Flüchtlinge, Amerikaner, Banken – Schuld sind immer die anderen

Freital 26.06.2015: Rund 150 Nazis, Hooligans und andere „besorgte Bürger“ demonstrieren gegen die Flüchtlingsunterkunft. Die Bilder wurden sinnbildlich für deutsche Zustände und gingen um die Welt. Skandiert wurden die Klassiker: „Lügenpresse“, „Lügenpresse“, „Antifa! Ha Ha Ha“ oder „wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. So weit, so gewöhnlich. Interessanter war ein unauffälliger junger Mann am Rande der Veranstaltung. Emotionslos gewissenhaft hielt er ein Schild hoch auf dem das Nato-Emblem prangte. „Schluss mit Krieg durch die USA und deutsche Waffen“ stand darunter. Falsche Demo?

Dresden 12.10.2015: Pegida marschiert wieder. Galgen werden gebastelt und natürlich gegen Flüchtlinge gehetzt. So weit, so gewöhnlich. Interessanter der ein oder andere Sprechchor, der von den besorgten Bürgern, meist mit bewusst tiefer Stimme, angestimmt wird: „Merkel nach Sibirien und Putin nach Berlin“. Ist Ken Jepsen gar nicht links?

Köln 18.08.2015: Till Schweiger hat seinen legendären Auftritt bei Menschen bei Maischberger. Aus Hamburg wird er zugeschaltet. Da ging es um Flüchtlinge. Endlich einer von uns, einer mit moralischen Werten, bei dem Menschenleben noch zählen, während in der ostdeutschen Provinz der Pöbel wütet. So weit, so gut. Doch er belässt es nicht dabei, sich für Verfolgte einzusetzen: Nein es gibt noch einen messerscharfen außen- und finanzpolitischen Rundumschlag.

Und sowieso: Schuld sind die Banken und Amerikaner

Die These: Eigentlich hätten uns die Amerikaner den ganzen Schlamassel eingebrockt. Brilliante Beobachtung Till. Ja und wegen der Bankenrettung sei kein Geld da für die Flüchtlinge. Erschreckend einleuchtend Herr Schweiger. Man munkelte er war betrunken. Ob er es wirklich war oder nicht, sei dahingestellt, doch es würde passen: Als Metapher für eine Verfassung, in der sich diese pöbelnde, schuld abweisende, deutsche Gesellschaft manchmal befindet. Studien ergaben, Betrunkene finden sich selbst attraktiver, sind weniger selbstreflektiert und neigen dazu die Schuld bei anderen zu suchen. Und wer kennt es nicht? Emotional, betrunken, auf dem Weg nach Hause sind alle anderen schuld am Weltschmerz, nur nicht man selbst. Ja und so ist eben nicht das „Pack“ oder gar die deutsche Asylpolitik schuld an brennenden Asylheimen oder menschenunwürdigen Verhältnissen sondern die Amerikaner, ja und die Banken sowieso. Dass die Molotow-Cocktail schmeißenden Wut-Bürger eine ganz ähnliche Meinung zu Banken und Amerikanern haben, erschreckend offensichtlich. Nur niemand redet darüber.

Der Umgang mit der Schuld und die Querfront

Worum es hier geht ist Schuld, ja den Umgang mit ihr, um das tiefe Verlangen einen Schuldigen finden zu müssen, für das eigene Gewissen. Selbst wenn die Amerikaner eine Mitschuld an den Verhältnissen im Nahen-Osten tragen sollten, legen sie nicht die Brände. Die 5000 Menschen montags in Dresden sind wohl auch keine CIA-Agenten. Kurz gesagt: „Schuld sind immer die Anderen“. Die Psychoanalyse spricht in diesem Fall von projektiver Identifizierung: negative Selbstanteile werden abgespalten und auf das Gegenüber projiziert. Innere Konflikte werden in der Außenwelt inszeniert, um das innerpsychische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Bei den Rechten wird Schuld nur direkter externalisiert, als in weiten teilen linksliberalen Denkens. Hauptsache ist, einen Schuldigen zu haben für eigene innere Missstände. Es entsteht eine Täter-Opfer-Verschiebung und das nicht nur bei den Wutbürgern von Freital. Auch Herr Schweiger stilisiert die Deutschen in diesem Zusammenhang zu Opfern. Sie sind quasi ein hilfloser Spielball der Weltpolitik und dem Diktat der Banken. Wie gesagt, das sieht das Pack sicher auch so. Sollten Asylbewerber irgendwann kein Thema mehr sein, können alle zusammen die bösen Banker von der Wallstreet Lynchen. Einen neuen Feind finden für die innere Zerrissenheit des deutschen kollektiven Gewissens.

