Schmeißt eure Smartphones weg – werdet Mensch

Lange Zeit war ich eingekerkert und infiziert mit dem „habit mortifero“ der Generation Y. Viel zu lange ließ ich mich vom Wahnsinn der Facebook-, Twitter- und WhatsApp-indoktrinierten Gesellschaft unterbuttern. Ich ertrank in einem Sumpf aus gelikesharten Beiträgen, in der geschönten Fabelfarbwelt verformter Instagramfilter und der Sucht nach immer mehr Zuspruch einer virtuellen Gemeinde von Freunden, die mein wahres Ich nicht kennen und nie kannten. Dennoch wurden sie zum Gradmesser meiner verblendeten Selbstwahrnehmung. Ich war nicht mehr ich selbst, sondern die Marionette einer gleichgeschalteten Assimilierungssociety, die schon lange vergessen hat, wie es sich anfühlt die Ketten des World Wide Web abzustreifen – wie es ist ein Mensch zu sein.

Doch wie kam es zu meinem Sinneswandel? In der monotonen, Trübsal erschaffenden Sozialen-Netzwerk-Welt braucht es schon mehr als einen Wetterumschwung, um die Blicke der Menschen weg von ihren Smartphonedisplays, aus dem Fenster und auf die Straße oder rauf zum Himmel zu lenken. Das Vibrieren des kleinen Schatzes in der Hosentasche, das erquickende „Pling“ einer ankommenden Nachricht beim Empfänger oder das blinkende Signallämpchen des auf lautlos geschalteten Handys in der Konferenz, sie lassen unsere Herzen höher schlagen und machen uns unempfänglich für die so dringend benötigte Sozialkritik an unserem Handeln.

Zwei Virtuosen gegen die Smartphones

Oh Mutter Natur, lass uns nicht an unserer Selbstbestätigungskultur vergehen. Nicht alle Menschen sind so falsch, so blind, so taub, für deine Wunder, deine Realität. Und Mutter Natur erhörte die stummen Hilfeschreie der stark vernetzten und doch so separierten Facebookzombies. Sie sandte der Welt zwei Propheten des Reallifes. Den Poetryslammer, Musiker, und Philosophen Prince Ea aus St.Louis (Missouri) und Eric Pickersgill, Fotograf und Virtuose, aus Charlotte (North Carolina). Zwei Rebellen, zwei personifizierte Ein-Mann-Widerstandsbewegungen im aussichtslosen Kampf gegen den Untergang der Menschlichkeit. Sie schafften es das schmutzige und seelenlose Internet zu unterwandern, um uns ihre Message mitzuteilen, die Prophezeiung zu erfüllen und der Internetsucht für immer zu entsagen. Ihr Botschaft: Werft eure Smartphones weg – werdet Mensch!

Die beiden Leuchttürme der Realität, in einer Welt voller Yelp-Beurteilungen und Foreneinträgen zum Thema „Wie kriege ich … wieder aus meinem Arsch heraus“, führten mich in ihrer wahrheitsgetränkten Geradlinigkeit raus aus dem Schatten und zurück ins Licht. Ich bin wieder ich – ich bin wieder ganz.

Eric Pickersgill und seine erweckende Fotoreihe

Eric Pickersgill veröffentlichte jüngst eine Fotoserie, die es mehr denn je auf den Punkt bringt: Wir alle befinden uns mehr oder weniger in einer medial-sozialen Sackgasse. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien bilden unseren grauen Alltag ab. Menschen blicken ausdruckslos auf ihre Smartphones, nur, dass diese wegretuschiert wurden. Die leeren Blicke treffen die leeren Handflächen. Unsere eigene Unzulänglichkeit, die Blindheit, wird uns vor Augen geführt. Denn wo ist er, der Unterschied zwischen dem leeren, sinnlosen Surfen und dem leeren, sinnlosen Handflächen Anstarren? Nirgends!

Pickersgill nimmt Abstand, er geht auf Distanz, um unsere Schande zu dokumentieren.

Die Idee zu seinem Fotoprojekt kam Pickersgill in einem New Yorker Café. In einem von ihm eigens auf Facebook geteilten Tagebucheintrag beschreibt der Künstler, wie es zur Initialzündung seines kreativen Aufrufs zur Rebellion gegen die Smartphones kam: „Family sitting next to me at Illium café in Troy. NY is so disconnected from one another.“ Schonungslos und in die Fresse schildert Pickersgill die Krankheit einer ganzen Stadt, einer ganzen Welt. Heute wurden seine erleuchtenden Fotopranger von über 100 Kunst- Szene-, und Kultmagazinen weltweit geteilt. Die Botschaft des amerikanischen Propheten verbreitet sich wie ein virales Lauffeuer – vielleicht weil es eines ist. Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Kehrt ab – werdet Mensch! Tausende und Zehntausende von Menschen teilen die läuternden Beiträge des Amerikaners und abertausende Likes und Comments belegen: die Abkehr vom Smartphonehype hat bereits begonnen.

