Schlaganfall im U-Bahn-Schacht

„Zurückbleiben bitte“ – wird im Pendler-Fachjargon übersetzt mit „Jetzt noch schnell reinquetschen in die volle Bahn“. Unser Müßiger Gedanke der Woche zeigt, dass wir in mehr einsteigen als nur ein Fortbewegungsmittel.

Im Winter schwitzend in der U-Bahn

Wenn man Tag für Tag in die U-Bahn strömt, kommt man schon manchmal auf komische Gedanken. Erst hatte ich immer so eine Ameisenbauassoziation. Automatisiert werden die Massen in die Unterwelt gezogen und wieder ausgespuckt, um ihr tägliches Werk zu verrichten. Um ihren Aufgaben gerecht zu werden, ihren Platz einzunehmen in der Gesellschaft, im System, im Bau. Doch als ich einmal schwitzend, wohlgemerkt im Winter, widerwillig die schmierig, ja irgendwie fast ölige Haltestange anfasse, kam mir eine andere Idee.

Das U-Bahnnetz ist der Blutkreislauf des Großstadtkapitalismus

Die U-Bahn als Blutkreislauf des Großstadtkapitalismus und ich ein kleines rotes Blutkörperchen in dessen Adern. Ja, die Menschen als Blut und ihr Wissen, ihre Arbeitskraft, ja ihr Humankapital als der überlebenswichtige Sauerstoff. Tag für Tag liefern sie ihn an die Stellen im Organismus, an denen er gebraucht wird: Die Büros, die Geschäfte, die Universitäten, die Schulen, Werkstätten und Fabriken.
Fällt eine U-Bahn aus oder bleibt gar stecken, dann stauen sie sich die Blutkörperchen und werden nervös. Ein Minischlaganfall im Großstadtkapitalismus. Dann werden Bereiche nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, dann fehlt irgendwo irgendjemand, dann wird irgendwo die PowerPoint Präsentation etwas später gemacht. Abends geht es zurück in die gelben, unterirdischen Venen, die die sauerstoffarmen, ausgelaugten Blutkörperchen zurück pumpen. Die Wohnungen, Sofas und Fernseher als Lungen, die den Blutkörperchen wieder neue Kraft, neuen Sauerstoff liefern.

Vielleicht sollten Sozialrevolutionäre einfach mal den öffentlichen Nahverkehr lahmlegen

Schleicht sich eine Krankheit in die Blutbahn und sorgt für Unruhe, dann kommen die gelb-blauen, weißen Blutkörperchen und bekämpfen sie, ganz wie im echten Leben. Ist die Krankheit etwas schlimmer, kommen die grünen, mittlerweile blauen Antikörper – die haben mehr Erfahrung mit Krankheiten als die normalen gelb-blauen, weißen Blutkörperchen. Dann denke ich, vielleicht sollten Sozialrevolutionäre einfach mal den öffentlichen Nahverkehr lahmlegen – dann hat sich das schnell erledigt mit dem Kapitalismus. Dann denke ich: „Gab’s ja alles schon“ und steige aus der U-Bahn und gehe zur Arbeit.

Max Patzig über CC BY 2.0

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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