Homöopathie: Garantiert Chemtrail-frei

Homoöpathie ist Wasser. Teures Wasser. Wer nämlich Wasser eine Wunderwirkung andichtet, verkauft Wasser, kassiert aber für ein Wunder.

Er ist 16 und sitzt bei geschlossenem Rollo in seinem Zimmer. Im Hintergrund Musik, deren Genrebezeichnung länger ist als sein Haar. Auf dem Tisch etwas von Nietzsche, den er nicht versteht, der ihm aber schon immer bedeutend vorkam. Gerade inhaliert er durch ein abenteuerliches Gebilde aus Colaflasche, Kugelschreiber und Kreppband würzige Dämpfe. Er heißt zwar nicht Otto, ist aber Normalverbraucher, weil Normalpupertierer. Doch die hemmungslose Fürsorge seiner Ökoeltern bedroht seine depressive Eintracht: “Mensch, Junge, wie du wieder aussiehst!” Dabei blicken sie ihm so tief wie liebevoll in die glasigen Augen. Eher beiläufig berichten sie dann noch von einer nahenden Hilfe. Abwesend zuckt er mit den Schultern. Wichtiger ist Nicht-Otto, ob seine Mutter wohl schon einkaufen war. Denn er ist hungrig.

In einer solchen Hungersnot hat er schon einmal von den Bärlauch– und Sonstwaskapseln genascht, die sich im Keller palettenweise stapeln. Doch sie verstärkten seinen Hunger nur. Wieso nur werfen sich seine Erzeuger sowas ein?

Obgleich ihm die Antwort völlig gleich ist, erfährt er später den Grund: Es ist der gleiche, aus dem er nun kleine weiße Kugeln schlucken muss. Er hat sie von der versprochenen Hilfe erhalten, einer etwas aufgedunsenen Frau in den Wechseljahren. Sie sitzt etwas schief aber dennoch freundlich lächelnd an ihrem von Firlefanz vollends überladenen Schreibtisch. Hinter ihr an der Wand hängt ein fragwürdiges Diplom, halb verdeckt von einem riesigen Holzmobile. Für sie ist der Fall klar: Alles, was er braucht, sind Mercurius solubilis, Arsenicum album und Muriaticum acidum – Quecksilber, Arsen, Salzsäure. Ihm kommt das sehr verdächtig vor.

Homöopathie: Viel Trial und noch mehr Error

Jeden Verdacht erhärtet findet, wer sich näher mit der Homöopathie beschäftigt: Ihren Ausgang nimmt sie im Jahre 1790; in diesem Schicksalsjahr der Alternativmedizin hörte der Arzt Samuel Hahnemann von der Chinarinde als einem potentiellen Mittel gegen Malaria. Furchtlos nahm er ein wenig davon ein, schaute, was passieren würde – ein klassischer Selbstversuch. Schnell verlor er den Appetit, bekam dafür starken Durst; seine Körpertemperatur stieg. Er litt unter starkem Fieber, bekam Schüttelfrost, erbrach sich: Symptome wie beim Sumpffieber. Doch so schnell sie auftraten, verschwanden sie wieder.

In den folgenden Jahren verabreichte der tollkühne Trial-And-Error-Mediziner seinen Patientinnen alles mögliche: Den an Sumpffieber Erkrankten gab er meist hochdosierte Chinarinde; den anderen verschiedenste Cocktails – aus Giften. Für den lustigen Medizinmann unbegreiflich, verschlechterte das alles die Gesundheit seiner Opfer. Doch Doktor Sammy überlegte und kam zu dem Schluss, lieber nur je kleinste Mengen zu verabreichen. Diese recht einleuchtende Erleuchtung rettete wohl nicht wenigen das Leben. Und Leben schenkte sie auch dem Prinzip der Potenzierung. Seit nunmehr 200 Jahren werden solche potenzierten Lösungen in einem komplizierten Verfahren gewonnen: Hin- und Herschwappen. Es wird so lange geschwippt und geschwappt, bis nur noch ein atomarer Abdruck übrig ist: Wasser mit Atomaroma. Eine medizinische Innovation, ein vielversprechendes Branding – ein Geniestreich; und tatsächlich ist Hahnemanns Mische molekularen Quantenglibbers auch heute noch total im Schwang.

Bis zur Unkenntlichkeit und noch viel weiter

Erst in diesem Jahr hat das australische National Health and Medical Research Council in einer Meta-Analyse mehr als 200 Studien zur Wirkung der Homöopathie ausgewertet – mit einem klaren Ergebnis: Keine untersuchte Studie belegte die Wirksamkeit der Homöopathie. Doch deren Ansehen hat das nicht geschadet: Homöopathie bleibt die beliebteste Heilmethode der Alternativmedizin. Denn deren Vertreterinnen sind zumeist auch Meisterinnen in der Kunst des Verfechtens und Vertuschens: Mit hypnotisierendem Blick aus unterlaufenen Augen weisen sie sattelfest jede Kritik weit von sich – die sei ohnehin nur eine Machination der Pharmaindustrie. Und der gefällt tatsächlich die Einsamkeit ihres Monopols und der Geruch des vielen Geldes.

Dabei scheint es gerade der missionarischen Quacksalberzunft mit der Homöopathie gerade ums Geschäft zu gehen. Wer Wasser Wunderwirkung andichtet, der verkauft Wasser, kassiert aber für ein Wunder: keine schlechte Gewinnspanne.

Gekauft wird fleißig und nur 12 Prozent der Deutschen schließen Wasser als Heilmittel für sich aus. Erklären lässt sich das vielleicht aus der weit verbreiteten Annahme, jegliche Chemie schade dem Körper; die sei schließlich unnatürlich. Zum anderen liegt es an einem großen Irrtum: Ganze 80 Prozent der Bevölkerung halten Homöopathika für Naturheilmittel. Und tatsächlich lässt sich aus besagter Chinarinde ein Wirkstoff gegen Malaria gewinnen; allein, dies funktioniert leider nicht durch Potenzierung zur Unkenntlichkeit …

Wer seinen geschlechtsreifenden Kindern also auf vermeintlich sanfte, pflanzliche Weise helfen möchte, die halte kurz inne – inhaliert der Nachwuchs nicht ohnehin Naturheilmittel in guter Konzentration? Die Eltern unseres Fallbeispiel hätten ihrem kleinen Rebellen also auch auf andere Weise helfen können: mit einer neuen Wasserpfeife etwa – er wäre so glücklich gewesen.

Der Artikel ist ursprünglich bei unserem Kooperationspartner ZurQuelle erschienen und stammt aus der Feder von Christopher Gripp.

Bild: Flickr // Christian Schnettelker // (CC BY 2.0)

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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