Ich habe keine Angst – Ich darf sie einfach nicht haben

Es ist irgendein Montag, einer dieser unzähligen, auf dem Weg zur Arbeit. Sagen wir mal es ist Oktober. Charlie Hebdo ist schon längst wieder vergessen. Außerdem hatte ich damit, streng genommen, nichts zu tun. Schließlich habe ich noch keine Mohammed Karikaturen veröffentlicht. Auf jeden Fall stehe ich in der U-Bahn und es ist voll, also richtig voll, es ist eng, warm und unübersichtlich. Ich denke und, sorry, ich denke das wirklich: Wäre ich Terrorist, ich würde genau hier und jetzt eine Bombe zünden. Wer sollte das verhindern? Niemand kontrolliert, wer in die U-Bahn einsteigt oder was er dabei unter seiner Jacke trägt. Mir fällt ein, dass es das ja alles schon mal gab, in Madrid 2004, London 2005. Aber – ganz ehrlich – das ist schon wieder so lange her und jetzt sind unsere Sicherheitsbehörden sicher viel besser vorbereitet. Ich meine, es ist offensichtlich unmöglich Einlasskontrollen an U-Bahnen durchzuführen. Die werden schon dafür sogen, die Wahnsinnigen im Vorfeld zur Strecke zu bringen. Hat doch bei den Vögeln aus dem Sauerland auch funktioniert. Also stehe ich in der vollen, engen, warmen U-Bahn und mache mir sorgen darüber, dass mein Nachbar auffällig hustet und ich eine Erkältung momentan wirklich nicht gebrauchen kann.

Freitag, der 13.

Es ist irgendein Abend, irgendein Freitag und ich sitze in einer dieser Berliner Eckkneipen, die mittlerweile total hip sind, weil sie Berliner Eckkneipen sind. Es ist November, es regnet und wir trinken Bier. Plötzlich häuft sich ungewöhnlich oft dieses signifikante Vibrieren, von dem man nach einiger Zeit sofort weiß, dass es eine Spiegel Eilmeldung ist, wenn man es in seiner Hosentasche spürt. „Schüsse in Paris“, steht da zunächst recht unspektakulär. Das Handy verschwindet wieder in der Hosentasche. Zwei Bier später fällt mir plötzlich auf, dass ich nicht der Einzige bin, der Eilmeldungen vom Spiegel bekommt, und beobachte, dass zwar immer alle dieselbe bekommen, aber doch irgendwie nicht zeitgleich. Ob das wohl am Netz liegt, frage ich mich, oder hat der Spiegel etwa bevorzugte App-Besitzer? Ich gehöre wohl nicht dazu. Bei mir kommen die Meldungen immer etwas später an als bei den anderen. „Explosionen am Stade de France“, steht da jetzt und langsam verschwinden die Handys nicht mehr in den Hosentaschen. Es ist der Freitag, Freitag, der 13. im November 2015 und die Nacht ist noch lang.

Ich habe Angst, echte Angst

Es ist wieder Montag, Montag, der 16. November 2015, auf dem Weg zur Arbeit. Ich stehe in der U-Bahn und es ist voll, also richtig voll, es ist eng, warm und unübersichtlich. Ich denke und, sorry, ich denke das wirklich: Wäre ich Terrorist, ich würde genau hier und jetzt eine Bombe zünden. Wer sollte das verhindern? Und plötzlich habe ich Angst, also wirklich Angst. Mein Körper reagiert auf diese diffuse Emotion. Ich spüre meinen Puls an dieser Stelle links unter meinem Kinn. Ich spüre, wie ich anfange zu schwitzen. Würde man meinen Blutdruck messen, ich wette er wäre zu hoch und das nicht, weil ich am Wochenende in hippen Berliner Eckkneipen das ein oder andere Bier zu viel getrunken habe. Ich weiß immer noch, dass die Wahrscheinlichkeit wegen eines unentdeckten Aneurysma in meinem Kopf einfach umzufallen wesentlich höher ist, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Trotzdem habe ich plötzlich mehr Angst vor letzterem.

