Ich habe das Internet durchgespielt – Folge 3: Onlinejournalismus

Der Kaffee ist gemacht, das Frühstück auch. Zeit, den Laptop aufzuklappen und zu entspannen, bevor der elende Tag losgeht, bevor man sich in überfüllte Busse oder U-Bahnen quetscht. Voller Vorfreude beobachte ich, wie langsam die ersten blauen Flächen laden, bis endlich eine eine rotumrandete 3 rechts oben auf dem Bildschirm meinen Dopaminspiegel in die Höhe schnellen lässt. Ja, das ist anscheinend echt so: Wie Drogen spielen diese diabolischen sozialen Netzwerke mit unserem hauseigenen Belohnungssystem. Ihr fragt euch jetzt sicher, warum der von Facebook quatscht, obwohl es in der Überschrift doch um Onlinejournalismus geht. Nun, ich bin ehrlich und das heißt, mich zu informieren ist eigentlich immer erst zweite Wahl, wenn ich meinen Computer anschalte. Und sagt man eigentlich Computer, wenn es doch eigentlich ein MacBook ist?

Am Ende läuft es immer gleich: Ich schaue sinnlose Videos

Egal. Zuerst muss ich meine narzisstische Aufmerksamkeitssucht stillen, die eigentlich immer mit einer enormen Enttäuschung verbunden ist: Eine der roten Zahlen teilt mir mit, dass irgendjemand, den ich eigentlich nicht kenne, Geburtstag hat. Die zweite, dass irgendjemand an irgendeiner uninteressanten Veranstaltung in meiner Nähe teilnimmt und die dritte, dass irgendjemand irgendwas Uninteressantes in eine Gruppe gepostet hat, von der ich eigentlich dachte, ich wäre ausgetreten. Ich scrolle niedergeschlagen durch meine Timeline und auch, wenn einen die Erfahrung eines Besseren belehrt, immer in der Hoffnung irgendwas Unterhaltsames, Interessantes oder gar Aufregendes zu erleben. Okay, „erleben“ ist definitiv der falsche Begriff und doch beschreibt er die Erwartungen, mit denen man das Internet durchforstet, durchaus treffend. Erst wenn ich all diese Videos gesehen habe, über die mich erst aufrege, sie dann aber trotzdem anklicke, weil ja schon im Thumbnail geschrieben steht, worum es geht, erst dann suche ich nach Alternativen.

Eigentlich bin ich ja informiert, intellektuell und gebildet

Erst dann rufe ich, immer noch in der Hoffnung irgendwas Interessantes zu erfahren, resigniert Spiegel Online auf. Nicht falsch verstehen: eigentlich bin ich ja informiert, intellektuell und gebildet, eigentlich konsumiere ich diese Studentenbravo nicht, eigentlich lese ich nur die Zeit. Warum ich trotzdem immer, ausnahmslos immer, als allererstes Spiegel Online aufrufe? Weil es nun mal so ist, weil sich, wie so oft im Leben, das eigene Selbstbild und die Realität gehörig unterscheiden und ich kompakt aufbereitete, leicht konsumierbare Informationen einem dreiseitigen Artikel vorziehe. Und manchmal werde ich sogar lieber unterhalten als informiert. Alle regen sich doch auch über die Vice auf und doch will jeder wissen, wie es sich anfühlt auf Keta Katzenvideos zu schauen. Würden wir das nicht wollen, würde es das nicht geben.

Irgendwann lande ich bei Flugzeugabstürzen und Wingsuit-Sprüngen

Auf Spiegel Online wird diese dichtome Diskrepanz noch offensichtlicher, wenn ich mir eingestehen muss, dass ich mich doch gar nicht so sehr dafür interessiere, was der Rechtsruck in Polen mit unseren Finanzmärkten macht. Diese Rezension vom letzten Tatort, die hört sich viel interessanter an. Oder diese Videos, die man immer rechts an der Seite sieht, die mit den furchtbar schlechten Sprechern. Mit denen kann man ganz viel schöne Zeit verbringen. Irgendwann lande ich also immer bei Flugzeugabstürzen und Wingsuit-Sprüngen. Da gibt es dieses eine Video, da muss so ein riesiges Flugzeug vor einem Strand in der Türkei notwassern, so wie dieser Pilot im Hudson River, nur geht das diesmal gehörig schief. Oder kennt ihr diesen Wahnsinnigen, der mit seinem Anzug durch so ein winziges Loch in einem Felsen springt? Krasser Scheiß, oder? Aber keine Sorge, nach dem zweiten Bier lästere ich gerne wieder mit euch  über dieses unverschämt boulevardeske Spiegel Online.

Enttäuschung über Enttäuschung

20 Minuten später habe ich dann endlich all diese Videos gesehen. Vielleicht lese ich doch mal den Artikel über den polnischen Rechtsruck. Oder ich schaue nach, warum auf dem Facebook-Tab plötzlich eine verführerische, kleine Eins in Klammern aufgetaucht ist. Natürlich wieder eine Entäuschung. Aber hey, ich bin wieder auf Facebook, vielleicht ist ja was passiert in den letzten 20 Minuten. Drei Minuten später ist auch diese Hoffnung verflogen. Allerdings bin ich an einer Überschrift eines Huffington-Post-Artikels, den jemand gepostet hat, hängen geblieben. Ich muss einfach wissen, was dieser Mann Unheimliches vor seinem Tod geschrieben hat.

Am Ende wollte ich mich mit den Überschriften einreiben

Fataler Fehler: Ich konnte nicht mehr aufhören, ich wollte mich auf dem Boden wälzen und mich mit diesen Überschriften einreiben. Eine regelrechte Clickbaiting-Orgie, der Rest meines Morgens war gelaufen. So viele neue Erkenntnisse, alles dank der Huffington Post:

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Plötzlich war es dann zwölf Uhr und auf jeden Fall mal wieder Zeit zu checken, ob bei Facebook was passiert ist.

 

In seiner Kolumne „Ich habe das Internet durchgespielt“ schreibt Gerrit wöchentlich über seine erschreckenden Erfahrungen aus diesem Internet, von dem alle reden. Er führt uns in mehreren Teilen durch dessen Absurditäten und – keine Sorge – er ist eigentlich immer online.

Folge 2 findet ihr hier.

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Bild: Flickr // Montecruz Foto // CC BY-SA 2.0 // Änderungen wurden vorgenommen

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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