Immer sind die anderen schuld

Diesen inneren Abwehrmechanismus bekommen wir, wie es scheint, bereits in die Wiege gelegt. Schon in der Schule waren immer die Lehrer schuld, wenn wir den Anforderungen nicht gerecht werden konnten. Unseren Eltern haben wir so lange erzählt, dass wir ungerecht behandelt werden, bis sie in Elternabenden den vermeintlich wahren Schuldigen an den Pranger stellten. Dass auch Lehrer Menschen sind, Existenzen haben, war völlig egal. Die eigene Unfähigkeit zu lernen, wurde abgespalten und in den Lehrer die Unfähigkeit zu unterrichten projiziert. Das Mobbingopfer war natürlich ebenfalls selber schuld. Das eigene asoziale Verhalten, dem unterstellt der anders ist. Die Unterstellung dann als Rechtfertigung für Aggression und Menschenverachtung.

Und auch der akademische, aufgeklärte Betrieb der Universitäten ist nicht gefeit vor projezierenden Schuldzuweisungen. Studierende der renommierten Humbold-Universität Berlin zeigen anschaulich, dass der formale Bildungsabschluss kein Beweis für angemessene Selbstreflexion ist. Auf ihren Watchblogs denunzieren Studenten ihre Professoren, wenn das Unterrichtete nicht in ihr Weltbild Passt. Man kann von dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler halten was man will und sicherlich ist auch der Erziehungswissenschaftler Malte Brinkmann nicht frei von Fehlern, doch die Methode vermeintlich Linker studierender mehr als fragwürdig. Mit der Argumentation der Psychoanalyse könnte man den selbsternannten Zensoren des akademischen Betriebes vorwerfen, sie projizieren das Missfallen über die Unmöglichkeit, diese komplexe Welt zu erfassen, in einer vermeintliche Eindimensionalität der Lehrenden.

Natürlich nicht alle in einen Topf

Nicht das ein falscher Eindruck entsteht: Es geht nicht darum Till Schweiger, pubertierende Schüler und naive Stundenten in einen Topf mit den sogenannten besorgten Bürger zu werfen. Nein vielmehr geht es darum Mechanismen aufzudecken, die weit verbreitet sind und sich oft nur in ihren Externalisieungsobjekten unterscheiden, also andere Opfer haben. Die Ursache, eigene Unzulänglichkeit zu verdrängen, ist allerdings oft die gleiche. Um bei den Beispielen zu bleiben: Till Schweiger übernimmt in seinem Umgang mit der Flüchtlingsdebatte, die Rolle besorgter Eltern. Insgeheim weiß man, dass die Fehler durchaus bei der eigenen Brut liegen, doch man will es nicht wahrhaben, deshalb ist der Lehrer schuld. Dass Deutschland ein massives Rassismusproblem hat, wird ausgeblendet. Der negative Selbstanteil als Folge der Schuld anderer interpretiert. Schuld an brennenden Asylheimen, sind aber nicht die Banken, nicht die Amerikaner und auch nicht Angela Merkel, sondern eben genau die, die Brände legen. Warum sie das tun ist eine komplexe und sicherlich nicht monokausal erklärbare Frage. Doch das letzte was man tun sollte, um sie zu beantworten, ist reflexartig die Schuld bei anderen Suchen, denn das machen diese Menschen genauso.

Bild: flickr // Metropolico.org // CC BY-SA 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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