Angst ist das, was sie wollen

So nachvollziehbar diese Angst ist, so irrational ist sie. Sie ist genau das, was die Attentäter erreichen wollten. Sie ist ein Teilerfolg ihrer perfiden Strategie. Der Politikwissenschaftler Eugene Victor Walter diagnostizierte bereits 1969 in seinem Buch Terror and Resistance, dass es dem Terroristen um ein Grundschema systematisch erzeugter Furcht durch Gewaltanwendung geht. Er handelt also grundsätzlich nach einer klassischen, rationalen Zweck-Mittel-Relation, was vor allem bei religiös motivierter Gewalt oft übersehen wird. Mit möglichst geringen Mitteln soll ein größtmöglicher Schaden erreicht werden. Meine Angst, unsere Angst ist ein Teil dieses Schadens. Die Angst ist eine Zwischenstufe auf dem Weg zu dem eigentlichen Ziel der Anschläge: Bewusst soll ein Reiz-Reaktions-Mechanismus in Gang gesetzt werden, bei dem der Terrorist als Absender eine breite Öffentlichkeit als Empfänger ansprechen möchte. Der Reiz, also die furchtbaren Anschläge in Paris, sind eine Provokation an unsere Gesellschaft, eine Provokation an das Leben, das wir leben. Der Soziologe Rainer Paris definiert eine solche Provokation als einen „absichtlich herbeigeführten, überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll.“ Grundsätzlich geht es also um die intendierten psychischen Folgen der Gewalt. Der Terrorismusexperte Peter Waldman strukturiert diese Strategie in drei Stufen: Die erste Stufe ist der Gewaltakt an sich oder zumindest dessen Androhung. Auf der zweiten Stufe soll dieser eine absichtlich hervorgerufene, emotionale Reaktion provozieren. Er soll Gefühle der Furcht und des Schreckens bei den Feinden, also bei mir, bei uns, in Europa auslösen. Diese Furcht führt zur dritten und entscheidenden Stufe: Sie soll eine erwünschte Verhaltensreaktion auslösen. Die Feinde, also wir, sollen zu einer unverhältnismäßigen Überreaktion provoziert werden. Staatliche Repressionen, Überwachung, gesellschaftliche Konflikte, alles erwünscht, alles schon passiert.

Sitze ich also an einem Montag in der U-Bahn und habe Angst, dann ist die zweite Stufe erreicht. Will ich die terroristische Strategie vollenden, muss ich mich also nur leiten lassen von dieser Angst. Dann muss ich fordern, dass wir unsere Grenzen schließen, dann muss ich Montags nach Dresden fahren und für diesen Terror Flüchtlingsströme verantwortlich machen. Nicht umsonst gehen Experten davon aus, dass der Pass, der bei einem der Attentäter gefunden wurde, gefunden werden sollte. Er sollte uns denken lassen, er sei ein syrischer Flüchtling gewesen.

Ich habe keine Angst, ich darf sie nicht haben

Die Frage, die sie sich stellt, ist zwangsläufig die nach der richtigen Reaktion. Ist sie gar der Verzicht auf eine Reaktion? Schwer vorstellbar einfach nichts zu tun, einfach zum Alltag überzugehen. Ich sage nicht, dass dies, unter Abwägung aller möglichen Szenarien, der beste Weg ist. Ich sage nur, dass die Gefahr der falschen Reaktion, ja der von den Terroristen gewünschten Reaktion, enorm ist. Jede Reaktion muss überlegt sein, muss rational getroffen werden. Lassen wir die Angst reagieren, spielen wir das Spielchen der Terroristen mit. Rachegelüste dürfen nicht die Motivation für stärkere, militärische Interventionen im Irak und Syrien sein. Auch hier gilt: Wenn man vorher dachte, es bringt nichts, dann wird es auch jetzt nichts bringen. Und wenn es was bringt, dann hätte es auch schon vorher was gebracht. Der Anschlag ändert hier gar nichts.

Bis wir nicht wissen was wirklich die beste Antwort ist, halte ich es mit John Oliver und zeige den „fucking arseholes“ mit ihrer „ideology of pure arseholery“, dass ich keine Angst habe und fahre morgen wieder U-Bahn. Oder ich mache es wie Charly Hebdo und „scheiße auf sie“, denn auch wenn „sie die Waffen haben, wir haben den Champagner.“ Mal sehen, ob sie auch welchen in meiner Eckkneipe haben.

Bild: Gerrit Seebald

 

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Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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