„Ich glaube, dass die Generation Y gar nicht existiert“

Wenn wir schon mal die Gelegenheit haben, mit einem jungen Feuilletonisten zu sprechen, dann wollen wir kein Thema auslassen, was unsere Generation bewegt. Macht Tinder die Liebe kaputt? Kindle oder gebundenes Buch? Und was sagt die Begeisterung für Katzenvideos über die Menschheit? Fragen über Fragen, mal ernst, mal weniger, auf die Michael André Ankermüller, Journalist und Betreiber des sehr lesenswerten Blog Bohème, Antworten gibt.

Müßiggang Magazin: Lieber ein Kindle mit 100 Büchern oder ein gebundenes Buch?

Michael André Ankermüller: Nach wie vor ein Buch: ich liebe es Bücher aus einem Bücherregal zu nehmen, einige Seiten durchzublättern, darin zu lesen und sie wieder zurück an ihren Platz zu stellen. Außerdem: stellt Euch mal Bildbände, Art Editionen auf dem Kindle vor? Das ist doch unmöglich.

Müßiggang Magazin: Was sagt die Begeisterung für Katzenvideos über die Menschheit?

Michael André Ankermüller: Das scheinbar einige Menschen Katzen mögen? Jeder, wie er möchte…

Müßiggang Magazin: Liest die Generation Y überhaupt noch den Feuilleton-Teil? Was kannst du ihr zum Einstieg in den Kulturjournalismus empfehlen?

Michael André Ankermüller: Ich glaube, dass die Generation Y gar nicht existiert, sondern ein paar smarte Journalisten auf die Idee gekommen sind jene Generation herbeizuschreiben. So wie das eben schon immer war. Puh: wer sich mit Kultur beschäftigen möchte, sollte sich durch den Merve Katalog blättern, den Passagen Verlag kennen, immer ein Buch von Suhrkamp unter dem Kopfkissen liegen haben und mit offenen Augen durch die Welt laufen. Es passiert soviel, wenn man nur genau hinschaut.

Müßiggang Magazin: Macht Tinder die Liebe kaputt? Oder ist Tinder die Antwort auf die kaputte, digitalisierte Liebe?

Michael André Ankermüller: Ich habe da vor kurzem einen Artikel veröffentlicht, der in die Richtung geht.

Müßiggang Magazin: Christian Kracht sagte einmal, er habe manchmal das Bedürfnis Goldie Hawn zu quälen. Geht dir das bei YouTube-Stars ähnlich?

Michael André Ankermüller: Puh. Bei YouTube gibt es schon wahnsinnig viel Scheiße! Aber solange ich nicht dazu genötigt werde, mir das alles anzuschauen, ist das ja in Ordnung. Im Fernsehen lief auch schon immer vergleichsweise viel Non-Sense.

Müßiggang Magazin: Früher der Golf GTI, heute die Neuseeland-Reise – was wird das nächste Statussymbol unserer Generation?

Michael André Ankermüller: Gute Frage: für mich auf jeden Fall Zeit und Unabhängigkeit. Zeit für meine Freunde, meine Familie, für mich.

Müßiggang Magazin: Angenommen ein selbstfahrendes Auto kann einen Unfall nicht mehr verhindern und entweder frontal auf eine Gruppe Jugendlicher zusteuern oder nach rechts ausweichen und dabei zwei Rentner erwischen. Auf welcher technischen oder ethischen Grundlage kann es sich entscheiden?

Michael André Ankermüller: Verstehe ich nicht.

Müßiggang Magazin: Jeder empfiehlt immer sein Lieblingsbuch. Drehen wir den Spieß um – welches Buch würdest du absolut niemandem empfehlen?

Michael André Ankermüller: Ihr seid ja witzig. Ich habe ja unter anderem Germanistik studiert. Was ich wirklich gehasst habe: Klassiker wie das Nibelungenlied oder Erec auf mittelhochdeutsch zu lesen. Das macht wirklich kein Spaß.

Müßiggang Magazin: Bald ist Herbst. Dein ultimativer Film- und Serientipp für Regentage?

Michael André Ankermüller: Twin Peaks. Die letzten zehn Jahre schon.

Müßiggang Magazin: Letztes Jahr hat die Ukraine-Krise die mediale Aufmerksamkeit bestimmt. Heute hört man kaum mehr etwas davon, auch wenn die Kämpfe im Donbas nicht aufgehört haben. Wird sich in einem Jahr noch irgendwer für das Schicksal der vor Krieg geflohenen Menschen interessieren?

Michael André Ankermüller: Hoffentlich.

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Bild: © Michael André Ankermüller – Tiroler Zugspitzarena, Seebensee, 2014

 

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Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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