Serien, Filme, Bücher – Warum Geschichten für uns so wichtig sind

Alle lieben eine gute Geschichte. Geschichten belustigen uns. Sie begeistern uns. Sie verändern uns, egal ob wir sie in Büchern lesen, im Kino sehen oder, ob sie uns eine tiefe Stimme in geselliger Runde erzählt. Don Quijote etwa liebt seine Rittergeschichten so sehr, dass er entscheidet selbst ein Ritter zu werden – in einer Zeit, in der es keine Ritter mehr gibt. Gegen alle Widerstände lebt er ein Leben, für das in seiner Welt gar kein Platz ist. Die Realität überwindend, weil etwa Windmühlen keine Riesen sind, macht er sich zu dem Helden, der er sein will. Ob er damit einfach nur wahnsinnig ist oder eine Art Übermensch, könnt ihr selbst entscheiden. Aber feststeht: Er ist ein krasser Typ und Geschichten prägen uns.

Geschichten sind der Stoff, aus dem wir gemacht sind.

Das wunderbare an Geschichten ist, dass sie uns mit unbekannten und unmöglichen Situationen konfrontieren und wir uns fragen können: Was, wenn ich die Tochter der verfeindeten Familie lieben würde? Was, wenn ich zum Preis niemals endenden Liebeskummer die Liebe meines Lebens in meinen Träumen über ihren Tod hinaus konservieren könnte? Was, wenn mein baldiger Tod feststünde?

Geschichten sind aber mehr als eine etwas andere Quelle für Lebenserfahrung und Müßiggang. Sie sind auch der Stoff, aus dem wir gemacht sind. Was? Bestehen wir nicht aus Wasser und Kohlenstoff? In naturwissenschaftlicher Hinsicht vielleicht. Aber das kann uns eigentlich egal sein. Die Frage: „Wer bin ich?“ lässt sich nämlich nicht mit „Wasser und Kohlenstoff“ befriedigend beantworten. Wer sich diese Frage beantwortet – und das tun wir alle in irgendeiner Weise – muss zur Geschichtenerzählerin werden. Sie muss sich selbst erzählen. Wie in einer Geschichte besteht unser Selbstbild aus einer Verknüpfung von bestimmten Eigenschaften der Hauptfigur, wie Aussehen oder Charakterzügen, mit einigen erinnerten Situationen. Wir erzählen uns selbst und anderen, welche Art von Figur wir sind und überlegen uns doch auch dauernd, welche Geschichte wohl andere von uns erzählen mögen. [Ich habe mir etwa beim Schreiben dieses Artikels vorgestellt, wie die Müßiggang Redaktion sich erzählt, wie schlau sie mich wegen meiner Texte findet. Anmerkung des Autors]

[In den Redaktionssitzungen wurde dies von niemanden erzählt, gedacht oder auch nur in Erwägung gezogen. Anmerkung der Redaktion.]

Wir müssen unsere Figur mögen können

Unsere Selbst-Geschichte spielt für unser Handeln eine Schlüsselrolle. Sie geben unserem Denken die Form in der wir über uns selbst nachdenken können; in denen wir uns selbst entwerfen. Die verschiedenen Möglichkeiten, wer wir sein könnten, werden in den Erzählungen vorab konkret, damit wir uns zu ihnen und zwischen ihnen entscheiden können. Ob wir dann eine schwere Entscheidung treffen, tragen und vor allem ertragen können, hängt fundamental davon ab, ob wir eine Geschichte finden, in der wir mit unserem Handeln gut leben können. Es braucht eine Geschichte, in der diese Entscheidung uns zu einer Figur macht, die wir gern sein mögen –oder uns wenigsten vorstellen können zu sein. Eine, die auf ihrer Karriereleiter gut vorankommt, wird sich ihr Leben als einen Aufstieg beschreiben, in dem sich ihre Durchsetzungsfähigkeit widerspiegelt. Bricht sie aber irgendwann unter der Last von Stress und Leistungsdruck zusammen und ihre Ärztin rät: „Treten sie kürzer, sonst droht der Herzinfarkt“, dann hängt ihr Überleben davon ab ob, sie eine neue Geschichte findet, indessen Hauptrolle sie sich wohlfühlt. Wenn ja, dann wird aus der einstigen Aufstiegsgeschichte, die Geschichte eines verblendeten Lebens mit falschen Idealen. Die Neuorientierung wird dann zum Moment heroischer Einsicht, welche weise die Falschheit und Leere des alten Lebens überwindet und ein besseres beginnen lässt.

Anderes Szenario:

Party. Alkohol. Ärger. Ein Junge wird angespuckt. Einfachere Gemüter, die ihre Werte und Ideale aus plumpen Geschichten haben, die sich um Ehre, Gewalt und Männlichkeit drehen, werden schneller zuschlagen. Wie könnten sie sonst sich selbst mögen, wenn ihr Figurenfundus keine Charaktere kennt, die solche Demütigungen über sich ertragen können. Sie schlagen zu, da Ihnen sonst das Selbstbild der schwachen Person aufgezwungen wird. Anders hingegen, wer Buddhas oder Gandhis Heldenhaftigkeit zu schätzen weiß. Er gibt sich in der eskalierenden Situation kurzerhand die Rolle des selbstbeherrschten Pazifisten und kann (verhältnismäßig) leicht gewaltlos das Feld räumen. Vielleicht hat letzterer sogar die Wahl, für welche Selbst-Geschichte er sich entscheiden will. Dann drängt sich folgender Verdacht auf: Umso größer unser Geschichtenfundus und umso größer unser Erzählgeschick ist, desto freier sind wir. Dann stehen uns mehr Seinsweisen, mehr Handlungsoptionen offen, mit denen wir gut leben können. Ist unser Wille dazu noch stark genug, könnten wir vielleicht auch die Wirklichkeit überwinden. Es kann aber auch sein, dass Don Quijote ein Ideal ist, dem wir nur nachstreben können, ohne es je zu erreichen.

Darum ist die Moral dieser Geschichte: Greift zum Buch! Geht ins Kino! Lasst euren Freundinnen im Gespräch mehr Redezeit. Vielleicht hat sie ja eine gute Geschichte für euch.

Bild: flickr  // brett jordan // CC BY 2.0

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Friedrich Reinhardt

Friedrich Reinhardt

Friedrich liebt Menschen für ihre Verzweiflung und ihre Liebe. Dafür sieht er auch gern über Kriege und Umweltverschmutzung hinweg. Sein Motto: „Wer eine Überzeugung hat, hat das Problem nicht verstanden“, hält er selbst nicht für vertretbar. Hier beim Müßiggang Magazin ist er daher, weil ihn wegen seiner romantisch-weltfremden Art sonst keiner ertragen konnte.
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