Müßiggang in China – geht das überhaupt?

„Schreib doch mal einen Artikel über Müßiggang in China.“ Mein erster Gedanke war, dass es so etwas nicht geben kann. Das liegt sicherlich daran, dass ich inmitten dieser chinesischen Kleinstadt Xiamen (2,5 Millionen Einwohner) Schwierigkeiten habe den eigenen Drang nach der Muße nicht zu verlieren.

Im Fahrstuhl stehen 12 Menschen und ein Kinderwagen, die Kapazität des King-Long-Busses wird noch bis zum letzten Zentimeter ausgeschöpft und ein durchgehendes Wummern, das die Baustellen auch nachts nicht einstellen wollen, durchzieht als Hintergrundgeräusch die gesamte Stadt. Das ist mein Morgen.

Ich frage mich, ob bei so vielen Menschen und so rasantem Wachstum ein solcher Lebensstil überhaupt noch möglich ist und habe deshalb den heutigen Vormittag mit einer kleinen Recherche im Park und in meinem Viertel verbracht.

Ist der Müßiggang tief verwurzelt in der chinesischen Kultur?

Eigentlich muss es ihn doch geben, den Müßiggang in China, denke ich mir. Schließlich jagt hier doch eine Weisheit die nächste. Da muss doch irgendwo etwas zu finden sein. In der Philosophie gibt es tatsächlich viel von dem, was man als die Suche nach der Muße bezeichnen würden.

Der Daoist Zhuangzi spricht beispielsweise von der Selbsterfüllung (zide自得). Wer sich dieser überlässt, gibt sich der Natur hin. Und wie geht das? Laut Zhuangzi, indem man nichts tut (wuwei無為). Das bedeutet jetzt nicht, dass man gar nichts tut. Es bedeutet eher, dass man ohne künstliche Anstrengung handelt und damit jede Bewegung wie von selbst geschieht (ziran自然). Ein Wanderer, der beispielweise immer den gleichen Pfad im Wald geht, geht diesen irgendwann ohne sich viel orientieren zu müssen. Dadurch kann er die Natur besser genießen – irgendwie eine Form von Müßiggang.

Konfuzianer argumentieren anders. Man solle sich nicht in eine „Selbst“-Welt begeben, um sich selbst zu erfüllen. Muße würden sie wohl in der Interaktion mit anderen Menschen suchen. So eine kollektive Form des Müßigganges ist sicherlich gut anwendbar auf das heutige China.

Müßiggang um 6 Uhr morgens? Der Opa ist schon recht müßig unterwegs 

Zunächst gehe ich in den Park. Da habe ich schon öfters Leute gesehen habe, die Taiji machen – deren Lebenstil liefert doch sicherlich Anzeichen für Müßiggang in China. Auffällig ist, dass nur Senioren Taiji machen. Und die trainieren ganz konfuzianisch in Gruppen. Als sie anscheinend gerade eine Pause machen, gehe ich rüber und versuche mit meinem schlechten Hochchinesisch eine Konversation aufzubauen. Ein Mann sagt, dass sie sich in der Regel um 6:00 Uhr morgens träfen und meist bis 9 Uhr oder länger blieben. Sie praktizieren Taiji und in den Pausen rauchen sie Zigaretten und trinken Tee. Danach gingen sie nach Hause und machen Mittagsschlaf. Abends kümmere er selbst sich gerne um seinen Vogel.

Trotz der unvortstellbar frühen Zeit 6:00 Uhr (!) wirkt der Opa ziemlich entspannt auf mich. Auch die restlichen Aktivitäten deuten auf einen sehr genussvollen Lebenstil hin. Aber dieser Mann ist ja auch schon mindestens 70 und da wird dann wohl jeder irgendwann müßig. Deshalb zählt das zunächst mal nicht.

Chinesische Entspannung wäre bei uns ein Burnout

Zurück aus dem Park geht es durch die Stadt. Ein unvorstellbarer Stress – jedes Geschäft versucht das andere mit Werbung oder chinesischem Techno zu übertönen. Manche Geschäfte haben Hilfskräfte engagiert, die kleine Lautsprecher um den Hals gebunden haben und durchgehend Angebote durch diese kleinen Geräte schreien. Der Geräuschsschwall, der dadurch entsteht, kann für kein Lebewesen gesund sein.

