaebene, die diesen Vorspann zu einem kleinen, eigeständigen Kunstwerk macht. Zunächst könnte man meinen, es sei, wie bei den meisten Serien, eine relativ sinnlose Abfolge von Bildern, die im weitesten Sinne im Bezug zum Serieninhalt stehen. Weit gefehlt. Der Vorspann erklärt in eineinhalb Minuten die Ursprünge der Charkterentwicklung der Hauptdarstellerin Carrie Mathison. Er lässt verstehen, warum sie eine fast paranoide Terroristenjägerin bei der C.I.A geworden ist. Ihr Aufwachsen in einer Stimmung von Verwundbarkeit und irrationaler Angst vor und nach dem 11. September als Metapher für die aktuelle amerikanische Außenpolitik. Eine Gesellschaft, in der Verunsicherung von Medien und Politik verbreitet wurden, als Erklärung für die Motivation der Protagonistin. Die bipolare Störung, die Carrie durch ihr Leben begleitet, vielleicht auch als Metapher für die Diskrepanz zwischen Selbstverständnisses und Realität in der amerikanischen Politik.

1. Die erste Staffel von True Detective

Zu gerne würde ich auch hier eine großen gesellschaftspolitischen Auftrag entdecken, doch das braucht es hier nicht. Es würde auch nicht zur Serie passen. Bei True Detective ist es schlicht und einfach die Ästhetik, die den Vorspann zu einem eigenen, kleinen Kunstwerk macht. Ich würde mir jedes der liebevoll illustrierten Bilder als Kunstdruck ins Zimmer hängen. Ähnlich wie bei True Blood sind es auch hier wieder die amerikanischen Südstaaten und ihre Lebenswelt, die die Szenerie prägen. Zusammen mit dem einzigartigen Song „Far from any Road“ von der Handsome Family, zeichnet der Vorspann die bedrohlich-mystische Stimmung der ganzen Serie vor und hat in dieser Liste definitv das größte Gänsehautpotential. Das Highlight: Die Silhouette von Woody Harrelsons Gesicht und im Hintergrund eines dieser mächtigen, amerikanischen Autobahnkreuze. Übereinandergelegt sieht es aus als seien die sich windenden Straßen seine Gesichtsmuskeln.

Bild: Youtube Screenshot

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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