Wie wir unsere Langeweile betäuben

Quälende Stunden waren das auf dem Rücksitz des alten Opel Astra. Die Zeit verging nicht, die Autobahn fand kein Ende und die anderen Fahrzeuge verschmolzen zu einer undefinierbaren Blechlawine. Ich war acht Jahre alt und mir war schrecklich langweilig. Ich bin vor lauter Nichts fast eingegangen. Irgendwann hab ich dann angefangen meinen kleinen Bruder zu ärgern, bis es in eine kleine Schlägerei auf der Rückbank ausartete und auch meine Eltern genervt waren. Dann gab’s einen ordentlichen Anschiss und mir war wieder langweilig. Spätestens jetzt musste ich mich mit mir beschäftigen. Aber entweder hab ich das nicht gemerkt oder mein damaliges Ich war noch nicht so beschäftigenswert. Auf jeden Fall wäre die Fahrt heute anders verlaufen. Beide Hosenscheißer wären mit einem iPad für die Drei-Stunden-Fahrt ruhiggestellt, die Nerven aller Passagiere geschont. Hört sich gut an, oder?

Was hab ich mich in der Schulzeit gelangweilt

Heute, fast 20 Jahre später, kann ich mich nur noch schwer an dieses aufreibende Gefühl der Langeweile erinnern. Nur ich und sonst nichts. So richtig langweilig war mir in den letzten 10 Jahren nicht. Nicht so wie damals zumindest. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir als Kinder tatsächlich viel weniger zu tun hatten als heute. Schule, Studium und Job füllen einen großen Teil unseres Alltags aus und auch die sogenannte Quality Time wissen wir mit Sport, Kino und Facebook zu füllen. Für Langeweile bleibt da kein Platz mehr. Oder?

Vielleicht sollten wir alle nochmal die Schulbank drücken. Was habe ich mich in dieser Zeit gelangweilt. Pädagogen sehen in Langeweile bei Schülerinnen und Schülern ein Warnsignal. Sie koppeln sich ab – entweder, weil sie unter- oder weil sie überfordert sind. Welcher absurde Zeitvertreib dann folgt, kennt jeder aus der Schulzeit. Für Kinder soll Langeweile allerdings auch heilsam sein. Sie müssen zunächst einmal Langeweile erleben, um zu wissen, was sie stattdessen machen wollen. So könnten auch wir unsere tatsächlichen Interessen wiederentdecken und diesen dann auch nachgehen. Wenn wir dann wieder nichts mit uns anzufangen wissen, haben wir uns einfach noch nicht genug gelangweilt. Aber Langeweile ist nun wirklich nicht en vogue.

Langeweile ist zum sozialen Stigma geworden

Niemand langweilt sich mehr. Stattdessen werden wir gelangweilt. Von der Arbeit, von Filmen, sogar von Personen. Du langweilst mich ist eine Beschimpfung – so sehr verachten wir dieses Gefühl. Nur Losern ist langweilig. Sie erleben nichts Aufregendes, haben keine Freunde und Geld, um sich abzulenken, fehlt auch. Interessant dabei ist, dass vor allem extrovertierte Typen leiden, wenn Langeweile aufkommt. Anscheinend haben offene, gesellige Personen nie richtig gelernt mit Langeweile klar zu kommen. Irgendwie auch nicht überraschend, dass sich Männer mehr als Frauen schwer tun, das Gefühl der Langeweile auszuhalten. Auf jeden Fall ist Langeweile ziemlich out.

Wir töten die Langeweile und betäuben unser Leben

„Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung“. Dieses Zitat von Blaise Pascal offenbart den ganzen Graus des Langweilens. Es ist im Umkerhschluss aber auch Ausdruck der menschlichen Neugier, der puren Lust, Fremdes zu entdecken und Neues zu erfahren. Unsere Reflexe wenden sich leider ausschließlich gegen den Graus der Langeweile. Wir stumpfen ab. Wir betäuben unser Leben, weil Neugierde und Abenteuerlust permanent durch Instagram und Tinder befriedigt werden. Alles wird nivelliert. Sobald Langeweile als Gegenteil von Neugierde betäubt ist, muss der Thrill natürlich umso heftiger werden. Tut er aber nicht. Arthrose im Daumengelenk ist das einzige, was uns Smartphone-Usern bleibt. Das macht unzufrieden.

Flow statt Langeweile

Wir haben keine Langeweile, weil wir uns ablenken können. Aufregend ist das leider nicht. Echtes Interesse hingegen macht uns lebendig, fesselt uns. Wir wollen nicht mehr loslassen und dieses Gefühl auf gar keinen Fall in die Hosentasche stecken, wenn endlich die Bahn da ist. Wenn wir uns nicht ablenken, betäuben wir uns nicht mehr, sondern erleben. Dann müssen wir uns auch nicht vorgaukeln, die Zeit irgendwie „sinnvoll“ genützt zu haben. Deshalb ist zum Beispiel Langeweile am Arbeitsplatz ein klares Zeichen dafür, dass sich was ändern muss – und zwar schnell. Wenn wir uns bei einer Tätigkeit, die den Großteil unseres Alltags ausfüllt, langweilen, versuchen die Stunden und die eigentliche Tätigkeit zu betäuben, läuft gehörig was schief. Erst wenn wir Langeweile wieder zu lassen, können wir mehr von dem erleben, was Wissenschaftler als Flow bezeichnen. Im Flow spielt die sonst totzuschlagende Zeit keine Rolle mehr, wir können aufgehen in dem was wir tun.

 

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Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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