Ich habe das Internet durchgespielt – Folge 1: „Mein MacBook schläft neben mir im Bett“

Mein Radiowecker klingelt. Naja, eigentlich ist Radiowecker der falsche Begriff: Das ist so ein Gerät, mit dem man Musik über das WLAN hören kann, ohne Kabel direkt vom Handy auf dieses Ding. Verrückt, oder? So kommt es, dass das Erste, woran ich am Tag denke, dieses komische Internet der Dinge ist, von dem Sascha Lobo, Internet-Sicherheitsexperten und Bürgerrechtler immer reden. Diese Dinge, also auch mein Alientechnik-Radiowecker, haben nämlich eine eigene IP oder sowas. Alles, was die machen, wird anscheinend irgendwo im Internet gespeichert. Böse Human Resources Manager, Personaler und die NSA könnten sehen, wann mein Wecker klingelt und wann ich aufstehe. Heute ist das um sieben und ich denke, dass das ganz gut kommt bei so einem Personaler und hoffe, dass sie, wenn sie in meine Internet-der-Dinge-Akte schauen, zufällig die Notiz von heute raussuchen und nicht die von letztem Sonntag.

Bloß nicht auf die Nachricht klicken, das sieht ja der Absender

Noch liegend, über solche komischen Dinge nachdenkend, greife ich also zu meinem Handy, um den Radiowecker auszuschalten. Von einem Morningshow-Moderator geweckt zu werden ist eigentlich noch traumatisierender als von diesem typischen, äußerst penetranten iPhone-Alarm, bei dem ich immer an U-Boote denken muss. Ihr wisst sicher, welchen ich meine. Auf meinem Handy offenbart sich das ganze Elend der ständigen Erreichbarkeit, von der immer alle reden: Facebook, WhatsApp, Twitter, Instagram, Periscope, Mails und natürlich irgendeine Spiegel Eilmeldung, alles dabei. Hurra! Schlaftrunken scrolle ich mich durch die Notifications der Nacht und gebe peinlichst darauf Acht, bloß keine der Nachrichten zu öffnen. Das würde der Absender sehen und ich müsste antworten. Und das will ich jetzt auf keinen Fall. Ich werde unruhig. Ich denke, dass ich jetzt wohl meinen Laptop brauche. Ich hasse es, den ganzen Quatsch mit dem Handy zu checken. Im Liegen ist das besonders nervig, da dreht sich immer der Bildschirm mit, weil der nicht checkt, dass man ja selbst auch liegt und das deswegen schon richtig ist, dass das hochkant ist. Dieser Idiot. Dass sich sowas ernsthaft „Smartphone“ schimpfen darf. Darum will ich jetzt endlich mein MacBook. Zum Glück ist das wie immer nicht weit weg.

„Mein MacBook schläft neben mir im Bett“

Kennt noch einer StudiVZ? Da gab es doch immer diese lustigen Gruppen, in die man eingetreten ist, weil das alle anderen auch gemacht haben. Unter der Pinnwand standen dann lustige Sprüche, damit alle sehen, dass man ein ziemlich lustiger Typ ist. Jedenfalls war eine dieser Gruppen: „Mein MacBook schläft neben mir im Bett.“ Da sind die Leute eingetreten, die wollten, dass alle wissen, dass sie ein MacBook haben. Furchtbar, diese Selbstdarsteller. Einmal lag mein noch sehr neues MacBook neben meinem Bett unter dem Nachttisch. Auf dem Nachtisch lag mein schon etwas älteres iPhone 3GS. Als der Wecker klingelte, also dieser iPhone-U-Boot-Alarm, bewirkte die Vibration doch tatsächlich, dass mein iPhone vom Nachtisch auf mein MacBook knallt und dem neuen Ding die erste ordentliche Delle verpasst. Wie gut war das denn? Das muss man sich mal vorstellen: Ich hatte ernsthaft ein eifersüchtiges iPhone. Das ist in jeder Beziehung geil: Allein diese phonetische Alliteration machte mich stolz auf das kleine Ding auf meinem Nachttisch. Das muss man mal so vor sich hinsagen, ganz oft: „Eifersüchtiges iPhone, eifersüchtiges iPhone, eifersüchtiges iPhone“

Ich mache doch auch um 7 Uhr morgens nicht meinen scheiß Fernseher an

Wie dem auch sei. Ich greife neben mich und klappe mein MacBook auf: Online gehen, quasi Aufstehen 2.0. Ich stelle mir vor, wie man früher voller Energie sein Fenster aufriss und der ganzen Straße euphorisch einen guten Morgen wünschte. Heute klappt man seinen Laptop auf und verteilt erstmal ein paar Höflichkeitslikes, damit die Facebookfreunde zufrieden sind. Das kann doch nicht sein, denke ich, und klappe das Ding demonstrativ wieder zu, obwohl ich mir ja mit niemandem das Bett teile, außer mit meinem MacBook. Einmal, da ging das gerade los mit den E-Mails, ich war wohl in der achten Klasse oder so, man stritt noch darüber, ob AOL, Yahoo oder Hotmail der bessere Anbieter sei, da bin ich noch vor der Schule online gegangen, um meine E-Mails zu checken. Nicht, dass ich wichtige E-Mails bekommen hätte, weiß Gott nicht, aber, wie sagt man so schön, früh übt sich. Auf jeden Fall hatte meine Mutter das damals mitgekriegt und ist aus allen Wolken gefallen: Morgens vor der Schule an den Computer? Ob ich denn des Wahnsinns sei? Also sitze ich, den zugeklappten Laptop immer noch auf dem Schoß, in meinem Bett und denke, dass sie Recht hatte, meine Mutter. Ich mache doch auch morgens um sieben nicht den scheiß Fernseher an. Lieber erstmal Aufstehen 1.0: Duschen, Zähneputzen, Anziehen, der ganze nervige Quatsch. Unter der Dusche kann man sich dann auf die schönen, weißen Zahlen mit dem roten Rahmen neben der kleinen, großen Facebookwelt freuen. Vielleicht sind ja ein paar Höflichkeitslikes für diesen Artikel dabei. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude, kennt man ja von Weihnachten.

In seiner Kolumne „Ich habe das Internet durchgespielt“ schreibt Gerrit wöchentlich über seine erschreckenden Erfahrungen aus diesem Internet, von dem alle Reden. Er führt uns in mehreren Teilen durch einen Tag im Internet und – keine Sorge – er ist eigentlich immer online. Los gehts natürlich im Bett.

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Bild: flickr // Jared Tarbell // (CC BY 2.0) 

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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