Warum Frauenwrestling Kult in Schottland ist

Der Ring als Bühne, der Kampf als Schauspiel. Wie schottisches Frauenwrestling seinem großen amerikanischen Bruder nacheifert und wie Layla Rose zur ultimativen Endgegnerin wurde

Abgeschminkt und frisch gewaschen steht Layla Rose in der Menge und trinkt ein Bier. Sie unterhält sich mit Sicherheitskräften, Organisatorinnen und Fans, die sie immer wieder um ein Autogramm bitten. Auch auf Deutsch, ihrer Muttersprache. Freundlich geht sie auf jeden Wunsch ein, lässt Fotos schießen und sich die Hand schütteln.
Ein ganz anderes Bild zeigte sie vor einer knappen Stunde: Als Mitglied der Frauenwrestlingtruppe Fierce Females trat sie im Rahmen des Come & Say G’Day-Kampfabends gegen Viper an. Viper wiegt 95 Kilogramm auf 173 Zentimetern. Wenn sie etwas fitter wäre, könnte sie wohl bei ihren männlichen Kollegen mithalten. Doch sie ist es nicht. Wer Viper sieht, denkt nicht an Sportlichkeit; an ein blitzschnelles Tier, das seine Beute mit einem blitzschnellen Biss töten kann, noch viel weniger. Dennoch ist sie eine imposante Erscheinung.

Ebenso wie Layla Rose: Auch sie ist kräftig und macht den Eindruck, als könne sie problemlos einige Kilos stemmen. Ihr glaubt man, dass sie an die ganze Veranstaltung auch einen athletischen Anspruch stellt.

Die Glasgowerin mag es simpel und Frauenwrestling ist dafür nur ein Indikator

Die Fierce Females steigen drei, vier Mal im Jahr in Glasgow in den Ring, der inmitten einer Sportsbar aufgebaut ist. Dabei sehen ihnen dann je um die hundert Fans zu, denen simple Genüsse, ja die simpelsten aller Genüsse, eine Herzensangelegenheit sind – wie Frauenwrestling eben.

Die eindrucksvollste Erscheinung des heutigen Abends stellt wohl eine Zuschauerin dar. Ihre knallroten Haare strahlen im gleißenden Scheinwerferlicht und reflektieren es. In der Kombination bildet sich so ein interessantes Zusammenspiel der Lichter, die auf die Kontrahentinnen im Ring fallen. Die Frau mit den roten Haaren ist dazu etwa so breit wie hoch.

Das überrascht jedoch kaum angesichts der kulinarischen Genüsse, die Glasgow zu bieten hat: Viele Restaurants bestehen nur aus einer Vitrine, in der es allerlei Köstlichkeiten zu bestaunen gibt. Aus diesem mannigfaltigen Sortiment kann sich der Gast dann etwas heraussuchen, damit es paniert und in eine gigantische Fritteuse geworfen wird. Der Klassiker ist hierbei der frittierte Mars-Riegel.

In Glasgow ist man stolz auf solche Vorlieben. Die Arbeiterinnenstadt ist berüchtigt für ihre Anwohnerinnen, deren schwerer Dialekt das Verständnis für Außenstehende nahezu unmöglich macht und sich über die Stadt legt wie schwerer Zigarrenrauch, der zwar angenehm duftet, aber die Sicht erschwert und die Augen tränen lässt. Als sich vor einigen Jahrzehnten die Wirtschaftsstruktur änderte, die Industrie nach und nach verschwand, wandelte sich damit auch die Sozialstruktur.

Heute ist Glasgow eine arme Stadt und stolz darauf – ähnlich wie Schottland im Allgemeinen. Auf die englische High Society bildet man sich nichts ein, im Gegenteil: Am liebsten wären die Schottinnen unabhängig, zumindest knapp 50 Prozent von ihnen. In Glasgow liegt der Anteil höher; Engländerinnen auf ihren fancy Pferden, mit ihren Royals, ihren Steuern und ihrer arroganten Art braucht hier niemand. Kein Wunder, dass die Schottinnen tendenziell linker wählen als ihre südlichen Nachbarinnen und sich so manche vernünftige Engländerin fragt, was nur aus Großbritannien werden solle, wenn die Schottinnen ihre Unabhängigkeit bekämen. Denn dann würden die Stimmen der konservativ-neoliberalen Landsleute ungleich mehr ins Gewicht fallen.

Und es gibt den Glasgow-Effekt: Menschen in Glasgow sterben früher. Früher als im Vereinigten Königreich und auch früher als in einem Großteil des restlichen Europas. Wissenschaftlerinnen können sich das zwar nach wie vor nicht erklären, doch die vielen Messerstechereien, die ungesunde Ernährung und der übermäßige Alkoholkonsum konnten als Ursachen bereits ausgeschlossen werden.

Frauenwrestling: Brutale Unterhaltung für die ganze Familie

Die Frauen der Fierce Females lassen es sich nicht nehmen, ihren weitaus populäreren Kollegen männlichen Geschlechts nachzueifern. Sie sind nur ein kleines bisschen bekleideter, was allerdings auch damit zusammenhängt, dass sie ein paar sekundäre Geschlechtsorgane mehr in Form und unter Verschluss zu halten haben. Niemand will das Ansehen dieser brutalen Familienunterhaltung gefährden.

