Politiker auf Flüchtlingsboot – Der feuchte Traum deutscher Kabarettisten

Es beginnt wie ein Witz: „Stehen 100 Politiker in einem viel zu kleinen Schlauchboot, sagt die Wagenknecht: ‚Ich stelle mir das ganz schlimm vor‘, antwortet der Söder: ‚Tja, also jetzt wo Sie es sagen, und ich hier so direkt neben der Roth stehen muss, – es geht keinen Schritt vor, keinen zurück – da kommen einem schon die Zweifel, ob das nicht vielleicht doch im Grunde nicht ganz richtig ist, – jetzt einmal menschlich gesehen – wie wir das mit den Flüchtlingen so machen, und dem ganzen Ertrinken, und Sterben und so etwas. Da müssen wir unter Umständen – auch bei uns in Bayern – im Prinzip umdenken, ob das denn so, wie es jetzt ist, überhaupt sein muss.‘“

Bitte nehmen Sie ihre Plätze ein

Am 14. Oktober wurde das Stück tatsächlich auf einem Spreeabschnitt vor dem Reichstag gegeben, Regie führten die prinzipiell sehr verdienstvollen Aktivisten von der privaten Seenotrettungs-Initiative „Sea-Watch“. Die kollektive Autorschaft liegt bei der deutschen Kabarett-Prominenz, der zu etwaigen politischen Missständen regelmäßig nichts besseres einfällt, als die im Heimatdialekt gebrüllte Forderung, es sollten sich doch die verantwortlichen Politiker einmal selbst besagten Missständen aussetzen. (Also selbst mal ein Jahr von Hartz IV leben, selbst mal die Steuererklärung für ein mittelständisches Unternehmen abgeben, selbst mal eine Weile in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens wohnen, oder eben: selbst mal auf einem überfüllten Fischkutter das Mittelmeer überqueren.) Die Schauspieler rekrutierten sich aus dem Laienensemble des deutschen Bundestages. Im debilen Schwimmwesten-Look wurden sie in ein ruhig auf der Spree treibendes Schlauchboot gebeten, standen einige Minuten darauf herum, fuhren mal vom einen Ufer zum anderen, sprachen ihren Text in die Kameras und versuchten dabei angestrengt betreten zu gucken – schließlich war das Ganze im Vergleich zum öden Parlamentsalltag eine Riesengaudi.

„Die Enge kriegt man schon mit.“

SPON postet einen Zusammenschnitt und titelt – mehr sachlich korrekt, als diesem Humbug irgend angemessen: „Abgeordnete im Flüchtlingsboot auf der Spree“.  Passender hätten sie das Video im Spiegel-Fehlstart „bento“ gebracht, mit der standesgemäßen Überschrift: „Überfülltes Schlauchboot: Abgeordnete testen den extremen Travel-Trend.“
Sicherlich wird keiner der Teilnehmenden so naiv gewesen sein, zu glauben, dass diese Simulation irgendwen „die Flucht übers Mittelmeer am eigenen Leib erfahren“ (SPON) lässt. (Darum ist es auch so banausisch, wenn sich nun die ganze „Kritik“ an der Aufführung auf die unrealistische Inszenierung stürzt. Es stand postmodernes Aktionstheater auf dem Programm, kein Kulissendrama.) Auch die Sea-Watch-Leute werden nicht die Hoffnung gehegt haben, dass die Abgeordneten nach dieser Selbsterfahrungskur ihre Einstellung in Sachen EU-Grenze ändern werden, um sich etwa für die Finanzierung eines staatlichen Programms einzusetzen, das „Sea-Watch“ endlich überflüssig machen würde. (Wer sich nicht zu schade ist, gegen so etwas in aller Öffentlichkeit Argumente zu fingieren, bevor er einige Minuten etwas gedrängt in einem Schlauchboot stand, der wird sich auch danach weiter dafür hergeben.) Entsprechend verhalten sind auch die Reaktionen der Interviewten. Sarah Wagenknecht z.B. gibt die Abgeklärte, wenn sie sich das zwar „ganz schlimm“ vorstellt, aber zu Bedenken gibt: „so genau einfühlen kann man sich nicht.“ Das jedoch nicht etwa, weil sie eine deutsche Politikerin in der Mittagspause ist, nein, sondern weil die Cover-Version ans Original einfach nicht heranreicht. Schließlich seien erstens auf dem Boot noch gar nicht die versprochenen 120 Menschen, und außerdem, sekundiert Kollegin Simone Peters, fehle das Wellen-Feature, sowie die Hunger-und-Durst-Funktion. „Aber die Enge“, versucht Wagenknecht die Party zu retten, „kriegt man schon mit.“ Immerhin.

Der Verlust der politischen Urteilskraft

Alles in allem dürfte der Spaß also ein mittelmäßiger Publicity-Gag gewesen sein. Die Sea-Watchler haben ein bisschen Aufmerksamkeit für ihre Arbeit generiert, die Abgeordneten konnten ein paar Sekunden Air-Time abgreifen und Aktivität simulieren wo von Staatsversagen keiner sprechen will. So gesehen: Business as usual, nicht der Rede wert. Ein lustiger Tweet, und die Sache ist gegessen.
Dass so ein das echte Leid etlicher Menschen verhöhnender Zirkus aber tatsächlich stattfinden kann; dass sich genug Blöde zum Vorsprechen melden und dass das Treiben von so ausgemachtem Schwachsinn am Ende sogar noch erfolgreiche Werbung abgeben kann, statt alle Beteiligten für den Rest ihres öffentlichen Lebens zu diskreditieren, ist symptomatisch für den gegenwärtigen, flächendeckenden Verfall der politischen Urteilskraft.

