Gender-Kampf: Die deutsche Sprache ist ein Mann

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitarbeitenden, liebe KollegenInnen, halllo zusammen – wie mache ich das jetzt am besten? Aus großer Verunsicherung erwächst großer Murks. Stilistisch auf jeden Fall. So wird eine einfache E-Mail ans Kollegium, die anderen Studierenden oder den Freundeskreis zur Qual. Wenigstens habe ich es bei der dieser Aufzählung zu Stande gebracht, nicht zu diskriminieren. Aber auch nur, weil ich nicht an Kollegen, Studenten oder Freunde geschrieben habe. Überall sind ja auch Kolleginnen, Studentinnen oder Freundinnen dabei. Allein deshalb macht es schon Sinn, auch tatsächlich beide Gruppen anzusprechen, aber es steckt ja viel mehr dahinter. Viele maskuline Begriffe wurden und werden für eine gemischte Gruppe benutzt, weil diese Felder für eine viel zu lange Zeit nur Männern vorbehalten waren. Und überhaupt ist die deutsche Sprache eine sehr maskuline. Wenn man also den Weg der Gleichberechtigung weiter gehen will, steht die Sprache ein Stück weit im Weg – sie manifestiert die männliche Dominanz. Das ändert sich zum Glück und soll sich auch im Sprachgebrauch niederschlagen, aber bitte nicht so hässlich und sperrig. Und da wird’s schwierig. Kommt das weibliche Geschlecht ins Spiel, steigt in der Regel das Niveau – bei Texten ist das anders: Doppelnennung, Neutralisierungen oder Gender_Gaps machen Reden langatmiger und Texte und sperriger. Wer trotzdem Gleichberechtigung auch in der Sprache will, sollte sich die nächsten Zeilen zu Gemüte führen.

Achtung! Das kann man beim Gendern alles falsch machen

Und in der Zwischenüberschrift geht’s schon los: Man macht gar nichts mehr. Die „vermännlichte“ Silbe man war ein so treuer Begleiter in Gedankenspielen oder Verallgemeinerungen. Das zeigt auch, wie männlich diese Gedanken waren. Besser ist also „Was wir falsch machen können“. Um den Text besser lesbar zu machen, könnte man ja auch einfach zu Beginn oder Ende des Textes ein Sternchen setzten: *aus Gründen der Lesbarkeit wird auf Doppelnennung der Geschlechter verzichtet. Das steigert zwar tatsächlich den Sprech- und Lesefluss, aber das weibliche Geschlecht fehlt trotzdem. Im Kleingedruckten und Generalklauseln ist ja auch immer das versteckt, was nicht bemerkt werden soll. Ein paar Basics haben sich dennoch schon durchgesetzt: kein Chef keine Führungskraft würde sich heute noch vor seine Kollegen ihr Team stellen und die Rede mit „Liebe Mitarbeiter“ beginnen. Schon gar nicht, wenn der Arbeitgeber die Arbeitgeberin eine Universität ist. Nur Männer spricht keiner niemand mehr an. Soviel zu den Basics. Rollenklischees gehen natürlich auch gar nicht. Interessant, dass man sagt wir sagen, „ich geh’ zum Friseur“. Friseuse ist schon wieder diskriminierend, aber Friseurin hört sich auch irgendwie seltsam an. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Gewohnheitsding.

Wieso der ganze Aufwand?

Zunächst ist es einfach nur logisch genau die anzusprechen, die wir meinen. Und das sind in der Regel sowohl Männer als auch Frauen. So fühlen sich nicht nur alle gerecht behandelt, sondern vor allem auch angesprochen. Das generische Maskulinum, also Frauen auch „Mitmeinen“, reicht einfach nicht. Und ja, es gibt auch das weibliche Pendant: Geisel, Burschenschaft und Führungskraft sind Beispiele für das generischen Femininum, aber echte Exoten der deutschen Sprache. Außerdem deckt der bewusste Sprachgebrauch soziale Verzerrungen in unserer Wahrnehmung auf. Wieso denken wir beim Personal im Krankenhaus an den männlichen Arzt und die weibliche Krankenschwester? Interessanterweise tritt der Effekt auch bei neutralen Begriffen wie „eine Person“ oder „ein Mensch“ auf – hier sind wir ebenfalls geneigt, an Männer zu denken. Das ist ein Indiz dafür, dass der Sexismus in der Sprache eben nicht nur linguistisch, sondern auch in unserer Sozialisation begründet ist. Achja, und dann gibt es noch den Fall, dass – z.B. im Gegensatz zu der Vater – das grammatikalische Geschlecht vollkommen unabhängig von der Wortbedeutung ist. Freundeskreis ist zwar männlich, aber das Wort bezieht sein Genus ohne Zusammenhang mit dem Sexus. Kreis ist hier der entscheidende Wortbestandteil und könnte genau so gut die Kreis heißen. Selbiges gilt für Führungskraft. Um jetzt nicht in die Theorie abzudriften, gehen wir mal davon aus, dass das soziale und das Sprach-System interagieren und sich gegenseitig beeinflussen. Für meine Sozialisation bin ich nicht verantwortlich – für das, was ich von mir gebe, schon. Umso mehr lohnt es, sich anzusehen, wie wir es besser machen können.

Und was mach ich jetzt mit meiner E-Mail?

Eigentlich geht’s nur um zwei Sachen. Erstens, sichtbar machen, dass beide Geschlechter gemeint sind, oder, zweitens, Genderbegriffe neutralisieren. Dadurch soll in der Sprache Symmetrie, also Gleichberechtigung, Einzug halten. Die Schwierigkeit dabei ist, dass Sprache eben nicht nur der Gleichberechtigung dient, sondern auch ästhetische Ziele verfolgt. Meistens zumindest. Vor allem die sogenannte Sichtbarmachung – diese Wort ist schon ein Graus – kann stilistischen Ansprüchen kaum Stand halten. SportlerInnen (Binnen-I), Sportler_innen (Gender-Gap) oder Sportler*innen (Gender-Sternchen) – das sieht einfach nicht gut aus. Splitting, also Sportlerinnen und Sportler, ist schon ein geringeres Übel, aber eben noch ein Übel. Außerdem ist diese Doppelnennung immer ein Stück weit diskriminierend, weil ein Geschlecht per Definition immer zuerst genannt werden muss. Ist also „Sehr geehrte Damen und Herren“ schon positiv diskriminierend? Neutralisieren ist deshalb in den allermeisten Fällen die bessere Wahl. Es kommt ohne Reihenfolge aus, eignet sich auch für den mündlichen Vortrag und oft gibt es schon etablierte Alternativen, derer man sich nur bedienen muss. Kollegium als guter Ersatz für KollegInnen ist so ein Beispiel. Substantivierte Partizipien sind allerdings auch schräg – bei Sporttreibenden sollten wir dann doch in den sauren Apfel der Doppelnennung beißen. Oder wir gewöhnen uns daran. Bei Studierenden hat das ja schon ganz gut geklappt.

Die wichtigste Empfehlungen ist allerdings, sich locker zu machen – anstrengen, aber nicht verkrampfen. Auch nach der Lektüre dieses Artikels muss sich keiner das Microsoft Word Gender Add-in (gibt’s wirklich) runterladen, aber bewusstestes Denken und Handeln ist der Sache dienlich – wie so oft.

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Bild: madelineyoki unter CC BY-SA 2.0

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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