Auch in Sachen der Gewaltdarstellung will man dem männlichen Pendant nämlich in nichts nachstehen. Layla Rose schlug Viper während des Kampfes zum Beispiel einen Klappstuhl ins Gesicht. Bei einem weiteren, weit aufregenderen Kampf, wurde eine Kontrahentin von der anderen mit dem Sodaschlauch hinterm Tresen gewürgt.

Zuvor hatten sich die beiden einen erbitterten Kampf durch den ganzen Barraum geliefert, wobei sie sowohl sorgam darauf achteten, jegliches Inventar einmal als Waffe genutzt zu haben, als auch nichts kaputt zu machen.
Nachdem Viper den Stuhl kassiert hatte, ging der Kampf normal weiter. Mal ging die eine zu Boden, mal die andere. Am Ende siegte Viper. Sie hatte Layla auf die Schultern genommen und sich rücklings fallen gelassen. Danach stand Frau Rose nicht mehr auf und der Kampf war vorbei.

Beim Rumble in the Jungle-Kampfabend ein paar Monate später, der im selben Lokal stattfand wie der Come & Say G’Day, errang Viper schließlich den Titel der schottischen Meisterin. Dass man eine zukünftige nationale Meisterin beobachtet hatte, war aber nicht leicht zu erkennen. Ihre Bewegungen wirkten abgehackt, die akrobatischen Einlagen hölzern und nicht selten schien es, als müssten sich die beiden Gegnerinnen für besonders ausgefeilte Attacken gegenseitig buchstäblich unter die Arme greifen.

Man war wirklich versucht zu glauben, Professionelles Wrestling sei nichts weiter als Entertainment und Schauspiel, als zeigten die Frauen im Ring eher eine Art Performance, die den Ring zur Bühne werden ließ.

Die ultimative Endgegnerin des Frauenwrestling

Obwohl Layla Rose in deutschen Na­tionalfarben antritt, ist sie keine Bundesbürgerin. Sie hat zwar ein paar Jahre in Berlin gelebt, doch eigentlich ist sie Schweizerin. Ihre Deutschkenntnisse dienen ihr dazu, ihre Rolle auszufüllen: Sie ist die Deutsche. Und zwar mitsamt aller brutalen Vorurteile, die in der Regel dazugehören: Sie beleidigt nicht nur die Kontrahentin, sondern auch den Schiedsrichter in harschem Befehlston. Als sie deutschsprachige Zuschauerinnen bemerkt, beschimpft sie auch die. Sie guckt stets grimmig und schert sich einen Dreck um die Sympathie des Publikums.

Damit ist sie Teil einer alten Tradition im Pro-Wrestling: Als »heel« ist sie eine der Antagonistinnen, die die Protagonistin, das »face« oder »babyface«, gut aussehen lassen sollen. Sie kämpfen unfair, kratzen, beißen oder benutzen Waffen – Stühle etwa.

Ist Layla Rose an diesem Abend also nur eine Aufbaugegnerin für Viper, ein Mittel, um dieser den Weg zur Meisterschaft zu ebnen und ihr Profil zu schärfen? Es scheint fast so, denn ihr ganzes Auftreten mitsamt der schwarzen Strapse, dem roten Korsett und der schwarz-rot-blonden Haare lassen vermuten, dass hier eine eindrucksvolle Endgegnerin geformt wurde.

Storytelling ist im Pro-Wrestling Teil des Konzepts. Charaktere werden über Jahre hin entwickelt, persönliche Beziehungen langsam entfaltet. Aus Feindschaften werden dabei Freundschaften und nicht selten entstehen echte Stars. Aus einer Hochphase des Pro-Wrestlings in den Achtzigern stammt etwa Hulk Hogan. Sein Auftritt als der Wrestler Thunderlips in Rocky III zeigte, wie weit es das seinerzeit schon fast abgeschriebene Pro-Wrestling dank Fernseh- und VHS-Kultur bringen konnte.

Auch wenn der Hype abflaute, ganz verschwunden ist Wrestling nie. Dwayne Johnson braucht sich auch heute schon nur bei seinem Mittelnamen »The Rock« nennen, um die eigene Schauspielkunst zu vermarkten, der er sich damals in den Ringen der World Wrestling Federation bediente. Früher heel, heute face. Mitte der Nullerjahre nämlich begann die WWE damit, Filme zu produzieren. Die Storys der stumpfen Genrefilme sind ähnlich komplex wie die im Ring.

Layla Rose hingegen weiß sehr genau, was Sache ist: »Das ist alles echt«, sagt sie mit ernstem Blick, »dass ich verloren habe, ärgert mich … wirklich« und nimmt darauf einen großen Schluck von ihrem Bier.

 

Der Artikel ist ursprünglich bei unserem Kooperationspartner ZurQuelle erschienen und stammt aus der Feder von Robert Hofmann.

Bild: Vivien Schnell, Sehen und Ernten

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

ZurQuelle

ZurQuelle

ZurQuelle ist das Studierendenmagazin des Berliner und Potsdamer Raums. Mit humanistischer Botschaft, bunter Gestaltung und einem Haufen Dummheit im Gepäck wurde es bereits einmal zum besten Studierendenmagazin des deutschsprachigen Raums gekürt. ZurQuelle ist zeitlos, fröhlich und deep. So wie das Studieren auch sein sollte.
ZurQuelle

Letzte Artikel von ZurQuelle (Alle anzeigen)