Gefangen in der Ablenkungsmatrix – Ablenkung als Lebensinhalt

Ich muss raus, ich muss mich ablenken. Wovon? Zunächst einmal von meinem Sofa, von meinen Serien, von der Erkenntnis, dass dieser Tag nichts bringen wird außer Kaffee, Facebook, Serien und kläglichen Versuchen einen guten Gedanken zu Papier zu bringen. Aber das sind nur die Symptome der Krankheit, von der ich mich eigentlich ablenken muss. Von dem Alltäglichen, der Suche nach dem Grund morgens aufzustehen. Versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht depressiv und ich stehe auch jeden Morgen auf. Mein Leben ist eigentlich relativ durchschnittlich. Morgens oft sogar überdurchschnittlich, wenn man aufsteht, Kaffee trinkt und sich freut, dass der Tag anfängt. Nur was dann, wenn der Tag angefangen hat, wenn die morgendliche Euphorie ganz unbemerkt in eine vormittägliche Lethargie übergegangen ist? Dann muss ich eben mal raus, vielleicht Einkaufen. Einkaufen bedeutet schon mal eine Stunde Ablenkung. Ich glaube, Einkaufen ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft eine der Hauptablenkungen. Und damit meine ich jetzt nicht irgendeine Konsumkritik. Mir egal, ob Konsum glücklich macht oder nicht. Die Leute gehen auch nicht einkaufen, weil der Konsum glücklich macht, sondern um etwas zu tun zu haben. Um wenigstens eine Sache am Tag zu haben, die ein sichtbares Ergebnis hat. Neue Milch zum Beispiel.

Heute gehe ich Spazieren – im Kiez

Aber heute gehe ich nicht einkaufen. Heute gehe ich spazieren. Wenn man schon in Berlin wohnt, kann man sich doch auch mal seinen Kiez anschauen. Eigentlich hasse ich den Begriff Kiez. Wahrscheinlich aber auch nur, weil das alle sagen. Egal. Dann laufe ich also durch meinen Kiez, um mich abzulenken. Okay, funktioniert schon mal ganz gut, aber reicht noch nicht. Also mache ich Musik an. Musik, Laufen und in Schaufenstern schauen, wie die neuen Sneaker aussehen, ein Ablenkungsanfang. 500 Meter geht das gut, aber da muss noch mehr gehen. Also rein in den Späti, auf jeden Fall brauche ich Kippen und ein kaltes Getränk. Weitere fünf Minuten Ablenkungspotenzial. Im Späti gibt es Cherrycoke. Die habe ich früher immer getrunken. Gekauft. Nostalgie als Flucht aus dem Bestehenden, Klassiker. Wieder raus aus dem Späti, erstmal weitergehen. Die Kippe und die Cherrycoke hebe ich auf für den richtigen Ort. Ablenkunsvorfreude, um den gewünschten Effekt möglichst lange herauszuzögern. Auf der Suche nach dem perfekten Ort für Kippe und Cola laufe ich Richtung Maybachufer. Das ist ein Ufer an einem dieser unzähligen Kanäle in Berlin. Es trennt Neukölln von Kreuzberg. Gesäumt wird es von schick renovierten Altbauten mit haufenweise Agenturen, die irgendwas Kreatives machen und deshalb Agenturen heißen. Da angekommen merke ich, ich bin nicht alleine auf Mission Ablenkung. Etliche Bänke sind besetzt von Menschen, die rauchen, kalte Getränke trinken und lesen. Fuck, ein Buch. Daran hätte ich auch denken können. Romane sind ja quasi Ursprung der fiktionalen Ablenkung. Dumm. Naja, den perfekten Ort für den Konsum einer Zigarette und meines Getränks gefunden, suche ich erst mal einen Song auf meinem iPhone, der zur Stimmung passt. Gefunden. Also, Zigarette an, Rauch auspusten. Es ist Herbst und die Luft schon relativ kalt. Rauchen macht wieder Spaß, die kalte Luft lässt den Rauch noch mächtiger erscheinen. Frage mich, woran das liegt und mache Ringe. Yes. 30 Sekunden Ablenkung.

Arbeit und Liebe als sekundäre, sedierende Sinnsuche

Mir fällt ein Pärchen auf. Es sitzt zwei Bänke weiter und sieht nicht glücklich aus. Die machen bestimmt Schluss. Irgendwie trifft man sich immer draußen, um Schluss zu machen. Neutraler Boden eben. Dann denke ich, dass die Schlussmachsituationen immer ziemlich Scheiße sind und die beiden nett aussehen. Hoffentlich machen sie nicht Schluss. Obwohl, irgendwie lenkt auch das ab. Negative Emotionen als Beweis, dass man noch am Leben ist. Wer verlassen wird, macht sich wenigstens eine Zeit lang keinen Kopf über die richtige Berufswahl. Okay, das lässt sich auch umdrehen. Wer verliebt ist, macht sich keine Gedanken über die richtige Berufswahl. Liebe als riesige, temporäre Ablenkung. Sekundäre, sedierende Sinnsuche. Nein, halt, wer gerade seinen Traumjob gefunden hat, macht sich vielleicht auch keine Gedanken darüber, dass er gerade keine glückliche Beziehung führt. Arbeit als Ablenkung. Kompliziert. Also Arbeit und Liebe als perfektionierte Ablenkung. Aber wovon lenkt sich jemand ab, der die große Liebe und seinen Traumjob gefunden hat? Muss er sich noch ablenken? Naja, eine Zeit lang vielleicht nicht. Irgendwann kommen dann sicher auch Kinder, quasi als Ablenkungsendgegener. Da macht man sich sicher eine Weile keine Gedanken, ob man sich das alles auch so vorgestellt hat. Aber was, wenn die Krebsdiagnose kommt? Da wäre Ablenkung sicher auch angebracht, oder ist sie selber wieder Ablenkung. Ja fuck – wovon denn eigentlich? Naja, irgendwie immer von dem, was man nicht hat, was man nicht macht. Von den Ländern, die man nicht bereist hat, von dem Job, den man nicht gefunden hat, von den perfekten Partnern, die man nicht getroffen hat. Ablenkung vom Diffusen, von einer alles beherrschenden, unspezifischen Unzufriedenheit. Ablenkung von der Erkenntnis, nicht der Mittelpunkt der Welt zu sein. Normal zu sein, wie alle anderen auch. Ablenkung von der Durschnittlichkeit unseres Daseins.

Die Dialektik der Ablenkung

Dann denke ich: Fuck, es ist erst Dienstag, noch dreieinhalb Tage ablenken, bis wieder Wochenende ist. Ich rauche nochmal, stehe auf und gehe nach Hause. Dann denke ich, dass ich vielleicht ein philosophisches Werk schreibe. „Die Dialektik der Ablenkung – Ablenkung als Ablenkung von anderer Ablenkung.“ Nein, nein, doch lieber einen Ratgeber, so einen Coaching-Quatsch: „Der Weg zur richtigen Ablenkung – Ablenkung ohne zu merken, dass man sich ablenkt“. Damit lässt sich wenigstens Geld verdienen. Geld also als Ablenkungssuperheld. Sinn gefunden. Check.

Bild: simpleinsomnia über  CC BY 2.0

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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