So war die erste Folge von Schulz & Böhmermann

Es ist der 10. Januar, der Abend spät, und doch steht da vielleicht bereits eines der Fernsehereignisse des Jahres bevor – die Premiere des Anarcho-Talks Schulz und Böhmermann, in dem Wortgirlanden-Olli-Schulz Fäkalautorin Charlotte Roche ersetzt. Anlass genug für uns, im Liveticker auf Twitter über den Start #sundb zu berichten (unten könnt ihr den ganzen Ticker nachlesen). Zunächst hat sich aber gar nicht so viel verändert. Es wird immer noch geraucht, gesoffen und durcheinandergequatscht. Dies aber durchaus sympathisch, eben ohne den durchkonfektionierten Talkshow-Ablauf mit festgelegten Redezeiten, unparteiischen Moderatoren und auf Hochglanz poliertem, kaltem Mobiliar. Der Rahmen ist schön und lädt ein, über den Inhalt hinwegzusehen, aber der Rahmen ist eben der Rahmen. Jemand, der 60 filterlose Zigaretten am Tag raucht und literweise Kaffee trinkt und schelmisch unter seiner Hornbrille hervorlugt, ist auch nicht automatisch ein genialer Schriftsteller. Er ist zunächst mal ein Schriftstellerdarsteller.

Raumeinnehmender Unsympath und die nette Frau von nebenan

Schulz und Böhmermann gelingt es gleichwohl ziemlich gut, diesen anachronistischen Rahmen mit Unterhaltung zu befüllen, hin und wieder grandios, manchmal noch plätschernd. Die Auswahl der Gäste – ein Risiko. Gert Postel, Hochstapler und raumeinnehmender Unsympath, schlüpft in die Rolle, die in anderen Talkshows sonst Alexander Gauland oder Markus Söder vorbehalten ist: Man findet ihn danach ziemlich daneben, hat sich von seiner Dreistigkeit und seinem Narzissmus aber auch irgendwie gut unterhalten gefühlt. Jörg Kachelmann dagegen polarisiert als eine Art Rächer der Entehrten, je friedvoller er sich versucht zu zeigen, je betonter er sagt, dass er seinen Frieden beinahe gemacht hat, um so getriebener wirkt er. Kollegah, bürgerlich Felix Blume, wirkt im Lichte der anderen beiden sich meist selbst verteidigenden Männer so wie ein Anarcho-Talk-Profi, übernimmt das Zepter an einigen Stellen und stellt da kluge Fragen, wo Schulz und Böhmermann die zu einfache Pointe suchen. Warum sprechen wir von Anika Decker ganz am Ende? Wir folgen der Chronologie des gestrigend Abends. Erst nach 26 Minuten ihr erster Redebeitrag, nichts furchtbar tiefes. Und doch: Anika Decker war irgendwie der heimliche Star dieser ersten Folge von Schulz und Böhmermann. Wo andere testeosterongeladen ihre Sicht der Geschichte verteidigen, ist sie einfach sympathisch. Nicht überdreht, sondern ganz normal, die nette Frau von nebenan, die immer freundlich grüßt.

Schulz und Böhmermann ist ein kontinuierliches Risiko, das in Folge 1 belohnt wird

Das Risiko, das Olli Schulz und Jan Böhmermann eingegangen sind, wurde in Folge eins belohnt. Die Runde harmoniert ganz ohne jede Harmonie. Dass da noch mehr geht, ist keine Frage. Aber auch hier sollten wir vorsichtig sein: Schulz und Böhmermann ist kein Prototyp, den man von mal zu mal weiterentwickelt, in der Gewissheit, dass er ständig besser wird. So wie der Talk angelegt ist, ist er jedes mal aufs neue ein Versuch, dem man eine Chance geben sollte, selbst wenn er anders als in Folge eins mal gehörig schief geht.

Müßiggang Magazin goes Second Screen

Wir waren gestern Abend auch nicht untätig und haben auf Twitter live zur ersten Folge von Schulz und Böhmermann getwittert. Mit dabei: unglaubliche Fun Facts zu Gert Postel, tolle Drehbuchideen für Anika Decker und unser Titel für die erste Single von Kollegah feat. Gert Postel – nachlesen lohnt sich. Die Tweets sind allesamt aus der Feder von Gerrit Seebald.

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Unser Twitter-Liveticker zur ersten Folge von Schulz und Böhmermann

 

Bild: YouTube-Screenshot

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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