Hinter der Erwartung, eine solche Veranstaltung könnte, außer Hohn und Spott, auch nur irgendetwas befördern, steht die schlechterdings unbeweisbare Annahme des Common Sense, dass man etwas, um überhaupt darüber urteilen zu können, am höchsteigenen Leib erfahren haben müsste – die Karikatur der ehemals vernünftigen Konvention, dass man von Dingen zu schweigen hat, von denen man nichts versteht.

Günter Wallraff auf großer Fahrt

Es wird also niemals ein deutscher Parlamentarier wissen „wie es sich anfühlt“ unter den herrschenden Bedingungen das Mittelmeer zu überqueren, oder über andere lebensgefährliche Routen nach Europa fliehen zu müssen. Weil dieses Unterfangen, gleichwie raffiniert man die Simulation einrichtet, immer ein hoffnungsloses bleiben muss, wird in besagtem SPON-Video wohl der Blödsinn so nachdrücklich betont, dass es sich um ein „Original-Flüchtlingsboot“ handelt. Selbst wenn Günter Wallraff mal wieder das investigative Afrikaner-Kostüm vom Speicher holen und mit versteckter Kamera im Afro einen libyschen Schlepper anheuern würde um der ARD ein paar spektakuläre Kenter-Szenen und Über-Die-Schulter-Interviews anzudrehen – nie und nimmer wüsste Günter Wallraff „wie es sich anfühlt“ ein Leben im Krieg, in Armut, oder unter der Knute islamischer Despotie führen zu müssen, nur weil man am falschen Flecken Erde geboren wurde.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Je mehr sich die Menschen in Wirklichkeit gleichen, je mehr sie alle den immergleichen Stuss im Jargon ihrer jeweiligen Peer-Group von sich geben, je mehr ihre wirklichen Erfahrungen auf austauschbare Posten in der Lebenslaufbilanz zusammenschrumpfen, desto verbissener beharren sie auf ihrer unverlierbaren Erfahrungsweise, ihren höchstindividuellen Perspektiven, und originalen Standpunkten.
Deswegen wird versucht den Abgeordneten im „Original-Flüchtlingsboot“ die ganz eigene Fluchterfahrung beizubringen, eben als sei das die Voraussetzung eines vernünftigen Urteils. Und deswegen spöttelt das Shitstörmchen auch bloß darüber, dass das Abbild dem Urbild nicht nah genug kommt, dass man da nur „Flüchtling spiele“, anstatt Flüchtling zu sein. Das authentische Erlebnis wird aber von den Einen wie den Anderen als Bedingung allen Urteilens akzeptiert, und eben damit urteilendes Denken preisgegeben.

Weil sie alle schon solche Sprechautomaten sind wie Sarah Wagenknecht und Simone Peters, kommt keiner auf die Idee, dass es völlig unerheblich sein könnte „wie es sich anfühlt“ über den Ozean zu flüchten, sondern dass es neben Betroffenheit, Gefühl und Meinung, auch so etwas wie Solidarität, Erkenntnis und Wahrheit geben könnte. Die Tatsache, dass Menschen völlig unnötiger Weise Leiden und Sterben, wäre jedem vernünftig Urteilenden Grund genug, alles Nötige zu tun, eben das zu verhindern. Wem es nicht reicht zu wissen, dass da Menschen sterben, um diese Forderung auszusprechen, wer die Leiche sehen muss, der ist dumm, bösartig, oder beides. Wer weiterhin – sicher mit den besten Motiven – so einen Erlebniskitsch organisiert oder daran teilnimmt, in dem Glauben es könnte auch nur möglicher Weise einen positiven Effekt auf die Urteilsbildung der Beteiligten haben, der äußert ohne Absicht Verständnis für jene besorgten Bürger, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden, weil sie nunmal überhaupt nicht wissen können „wie es sich anfühlt“ ohne Schuld in einem deutschen Provinzkaff unterkommen zu müssen.

(und geht von der Bühne)

Die Tatsache, dass die von der Vernunft gebotenen Maßnahmen (die teilweise erschreckend simpel wären) nicht ergriffen werden, zeigt bloß, dass die Vernunft sich schon lange aus der Weltgeschichte verabschiedet hat, und wohl überhaupt noch nie das leitende Entscheidungskriterium staatlichen Handelns abgab. Die Gründe für die staatliche Untätigkeit liegen natürlich weder in mangelnder Einsicht, noch im bösen Willen irgendwelcher Staatenlenker, sondern der objektiven Überflüssigkeit, die der Spätkapitalismus über den Großteil der heutigen Menschheit verhängt. Diese mangelnde Vernunft des gesellschaftlichen Ganzen ist aber keine Ausrede, die eigene Urteilskraft einfach in den Wind zu schiessen und bei jedem noch so wahnsinnigen Spektakel mitzurödeln, nur weil ein weiterer unbegründbarer Grundsatz des Common Sense besagt, es sei stets besser irgendwas zu tun, als sich aus dem Trauerspiel herauszuhalten.

 

Halt. Noch nicht weiterlesen – hilf uns bitte zuerst!

War der Artikel unterhaltsam?
War der Artikel informativ?
Wie gefällt dir der Schreibstil?
Gib uns noch ein paar Worte mit.

Bild: Flickr // Uwe Hirsch // CC BY-NC-SA 2.0

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

Leon Ackermann

Leon Ackermann

Leon ist 25, studiert Musikwissenschaft und lebt in Berlin. (Was man heute eben so Studium, bzw. Leben nennt.) Er findet nichts gut, das Meiste schlecht. Ohne großes Engagement interessiert er sich für Glücksspiel, Kunst und Kommunismus – die in seinen Augen vielversprechendsten Versuche um Arbeit herumzukommen. Sein Lebensmotto: „Wie man es macht, macht man es falsch.“
Leon Ackermann