Eine Gebrauchsanweisung für Sonntage

Was könnte man an einem Sonntag machen außer verkatert Serien zu gucken und sich vor Montag zu fürchten? Diese Frage treibt den Menschen um. Freizeit – was nun? Er denkt die ganze Woche darüber nach, dass bloß der nächste Sonntag ein besserer als der letzte wird. Am besten möchte er den besten Sonntag aller Sonntage, den Supersupersonntag, wie Penny oder Pep Guardiola sagen würden. Was also könnte man machen an einem Sonntag?

Eine Ideensammlung für einen tollen Sonntag ohne Haftung für etwaige Konsequenzen

Man könnte Walnüsse knacken.

Man könnte eine Lutz-Bachmann-Voodoo-Puppe aus Kastanien basteln.

Man könnte überlegen, einen Ausflug nach Wien zu machen, sich über die Stadt informieren, erfahren, dass die Wiener eine mit Käse gefüllte Bratwurst „A Eitrige“ nennen, und dann von dem Ausflug Abstand nehmen.

Man könnte auf einem Sonntagsmarkt vegetarische Lasagne verkaufen und heimlich etwas Hackfleisch unter die Tofu-Bolognese mischen.

Man könnte seine Finger zählen.

Man könnte in den Stadtpark laufen und eine Slackline ansägen.

Man könnte in eine Stadt mit verkaufsoffenem Sonntag fahren und dort wahllos Leute als Konsumopfer beschimpfen.

Man könnte in eine Stadt mit verkaufsoffenem Sonntag fahren und dort Zahnpasta und einen herbstlichen Badezusatz einkaufen.

Man könnte sich eine Guy-Fawkes-Maske bestellen und ein Anonymous-Video drehen.

Man könnte ein Bild malen.

Man könnte nach Studien suchen, die belegen, dass es einen statistischen Zusammenhang gibt zwischen tätowierten Menschen und Menschen, die ein Wandtattoo besitzen.

Man könnte darüber nachdenken, ob Ronja von Rönne eine sympathische Person ist oder nicht.

Man könnte beim Nachbarn klingeln und nach Mehl fragen.

Man könnte seinen Kleiderschrank aufräumen und Wintersachen, die man nicht mehr benötigt, zu einer Flüchtlingsunterkunft bringen.

Man könnte zu einem See fahren und lernen Steine zu flitschen.

Man könnte seinen Wasserfarbkasten säubern.

Man könnte sich fragen, warum Das schwarze Quadrat von Malewitsch eines der berühmtesten Bilder des 20. Jahrhunderts ist.

Man könnte sich fragen, warum man nach einer Gebrauchsanweisung für Sonntage sucht.

Man könnte darüber nachdenken, warum einem das Wort Fleischsalat Unbehagen bereitet und darüber einen Text schreiben.

Man könnte sich an der Erkenntnis berauschen, dass die religiöse Idee des Paradieses ja schon deshalb haltlos ist, weil es dort auf Dauer sicher langweilig wird und man Sonnenbrand bekommt.

Man könnte sich fragen, warum Indien für labile und fertige Menschen als Reiseziel so interessant ist.

Man könnte googlen, warum in Wandas Liedern immer ein Thomas vorkommt.

Man könnte darüber nachdenken, wie man seine Kinder einmal nennen möchte.

Man könnte ein Bild von einem Steak auf Instagram mit #veganforlife posten und sich über die Verwirrung freuen.

Man könnte sich Zugang zu einem Tierfutterfachgeschäft verschaffen und geriebenen Trüffel unter das Vogelfutter mischen.

Man könnte puzzeln.

Man könnte Robert Pfaller lesen und rauchen.

Man könnte überlegen, welche Brillengestelle als nächstes in Mode kommen.

Man könnte Minigolf spielen.

Man könnte ein Punktesystem entwickeln, um die Ausraster von Klaus Kinski zu bewerten.

Man könnte Freunde einladen und Käsefondue zubereiten.

Man könnte versuchen alle Tweets von Floskelwolke zu lesen.

Man könnte versuchen, so viele Nachkommastellen der Zahl Pi wie möglich auswendig zu lernen.

Man könnte ein Buch von Rainald Goetz bestellen.

Man könnte der Redaktion von Zeitjung ein Jahresabo der Bravo oder des Stern schenken.

Man könnte sich einen lustigen Verwendungszweck für die nächste Online-Überweisung ausdenken.

Man könnte eine Fenchel-Birnen-Suppe kochen.

Man könnte darüber nachdenken, was ekelhafter ist: Sauna oder Sonnenbank.

Man könnte eine Yogamatte und ein Paket japanischen Sencha-Tee bei Amazon bestellen.

Man könnte mit zehn leeren Bierdosen und einer Wachskerze Bowling auf der Dachterasse spielen.

Man könnte im Oxford Dictionary nachschauen, ob dort noch mehr deutsche Wörter als Zeitgeist, Angst und Kindergarten gelistet sind.

Man könnte googlen, ob sich Schuhe und Wäschetrockner vertragen oder einer von beiden Schaden nimmt, wenn man sie zusammenführt.

Man könnte über Jens Lehmanns Aussage, dass der Konjunktiv der Feind des Verlierers sei, nachdenken.

Man könnte einen Bleistift anspitzen.

 

Bild: Flickr // Carsten aus Bonn // CC BY-ND 2.0

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
Nils Langhans