Alle lieben Gin – dabei ist er der größte Gossendrink aller Zeiten

Freitagabend, kurz vor 12, gedämpftes Licht, ausgesessene Samtsofas, Menschen in Skinny-Jeans, weißen T-Shirts und immer die gleiche Bestellung: „Zwei Gin Tonic, bitte.“ Egal ob wir am Gärtnerplatz in München, in Berlin Friedrichshain, der Heidelberger Altstadt, in Hamburg auf der Schanze oder sonst wo ausgehen, wo sich junge, hippe Studenten und Bohemiens tummeln – der Gin Tonic ist zum Wegbegleiter unserer Ausgehkultur geworden, zum Lieblingsdrink einer ganzen Generation. Warum eigentlich?

Klar wie Säuferpisse und scharf wie Wacholdersaft

Es kann kaum am Geschmack liegen, der mich immer an den Geruch der Möbelpolitur meiner Mutter erinnert. Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle beschreibt in seinem Abenteuerroman „Wassermusik“ den Gin als „Verderber und Zerrütter der niederen Klassen, klar wie Säuferpisse und scharf wie Wacholdersaft“. Klingt lecker. Und passt so gar nicht zu dem Exklusivitätsversprechen, das den Gin heute umgibt. Auf dem Land, im Kaff, da trinkt man Asbach oder Mariacron mit Cola – Schnaps für die einfachen Leute, hauptsache es scheppert. Der Kosmoprolet, Verzeihung, Kosmopolit hingegen trinkt Gin Tonic. Und nicht irgendeinen Gin. Sondern einen der ganz besonders exklusiven – Hendrick’s oder Tanquerray 10, an besonderen Tagen auch gern mal einen Monkey 47. Unser Gin-Konsum wirkt wie das unsichtbare Band, das uns vom Prekariat trennt. Ein modernes Distinktionsmerkmal, in Zeiten, in denen die klassischen Konfliktlinien zwischen Stadt und Land oder Kapital und Arbeit an Bedeutung verlieren.

Wir werden Ginkenner statt Weinkenner

Gin Tonic 2Unsere Generation wird zu Ginkennern. Unsere Eltern werden uns auslachen – die sind immerhin noch Weinkenner. Aber wir können nicht mehr ohne Gin Tonic, wenn wir mal wieder losziehen in die Bars unserer Stadt. Er geht einfach so leicht runter, lässt sich variantenreich interpretieren. Und mal ehrlich: „Einen Monkey 47 mit Fever Tree Tonic und etwas Rosenpfeffer, oder warten sie, Dill statt Rosenpfeffer“ klingt halt ein wenig distinguierter als „Einmal Asbach-Cola“.

Gin ist wie Biomarkt mit Promille

Außerdem lieben wir heute regionale Produkte. Das Gemüse ernten wir besten im eigenen Urban Garden, die Milch kaufen wir beim Bauer ein Dorf weiter, wenn schon Fleisch, dann bitte das Bio-Hyper-Organic-Rind, das sich gestern beim Nachmittagsspaziergang auf der Alm unglücklich den Fuß verstaucht hat und nur deswegen notgeschlachtet werden musste. Die Gin-Industrie hat diesen Trend nicht verschlafen – gerade in Großstädten sprießen kleine Destillerien aus dem Boden, die uns lokal produzierten Gin in feinen Apothekerfläschchen mit minimalistischen Etiketten schmackhaft machen, die man später als dekorative Kerzenhalter verwenden kann. Der Gin ist eine dermaßen positivierte Spirituose, dass wir nicht mehr lange warten müssen, bis wir ihn im Biomarkt unseres Vertrauens gleich neben Haferkleie, Chia-Samen und mondabgefülltem Wasser finden. Gesundheitsbewusstsein hin oder her, beim Gin Tonic macht auch die Hipster-Bande eine Ausnahme. Gin ist wie Grünkern mit Promille.

Wie der Gin England in den Ruin stürzte

Gin Tonic 3Alle finden Gin geil, bezahlen Unsummen für erlesene Tropfen und fühlen sich in einer Bar erst wohl, wenn sie zumindest unter zehn verschiedenen Qualitäts-Gins auswählen dürfen, welcher ihnen am nächsten morgen den Kater bereitet. Und nun kommt der unangenehme Teil der Geschichte: Ursprünglich war Gin ein Gossengetränk, billigster Fusel, den sich die Ärmsten der Armen pausenlos in den Rachen gossen, um ihren tristen Alltag irgendwie im Delirium etwas erträglicher zu gestalten. Die Bezeichnung „Gin“ stand Ende des 17. Jahrhunderts in Großbritannien für jederlei Billig-Branntwein. Als die Briten die Biersteuer erhöhten und gleichzeitig massive Überproduktionen von Weizen die Preise für die Gin-Produktion enorm reduzierten, !verzehnfachte! sich der Pro-Kopf-Verbrauch an Gin binnen weniger Jahre. Da der Gin günstiger als Brot war, nutzen ihn Teile der Gesellschaft als Nahrungsmittelersatz. Mit dem Gin stürzte die gesamte Gesellschaft ins Elend, man sprach von einer neuen Form der Trunkenheit, die Sterberate durch Akoholkonsum überstieg zeitweise die Geburtenrate. Damals hatte der Gin übrigens den sympathischen Spitznamen „Mothers’s Ruin“. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts bekam Großbritannien das Problem mit restriktiver Gesetzgebung, Schanklizenzen und Steuererhöhungen in den Griff. Wenn wir uns also das nächste mal mit unserem 12-Euro Gin Tonic fühlen wie die Ausgeburt der Avantgarde, dann sollten wir mal darüber nachdenken, dass wir an einem der größten Gossengetränke aller Zeiten nuckeln. Prost.

 

Titelbild: Scott Brown über CC BY-SA 2.0

Bild 2: Max_7000 über CC BY-SA 2.0

Bild 3: Max_7000 über CC BY-SA 2.0

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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