Warum wir gelegentlich Champagner trinken sollten

Tag fünfundzwanzig. Das Licht ist nicht mehr dasselbe seit sich das mit den Glühbirnen verändert hat. Die haben jetzt mehr Watt. Oder weniger. Oder leuchten mehr trotz weniger Watt. Soll gut für die Umwelt sein. So ganz verstehe ich das nicht. Heute kann man Bücher kaufen, die Darm mit Charme heißen. Oder The Style of Coworking. Kunst kauft man aber lieber als Druck bei Juniqe, was ein wenig doppelzüngig für den Verkauf von Bildkopien ist. Man rahmt sie anschließend in Ribba, das sind diese Billigst-Bilderrahmen von Ikea, und equilibriert sie mit dieser tricky Funktion im iPhone, die man findet, wenn man beim Kompass nach rechts wischt. Vorher muss man das iPhone aber erst im Kreis drehen, was von außen betrachtet vermutlich dumm ausschaut.

Champagner als Antwort auf Tristesse ist der Glanz

Komisches Licht, komische Bücher und komische Bilder sind für sich betrachtet keinesfalls anrüchig. Es will der Zufall, dass aus dieser Konstellation zum Zeitpunkt t für den Betrachter N Tristesse entsteht. Wohl kaum wendet und windet, strampelt und hampelt man sich aus dem Einerlei heraus. Nur die Antithese kann radikal verändern. Die Antwort auf den Tod darf immer nur das brutale Leben sein, die Antwort auf Tristesse kann nur der Glanz sein.

Ein Narrativ für das Besondere

Wir sollten mehr Champagner trinken. Nicht, weil er glänzt, wenn er aus dickwandigem Glas herausschäumt. Kaum, weil er sonderlich gut schmeckt. Nein, Champagner ist die Verstofflichung von Glanz. Er sublimiert die eigene Existenz und kultiviert die Illusion der Gegenwärtigkeit. Ein Narrativ für das Besondere. Eine Metapher, Schampus, die Korken knallen lassen. Gegen die schleichende Monotonie, die routinierten Handgriffe, die Tristesse müssen wir einen mächtigen, einen glänzenden Antagonisten konstruieren. Wir sollten manchmal glänzen. Wir sollten gelegentlich Champagner trinken.

Bild: Jan Persiel über CC BY-SA 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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