Während unsereins versucht, sich durch das Wirrwarr an Geräuschen, Menschen und natürlich Dreck zu kämpfen, gibt es nicht wenige Chinesen, die tiefenentspannt mittendrin sitzen. Sie scheinen von dem Lärm überhaupt nichts mitzukriegen, hocken auf winzigen Plastikstühlen vor ihren Geschäften, mitten auf dem Gehweg oder auf dem Fahrbahnrand und trinken Tee.

Es scheint also durchaus möglich zu sein in diesem Chaos zu entspannen. Doch Müßiggang ist das nicht. Die meisten haben wohl einfach nichts zu tun und sich an den Lärm gewöhnt.

Anderes Verständnis von Zeit und Wahrheit

Ich erinnere mich an eine Situation mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin. Am Morgen erzählte sie , dass sie vielleicht ausziehen werde. Als sie mir abends plötzlich sagte, dass sie schon morgen ausziehen werde, bekam ich fast eine Herzattacke. Wie sollte ich denn so kurzfristig einen Nachmieter finden? Natürlich warf ich ihr vor, mich erstens vorhin angelogen und mir zweitens generell zu spät Bescheid gesagt zu haben. Dann ging ich ins Bett, weil es bereits spät war.

Als ich am am nächsten Tag aufwachte, war der neue Mitbewohner schon da. Das hatte sie mir auch nicht gesagt. Es ist so eine Sache mit der Zeit in China. Wenn etwas passieren muss, wird es ganz schnell gemacht. Und mit einem Schlag waren alle Probleme gelöst.

Was hat das mit Muße zu tun? Nun ja, es zeigt zumindest, dass Müßiggang hier anders ist. In einigen Situationen vielleicht sogar einfacher. Man lernt, sich weniger Sorgen um Dinge zu machen, die man ohnehin nicht ändern kann. Dinge passieren einfach und in der Zwischenzeit kann man die Gedanken schonmal schweifen lassen. Abwarten und Tee trinken halt.

Die Jungen müssen warten

So schön es ja wäre, den Luxus des Müßigganges kann sich in der Realität kaum jemand leisten. Der Druck auf die junge Generation der Einzelkinder ist enorm, breite Teile der Bevölkerung sind arm und in den den Köpfen der meisten Menschen herrscht ein abstruser Hyperkapitalismus. Hinzu kommt das System. Wenn ich jungen Chinesen von Paddeltouren oder Sommerzeltlager erzähle, müssen sie denken, ich käme aus einer anderen Welt. Solche Freizeit, die wir schon in der Kindheit kennengelernt haben, ist Asiaten wahrscheinlich generell recht fremd.

Um so beeindruckender finde ich, dass junge Leute in ihrer Freizeit chinesische Klassiker lesen. Das wäre bei uns kaum denkbar. Während jeder halbwegs gebildete Chinese Zitate aus der Tang-Dynastie im Petto hat, gibt es in Deutschland wohl nicht viele, die einfach mal so aus Goethes Faust zitieren können. Aber ob meine chinesischen Freunde das alles in Muße tun oder unter dem Druck der Eltern, weiß ich nicht genau.

Insofern sind es wohl derzeit eher alte Leute, die einem müßigen Lebenstil fröhnen können. Aber ausreichend Potential ist da, wenn auch für einen etwas weniger individuellen Müßiggang in China.

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Yannick Thiele
Imasterchina

Yannick Thiele

Yannick macht seinen Master in China, genauer in Xiamen. Wenn er nicht gerade Gastbeiträge für das Müßiggang Magazin schreibt, teilt er auf www.imasterchina.de Erfahrungen und Eindrücke aus dem Reich der Mitte. Außerdem hat er ein Ebook geschrieben, das Anderen bei der Vorbereitung auf ein Auslandssemester, Praktikum oder Voll-Studium in China helfen soll. Wir sind überglücklich, dass er in seinem Gastbeitrag chinesischem Müßiggang auf den Grund gegangen ist.
Yannick Thiele
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