Die 5 größten Irrtümer zum Müßiggang

Der Müßiggang hat ein Imageproblem. Seltsam, wenn man bedenkt, dass jeder Mensch am liebsten das tun würde, was er will – und nicht das, was er muss. Zeit, die fünf größten Irrtümer des Müßiggangs auszuräumen.

1. Müßiggang bedeutet Stillstand

Schon im Wort selbst steckt die Dynamik des Gehens. Die Muße küsst einen nicht, nein, man muss sie suchen, sich zu ihr aufmachen. Wer immer noch nicht überzeugt ist, muss zumindest anerkennen, dass der langersehnte Durchbruch, der unerwartete Geistesblitz, die zündende Idee eben nicht nach der 10. Arbeitsstunde kommt, sondern in entspannter Atmosphäre: auf dem Sofa, beim Feierabendbier oder beim morgendlichen Lauf. Deshalb ist Müßiggang die Krone des Fortschritts. Er überwindet Aktionismus, das ziellose Streben und Sich-Abmühen, und hebt die menschlichen Anstrengungen auf die nächste Ebene. Er öffnet die Augen für das große Ganze.

2. Müßiggang ist aller Laster Anfang

Ja, es ist richtig, der Müßiggang hat ein Imageproblem. Spätestens seit der Dominanz des protestantischen Arbeitsethos wird der Müßiggang als Wurzel allen Übels verunglimpft. Dass dem nicht so ist, erkannte schon der dänische Philosoph und Theologe (!) Søren Kierkegaard. Solange man sich nicht langweilt, sei der Müßiggang sogar ein göttliches Leben. Dazu passt im Übrigen, dass in der christlichen Philosophie der Mensch in der vita contemplativa, dem beschaulichen Leben, die ihm nachgesagte Gottesähnlichkeit am meisten ausleben könne. Es ist kein Zufall, dass Mönche eher mit Buch und Bier als mit Hammer und Sichel assoziiert werden.

3. Müßiggang ist Faulheit

Müßiggang, also das Aufsuchen der Muße, bedeutet, sich mit dem Schönen, Freien und Vergnüglichen zu beschäftigen. „Faulheit also“, würden da viele aufschreien, greifen damit aber zu kurz. Voraussetzung für Faulheit ist die mangelnde Motivation, bestimmte Tätigkeiten durchzuführen. Damit beruht dieses Missverständnis auf unserer kulturellen Interpretation von Handlungen und Aktionen. Dem Denken, zum Beispiel, wird leider kaum noch Handlungscharakter zugeschrieben. Das ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, aber auch gefährlich, weil ein Denkprozess nur noch dann legitim ist, wenn er unmittelbare Ergebnisse liefert und in Anwesenheit möglichst vieler Kollegen zustande kommt. Facetime, um nicht das Gesicht zu verlieren. Neu ist das Ganze aber nicht. Schon Nietzsche hat sich Ende des 19. Jahrhunderts beklagt, dass er seinem Faible für den Müßiggang „nicht ohne Selbstverachtung und schlechtem Gewissen nachgehen“ könne.

Müßiggang kann übrigens tatsächlich auch Nichtstun bedeuten. Aber habt ihr das schon mal versucht? Wirklich gar nichts zu tun? Nicht einmal zu denken? Verdammt anstrengend – da muss man schon hochmotiviert sein.

4. Müßiggang ist nur was für Philosophen

Klar, wer täglich um sein Überleben kämpft oder sich mit zwei bis drei Jobs durchschlagen muss, kommt kaum auf die Idee sich der Muße zuzuwenden. Insofern ist Müßiggang durchaus eine Form von Luxus und war auch historisch dem Adel, Klerus und oberen Schichten vorbehalten. Im Alten Rom war es sogar ein Statussymbol nicht arbeiten zu müssen. Die Sklaven von damals halten uns heute zwar zum Glück nicht mehr den Rücken frei, aber unser technischer und sozialer Fortschritt sollte mehr Müßiggang für alle erlauben. Oft fehlt es uns aber schon an Selbstvertrauen und Mut, sich dem Schönen, Freien und zunächst Zweckfreien zu widmen.

5. Müßiggang ist zweckfrei

Die Zweckautonomie ist in der Tat eine große Stärke des Müßiggangs. Es ist die große Doktrin unserer Zeit, dass alles Handeln einem mittelbaren Ziel untergeordnet sein muss. Für die Sache, für die Familie, für das Unternehmen, für Deutschland, für Europa, für die Mannschaft. Nur nicht für sich selbst. Sogar potentiell kontemplative Tätigkeiten wie Yoga oder Joggen werden mit dem Ziel durchgeführt, entspannter und damit in der nächsten Woche leistungsfähiger zu werden. Auch Arististoteles stellte schon in seiner Nikomachnischen Ethik fest, dass man immer um einer Sache Willen handelt (Telos, das Ziel). Er spinnt den Gedanken allerdings weiter und identifiziert mit dem telos teleion, dem „zielhaftesten Ziel“, den Selbstzweck. Das ist Glückseligkeit. Und deshalb ist der Müßiggang nicht komplett zweckfrei. Er hat einen Zweck. Sich selbst.

 

Und hier der Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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