Zwischen bewahrten Leben und leblosen Körpern – eine Reflexion über Verantwortung

Mit einem lauten Seufzer klappe ich die Tageszeitung zu – dabei verfolgt der Artikel, der für diese Reaktion verantwortlich ist, ein ganz anderes Ziel: Die üblichen Einbruchsmeldungen, Flüchtlingsdiskussionen und Todesanzeigen dominiert das übergroße Bild eines milde lächelnden Mannes im weißen Kittel. Seine Hand legt er behutsam auf die Schulter eines farbigen jungen Mädchens, das in die Kamera strahlt. Mehrfach ist vom „Lebensretter“ die Rede, als Fatima aus Ghana berichtet, wie sie für eine komplizierte Operation zur Korrektur ihres angeborenen Herzfehlers nach Deutschland reisen durfte. In ihrem Heimatland fehlen für einen Eingriff dieser Art Mittel und Expertise – die Mobilisierung von Spendengeldern und der große Einsatz mehrerer Ärzte ermöglichen ihr nun ein beinahe uneingeschränktes Leben. Zu Hause wäre dieses für sie wohl bald zu Ende gegangen. „Jetzt werde ich mit meinen Freunden Fußball spielen können“, lacht die Achtjährige. Der „Lebensretter“ fällt ein: „Na na, ein bisschen schonst du dich noch, Fatima.“ Auch er lacht, aber, darauf habe ich genau geachtet, er schaut dabei nicht sie, sondern den Fotografen der Zeitung an.

Die Fernbedienung am Ohr

Am Morgen des Vortages, ungefähr zwei Stunden bevor die Presse unsere Station überrollte und damit in ein Refugium eindrang, das wir täglich mühsam zusammenhalten, hielt sich Fatimas Mutter eine Fernbedienung ans Ohr und drückte wie wild auf den Tasten herum – es brauchte eine Weile, bis ich sie verstanden hatte: Sie wollte doch nur mit ihrer Familie sprechen, von der sie seit ihrer Ankunft in Deutschland vor vier Wochen kein „Lebenszeichen“ vernehmen durfte. Das Aussehen der Fernbedienung unterscheidet sich unwesentlich von dem des Tastenhandys ihrer Zimmernachbarin.
Der lächelnde „Lebensretter“ tauchte zwei Stunden später auf, minutengenau zur Pressekonferenz.

Lebensaufgabe?

Vorgestern bekniete die junge Mutter mich zum dritten Mal, ob wir nicht irgendeine Arbeit für sie hätten, die zu ihrer „Lebensaufgabe“ werden könnte: „Egal was, ich mache alles!“ – Ich spürte, dass sie es ernst meinte – die Familienmutter würde wirklich alles tun, um ihren Schützlingen ein „sorgenfreies Leben“ zu ermöglichen, in dem sie nicht die ständige Last der Armut auf ihren kleinen Schultern tragen müssten. Ich schaute ihr in die Augen und deutete ein kaum merkliches Kopfschütteln an. Sie brach in Tränen aus. Abends, sofort nachdem ich meinen Dienst beendet hatte, warf ich mich auf mein Bett und starrte in die Leere.

Der Geruch von Formalin

Auch ein Jahr später muss ich meinem Kopf eine Auszeit gönnen, sobald ich meinen Arbeitsbereich verlassen habe. In meine vier Wände begleitet mich nicht mehr als der unverkennbare Geruch von Formalin in meiner Nase und ein scheinbar überschwappender Schädel. Die Angewohnheit, mich auf mein Bett fallen zu lassen, habe ich mir also beibehalten – nun jedoch beschäftigt mich eine andere Form der „Lebensspende“.