Prince Ea – ein Fitnesspapst gegen die Generation Smartphone

Prince Ea, ein Parka tragender Guru der Netzbewegung, schaffte es schließlich mich aus der Umklammerung des rosaroten Likezirkels zu befreien. In einem dreieinhalb minütigen Video demaskiert er unsere mit Chats und Newsfeeds gefütterten Tage als kalte, seelenlose Hüllen. Ea sitzt an einem Menschen verlassenen Kai einer idyllischen Uferpromenade. Die Sonne geht unter, doch dank seiner poetisch vorgetragenen Thesen der Menschwerdung, geht ein flammender Stern des Widerstands auf. „Technology made us selfish and seperate.“ In der Manier eines sozialkritischen Poetryslammers klagt er die mediale „overstimulation“ eines orientierungslosen Gesellschaftsteils an. Sein blassrosa Poloshirt weht im Wind, seine weiße Armbanduhr ohne Display untermauert die Ernsthaftigkeit seiner Worte. Jeder, der Eas Youtube-Video anschaut, weiß sofort: He is really giving a fuck about digitalism! Die dramatische Pianomelodie, welche so schaurig schön und traurig klingt, als wäre sie gerade einem O2-Fernsehwerbespot entsprungen, ist der Soundtrack einer beschwingt vorgetragenen Ode an die Menschheit.

„Mr. Zuckerberg, geben sie zu, dass Facebook eben kein soziales Netzwerk ist, sondern ein asoziales.“ Während man daheim gebannt vor seinem Laptop sitzt und das Video Eas sieht, möchte man aufstehen, jubeln und „Amen!“ rufen. Schlussendlich formuliert der Musiker und Fitnesspapst seine Gebote der medialen Abkehr: „Ich werde keine Fotos mehr von meinem Essen machen. Ich werde es essen. Ich werde keine Momente mehr aufnehmen, ich behalte sie in meinem Herzen. Haltet mich für verrückt, aber ich träume von einer Welt in der wir lächeln, wenn unserer Akku stirbt.“

Schmeiß dein Smartphone weg, aber vorher bitte noch liken und teilen

Das ist der Moment der Menschwerdung. Ja, er sagt es! Ich wischte mir, wie wahrscheinlich viele Menschen vor mir, eine Träne aus dem Augenwinkel und besiegelte die Abkehr von meinem medialen Kerker mit einem Like für das Video Prince Eas. Daraufhin teilte ich es, kommentierte den Beitrag mit einem „You changed my mind. Thank you so much“ und kassierte umgehend 14 Likes meiner Follower. Die Botschaft findet überall Anklang, wie  57.725.512 Aufrufe und über 600.000 Likes bezeugen können. Nie wieder Facebook, nie wieder Fesseln.

Werft eure Smartphones weg – werdet Mensch. Wer diesen Beitrag der Menschwerdung unterstützen will, liked ihn, teilt ihn, bekehrt seine Umwelt.

Liked auch das Müssiggang Magazin und sorgt dafür, dass ihr auch in Zukunft mit einem besseren Gefühl durchs Leben schreitet. Lebt wieder ohne Zweifel eures Seins und nehmt eure Umwelt wahr. Atmet die Realität und macht es wie Ea und Pickersgill: ohne Haken, ohne Schnörkel, ohne Doppelmoral.

Foto: Gerrit Seebald

 

Post vom Müssiggang Magazin

Melde Dich jetzt für unseren Newsletter an

Torben Lehning

Torben Lehning

Torben braucht Aufmerksamkeit. Wenn er nicht gerade wildfremde Menschen in der U-Bahn anquatscht, ist er auf Open Stage-Bühnen oder in kruden Internetforen anzutreffen. Haltungen zeigen, Meinungen vertreten, Kommentarspalten bekriegen! „Einer muss es ja mal sagen!“ Und wer könnte die Zusammenhänge dieser Welt wohl besser erklären, als ein scharfsinniger Mittzwanziger aus Kassel, der irgendwas mit Medien studiert hat?
Torben Lehning