Microdegrees – Wie Google, Instagram & Co die Universitäten abschaffen könnten

Während wir uns in Europa immer noch nicht so richtig mit der Bologna-Reform abgefunden haben, ausdauernd unser Leid klagen und verzweifelt mit der humboldtschen Humanismusfahne wedeln, kommt aus den USA schon die nächste Bildungsrevolution. Nachdem dezentrales, online-basiertes Lernen mit den MOOCs (Massive Open Online Courses) schon den ersten Hype erfahren hat, geht es nun zur nächsten Stufe. Die Kurse, die langsam auch in Europa und Deutschland ankommen und sich qualitativ zwischen Vorlesung und TED-Talk ansiedeln, werden nun in ein Gesamtcurriculum eingebunden: Microdegrees sind der neue Heilsbringer. Frei übersetzt mit Abschlüsschen sollen sie das Bildungssystem, ja Bildung als solche, revolutionieren.

Dieses Dreigespann macht die Microdegrees zum Erfolg

Besonders erfolgversprechend ist die Trias aus Firmen, Universitäten und Plattformen wie Coursera, die das neue Bildungsprodukt vorantreiben. Allein auf Coursera tummeln sich über 15 Millionen Lernende. Die Nanodegrees, wie sie beim MOOC Entwickler Udacity heißen, sollen günstiger und flexibler als konventionelle Abschlüsse sein und damit besser zur Nachfrage der Arbeitgeber passen. Die Qualifizierungsmaßnahmen werden von der Industrie – vor allem von Tech-Unternehmen – mitentwickelt und sollen so der Karriere der Absolventen den nötigen Schwung verleihen. IT-Größen wie Google, Instagram und die amerikanische Kommunikatonsgigant AT&T sind beteiligt. Klingt sehr vielversprechend – umso erstaunlicher, wie kontrovers man sich zu den neuen Abschlüssen positionieren kann.

Das Müßiggang Magazin hat die wichtigsten Pro- & Contra-Argumente zu den Microdegrees zusammengefasst

Pro

Contra

Innovation

Auf das haben wir schon lange gewartet. Endlich gibt es technologiegetriebene Innovationen im Bildungssystem. Bis in Deutschland eine Bildungsreform auf neue Bedürfnisse von Schülern, Studierenden und Arbeitgebern reagiert hat, sind die Anforderungen der Zielgruppe schon längst wieder überholt. Kein Wunder, konstatiert die Beratung McKinsey in ihrer Studie Education to Emplyment eine große Lücke zwischen dem, was Unternehmen brauchen, und dem, was Bildungsinstitutionen liefern.

Menschenbild

Bildung – das Deutsche ist eine der wenigen Sprachen, die tatsächlich das Wort Bild als Bestandteil hat – hängt letzten Endes vom zugrundeliegenden Menschenbild ab. Was aber ist das für ein Menschenbild, in dem Konzerne ihre Skill-Wünsche ins Curriculum kippen und der Wert der Humanressource gesteigert wird. Das oberste Bildungsziel muss die menschliche Freiheit bleiben – die aber steht bei Mircodegrees nicht im Vordergrund. Es geht darum, fit für den Arbeitsmarkt zu werden.

Mobilität

Endlich kann man sich durch gut aufbereitete Kurse auch von zu Hause aus, von unterwegs, von einfach überall aus fortbilden. Diese neue Mobilität passt in unsere Zeit, ist günstiger und ermöglicht jedem mit Internetanschluss Zugang zu Bildung. Das trägt im Übrigen auch zur Chancengerechtigkeit bei, weil so unabhängig von Lebenssituation, Geldbeutel oder Wohnort gelernt werden kann.

Zusammen Lernen

Ist nicht das wirklich wertvolle an Schule oder Studium der Ort des Lernens? Der Austausch mit Mitschülern, Kommilitonen und Lehrenden? Der Inhalt kann noch so gut sein, wenn er nicht durch Interaktion, Diskussion und in Gemeinschaft erlernt wird. Streit, Freundschaft und Kooperation lassen sich nicht am Bildschirm erleben, obwohl sie vielleicht das Wertvollste jedes Abschlusses sind.

Anerkennung

Nie wieder in einer Vorlesung sitzen und denken „ich werd’s nie brauchen, aber hauptsache ich hab den Schein in der Hand und die Credits in der Tasche“. Daran hat auch die Bologna-Reform nichts verändert. Dank der Zertifizierung der Microdegrees, glaubt man dem Bewerber jetzt auch, dass er mehr geleistet hat als YouTube-Videos zu schauen. Endlich wird die Leistung, sich autodidaktisch selbst ausgewählten Stoff anzueignen, gewürdigt.

Allgemeinbildung

Zum Glück lernen wir nicht nur das, was wir meinen zu brauchen. Woher kämen neue Denkanstöße, wann könnte man über den Tellerrand blicken und wo seine Allgemeinbildung erwerben? Es ist wichtig, dass nicht immer eine unmittelbare Verbindung zwischen Stoff und Bildungsziel hergestellt werden kann. Non scholae, sed vitae discimus gilt auch noch heute. Wir lernen nicht für eine Institution, sondern für das Leben, für uns.

Wie bei fast jeder großen Innovation der letzten Jahre ist die Frage bei Microdegrees wohl kaum, ob wir sie wollen, sondern wie wir sie wollen. AirBnB ist eine exzellente Plattform und darf gerne den etablierten Hoteliers Konkurrenz machen, aber Mietpreisexplosionen und leere Innenstädte will auch niemand. Uber hat urbane Mobilität revolutioniert und am Taximonopol gerüttelt. Das soll der Fahrservice auch weiterhin tun, aber nicht zu Lasten von Sicherheit und Fahrern. Und auch bei Microdegrees kann man Parallelen ziehen. Was wirklich gut ist und eine Bereicherung für unser Leben sein kann, hat gute Chancen, sich durchzusetzen. Zum Glück. Unsere Aufgabe ist es, die neuen Möglichkeiten zu ergreifen, Neuland zu betreten und zu diskutieren, wie sie sich in unser Menschenbild einfügen und unserer Gesellschaft dienen können.

Bild: Francisco Osorio über CC BY 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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