Weiße Laken hüllen unsere ersten Patienten ein. Sie zeichnen ihre geschwungenen Körperkonturen deutlich nach und verleihen ihnen gleichzeitig etwas Mumienhaftes.
Nehmen wir zu Beginn jedes Präparationskurses dieses Tuch ab, blicken wir auf den erhärteten Körper eines sechzigjährigen Mannes, der deutliche Unfallmerkmale zeigt:
Ein Hämatom im Kopfbereich und mehrere gebrochene Rippen erzählen eine stumme, scheinbar vergessene „Lebensgeschichte“.
Sein rasierter Schädel, sein leerer Blick und seine erschlafften Gesichtszüge verleihen ihm die nötige „Leblosigkeit“, die ich spüren möchte, damit ich guten Gewissens ein Skalpell in die Hand nehmen kann. Jede Woche legen wir nun mit diesem, unserem zukünftigen Berufsutensil einen kleinen Teil mehr von ihm frei.
Anstatt eines Ohrrings ist ein Faden durch sein Ohrläppchen gezogen, an dem eine Nummer hängt – diese Zahlenfolge wirkt auf mich wie das einzige Überbleibsel seiner Identität.

Wie spricht man über einen Toten?

Ist es nicht respektlos, trotz seiner Anwesenheit in der dritten Person von ihm zu sprechen? Immer wieder möchte ich mir den Menschen hinter dem „leblosen“ Körper in Erinnerung rufen. Doch was weiß ich über ihn? Welche Aussagen, die nicht sein Aussehen oder Spekulationen über mögliche Todesursachen betreffen, kann ich mit Sicherheit von mir geben?

Lange scheint kein brauchbarer Gedanke an die Oberfläche zu dringen, dann stolpere ich über einen Eindruck: Der Körperspender vor uns auf dem Tisch hat eine Entscheidung getroffen, die mir unheimlich „groß“ erscheint, eine „Lebensentscheidung“ – er hat sich selbst geschenkt, mehr noch, er hat sich für uns gespendet! Gerade weil ich mir das, von dem ich so profitiere, nicht erklären kann – dafür wäre es wohl unabdingbar, es mit seiner Geschichte zu verknüpfen – muss ich innehalten.

Durch ihn, unseren Spender, darf ich die funktionelle Perfektion und auch die Ästhetik des menschlichen Körpers kennenlernen, er zeigt mir seinen eigenen, unglaublich exakten „Lebensbauplan“. Er gibt mir einen derart tiefen Einblick, obwohl er nicht im geringsten beurteilen konnte, ob ich dem würdig sein kann!
Nach mehreren Wochen der Präparation dürfen wir ihn von der Rückenlage auf die Vorderseite verlagern – nun kommt es mir immer wieder vor, als würde er uns bei der nun zur Routine gewordenen Arbeit beobachten!

Das Herz in der Hand

Ein anderer Moment, der sich tief eingeprägt, ist jener Zeitpunkt, als ich zum ersten Mal Gehirn und Herz in meinen Händen halten darf. Ich staune wie nie zuvor über das „Lebenswunder“ und versinke, nachdem ich mich auf mein Bett geworfen habe, in einer wilden Fantasie über das Zusammenspiel von Emotion und Verstand – gerade durch die Ergebnislosigkeit des Hirngespinstes erscheint es mir so wertvoll.
Über dem inzwischen geschulten Blick, dessen Fokus den Großteil der Zeit auf den anatomischen Strukturen liegt, möchte ich die persönliche Ebene nicht vergessen: Ich weiß, dass ich so dankbar wie Fatima für seine „Lebensspende“ sein darf und ich schäme mich dafür, dass ich diese Dankbarkeit nicht wie sie nach außen tragen kann. Denn: Was, wenn nicht Ehrfurcht und größten Respekt, kann ich, die ich die Spende angenommen habe, zurückgeben?
Früher habe ich mit dieser speziellen Art des Gebens die Idee verbunden, von eigenem „Überschuss im Leben“ abzugeben. Hin und wieder strengte ich mich gar an, in einem Spender einen Menschen sehen, der sein Zuviel rechtfertigen will.
Dass diese Gedanken hinken, sobald ich von mehr als einer finanziellen Spende spreche, merke ich erst jetzt! Was es bedeutet, seinen Körper zu spenden, wird mir bewusst, wenn ich mir vorstelle, dass der Spender damit auch etwas verliert: Die Verfügungsgewalt über seinen eigenen, leblosen Körper.
Ich frage mich, was es bedeutet, sich darauf einzulassen und erst im Nachhinein das Gefühl zu entwickeln, langsam zu begreifen…

