Neue Spießigkeit – Warum Lärmklagen kulturfeindlich sind

„kann man lärm in der wohnung durch nachbarn messen?“ Diese einschlägige, mit leise-asozialem Unterton des Kommentarspalten-Jargons verfasste Frage findet sich unter der Beschreibung eines im mittleren Preisniveau liegenden „Lärm“-Messgeräts auf Amazon. Weiter unten findet sich die erneute Anpreisung des Herstellers mit dem ermutigenden Werbespruch „Wer misst, hat recht!“. Beides ist symptomatisch für die mittlerweile verbreitete Fehlannahme, dass man in der Stadt ein ruhiges, von Lärm verschontes Leben führen könnte. Und dieser Artikel kann schon zu Beginn ohne große Gedanken ein Zwischenfazit ziehen, denn wir müssen enttäuscht feststellen: Das ist einfach nicht so! Leider. Denn es wäre natürlich super, in einer Gegend zu wohnen, in der man von Stylo-Kiosk zu Kneipe ziehen und danach trotzdem ruhig schlafen könnte, schicke Sommerfestivals die Nachbarschaft zusammenführen würden ohne Müll und Schlägereien mit sich zu bringen oder man seine Kinder in die Kita an der Ecke abschieben könnte, ohne von den selben schreienden Kita-Blagen morgens genervt zu werden.

Dunkel war’s, der Mond schien helle.

Natürlich muss es einen Schutz auch der städtischen Bevölkerung vor zu viel Lärm geben, der sie in stressigen Zeiten der Selbstoptimierung sonst noch in die vollständige Krise führen würde. Aber interessanterweise werden die Nachbarschaftsstreite, die mit Hilfe der Ergebnisse ebenjener Dezibel-Messgeräte ausgetragen werden, je nach „Störquelle“ unterschiedlich bewertet. Denn unter die Lärm-Diskussion, die wie in einer Spießigkeitswelle von Süden nach Norden die Kommunen zu überschwappen scheint (ich warte auf die erste anschauliche Karte der Lärmklagen im Zeit-Magazin), fallen vor allem Ereignisse, die das kulturelle Leben einer Stadt (in der Regel) bereichern. Kaum einer hingegen beschwert sich so inbrünstig über Autolärm, der ganzen Stadtvierteln dauerhaft schadet.

Streit als Identitätsgrundlage

Nachbarschaftsstreite, auf die das ganze Problem runtergebrochen werden kann, existieren schon seit der Zeit Fred Feuersteins. Sie bilden wahrscheinlich, so könnte die These nach ein paar strichprobeartigen Besuchen in zivilrechtlichen Gerichtsverhandlungen lauten, so etwas wie die strukturelle Identitätsgrundlage für eine (eventuell auch nur für die deutsche) Gesellschaft. Dabei kann leicht mal eine Lebensaufgabe für den einen oder anderen rausspringen. Nicht selten befinden sich hinter den Lärmklagen, z. B. gegen Sommerfeste in der Stadt, wie das Stoffel in Frankfurt am Main, ein oder zwei engagierte NachbarInnen, die, man ist sich nicht sicher, vielleicht gar nicht so glücklich darüber wären, würde ihr Streit einmal, wenn auch zu ihren Gunsten, zu Ende gehen.

Lärmklagen haben Hochkonjunktur

Skurrile Ausmaße nehmen auch die Lärmklagen in Situationen an, in denen sich einige Menschen zufällig und unorganisiert einen Ort ausgesucht haben, um dort zusammen zu sein und in der Folge auch Krach zu machen. Hier liegen die Anwohner des Brüsseler Platz in Köln weit vorne. Weil der Platz, an dem sie zeitlebens wohnen, plötzlich zum Sauftreff und Heiratsmarkt für Großstadtyuppies geworden ist, wollen sie sich in einer offenen Gesprächsrunde mit den Besuchern des Platzes austauschen. Süß. Leider war bis zu diesem Zeitpunkt die basisdemokratische Selbstverwaltung des „ballermannartigen Saufgelages“ noch nicht besonders ausgeprägt und konnte daher keine VertreterInnen zu dem Treffen schicken. Also ist nun auf einem Schild auf dem Brüsseler Platz von einem Kompromiss zwischen den AnwohnerInnen und der Stadt zu lesen. Die Saufis interessiert das wenig und sie kommen natürlich trotzdem.

Lärmklagen liegen nicht alleine an der Überalterung der Gesellschaft

Der Ballermann-Bezug aus der Kölner Rundschau scheint jedoch ein weiteres Indiz für die Erklärung dieses facettenreichen Konfliktes zu sein. Denn neben den abendlichen Flaneuren, die sich spontan am Brüsseler Platz in Köln, dem Friedberger Platz in Frankfurt, oder auf der Admiralsbrücke in Berlin versammeln, sind die deutschen AnwohnerInnen doch vor allem von den, ja, „man wird das ja wohl noch sagen dürfen“, saufenden Bauern aus dem Umland genervt, die ihre hübschen Kneipenviertel verschmutzen. Diese zweite Kategorie der Lärmklagen führte in Freiburg schon zu einer gerichtlich schnell wieder kassierten Sperrzone für Alkohol und in der selben Welle zum baden-württembergischen Verkaufsverbot von Alkohol nach 22 Uhr. Auch in Heidelberg – ich sprach die Richtung dieser neuen sozialen Bewegung von Süden nach Norden bereits an – gibt es Zoff wegen nächtlichen Sauftouren im Vergnügungsviertel. Dass die Situation vor allem seit der Einrichtung der S-Bahn-Verbindung in den Odenwald dramatische Züge angenommen hat, ist dort ein Gemeinplatz. Man hätte denken können, das Problem sei ein Ausdruck der Überalterung der Gesellschaft, weil die ruhebedürftigen und daher doch schneller zeternden Alten einfach zahlenmäßig der jüngeren Generation überlegen sind. In der Diskussion lässt sich nun aber erahnen, dass es bei den Klagen über Lärm, den man 30 Jahre zuvor genauso produziert hat, auch um die Verteidigung (oder auch Vorherrschaft?) des eigenen bildungsbürgerlichen Terrains gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen geht.

Zwischen neuer Spießigkeit und ernsthafter Diskussion

Der Großstadtkampf nimmt dann bedenkliche Züge an, wenn der Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe und dem Charme gut gelaunter, aber lauter Menschen auf den Straßen mutwillig verschärft wird: Wenn StadtbewohnerInnen, deren Lebensumstände eher zu einem entspannten Wohnviertel passen würden, trotzdem in schicke, dafür laute Stadtviertel ziehen. Da wird schnell mal dem Wunsch einer gewissen kulturellen Szene anzugehören zu eifrig nachgegangen – am Ende ist das Geschrei groß. Ähnliches geschieht gerade auch nördlich des Maultaschen-Äquators im Hannoveraner Stadtteil Linden oder im Bremener Viertel – und so geht es vielleicht doch mal wieder um die „Tschentrifizierungs“-Kiste und damit um eine komplexe Diskussion, die eine festere Grundlage benötigt. Also UrbanistInnen und SoziologInnen: Wer wohnt wirklich in der Innenstadt und welche gesellschaftlichen Gruppen ziehen wohin? Sind Besoffene lauter als früher? Und wie kann diese Diskussion geführt werden ohne sich nur die veraltete Spießer-Karte gegenseitig zuzuschieben?

Track zum Text

 

Post vom Müssiggang Magazin

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