Einfluss auf den eigenen „Lebensweg“

Aus einer Praktikantin auf der Kinderkardiologiestation ist eine Studentin geworden. Ich schreite in kleinen Schritten Richtung Verantwortung. Ich versuche hervorzuheben, wie wichtig diese ständige Reflexion ist – denn Fehler und Unvorsichtigkeit in der Wahrnehmung bedingen Folgefehler. Letztendlich machen sie wohl auch blind, indem sie die eigenen Gedanken verabsolutieren. Ich wünsche mir, meine eigene „Lebensperspektive“ stets dehnen und ausreizen zu können, denn: Wir legen, davon bin ich überzeugt, schon jetzt den Grundstein für unsere Haltung gegenüber den Menschen, für die wir uns das Wissen aneignen!
Von Fatima hat das Team der Kinderkardiologie nichts mehr gehört. Ob sie gut in der Heimat angekommen ist? Was in ihrem „Leben“ ist nun anders? Wie tief war der Einschnitt, der durch den Einblick in die „europäische Lebensweise“ entstanden ist, tatsächlich? Und wie gehen sie und ihre Mutter damit um?
Doch, und nur darauf kommt es an: Für Fatima war der Einschnitt „lebensnotwendig“! Eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem lächelnden „Lebensretter“ stellt sich ein und hilft mir, seine Rolle anders zu bewerten. Er hat das Wissen, mit dem er zu helfen vermag, bereits. Er setzt es ein.

Bilder, die nicht vergehen

Heute stehe ich zum letzten Mal im Präparationssaal. Das Ziel am Horizont lichtet sich und schillert in ganz unterschiedlichen Farben – diese Einsicht durfte ich aus beiden einschneidenden Erfahrungen mitnehmen. Es bleiben Bilder des lächelnden „Lebensretters“, der zufriedenen Fatima und der Anblick des blutleeren, „unbelebten“ Gesichts des Körperspenders. Und dann, plötzlich, überlagern sich diese „mein Leben prägenden“ Eindrücke in meinem Kopf. Sie werden eins – aus ihnen resultiert ein Gefühl, das das Potenzial hat, mich weiterzutragen. Es kann meinen „Lebenshunger“ stillen! Die beiden „Lebensspenden“, von denen ich eine selbst empfangen durfte, wirken in mir.

Anmerkung: Sämtliche Personenangaben wurden unter Achtung der Schweigepflicht verändert

Halt. Noch nicht weiterlesen – hilf uns bitte zuerst!

War der Artikel unterhaltsam?
War der Artikel informativ?
Wie gefällt dir der Schreibstil?
Gib uns noch ein paar Worte mit.

Bild: Flickr // Paul Stevenson // CC BY 2.0

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

Anna Maas

Anna Maas

Nach der resignierenden Einsicht, dass der Medizinstudentenalltag in den ersten Jahren vor allem Reproduktion erfordert, möchte Anna mehr Abwechslung in ihren Alltag bringen, als die Marmeladensorten auf ihrem Frühstücksbrot zu variieren. Anfang 20 und unerfahren schreibt sie vor allem über das, was sie bewegt. An den Wochenenden ist sie meist entlang der Linien des deutschen Fernbusnetzes zu finden. So ließ es sich schwer vermeiden, ihren Reflexionen in müßigen Staustunden nach und nach Struktur zu verleihen. Inspiriert durch die Telefongespräche ihrer Nebensitzer mit Hörsturz entstanden Anstöße in der beruhigenden Atmosphäre stickiger Busluft und brummendem Motor - nun ist sie dankbar, sie hier laut werden zu lassen!

Anna Maas