Sind wir so tolerant, dass es uns schon egal ist?

08:15 Uhr morgens. Alle sind noch etwas verschlafen und torkeln übernächtigt um das Frühstücksbuffet. Offenbar ist es nicht bei einem Feierabendbierchen geblieben. Vom Frühstückssaal im siebten Stock des Hotels sieht man immerhin bis zur vierten Wolkenkratzerreihe. Ungefähr 300km westlich von Shanghai ist der Smog nicht mehr allzu dicht. Nanjing ist ja mit fast 9 Millionen Einwohnern nicht einmal unter den Top 10 Städten Chinas.

Das kontinental – chinesische Frühstück

„Ist das ekelhaft. Auf einem Teller Fisch mit gebratenen Nudeln und dazu der süße Marmorkuchen. Was sich die Leute hier auf den Teller packen“, zischt mein Gegenüber am Frühstückstisch. In der Tat besticht das Frühstücksmenü durch seine Vielfalt. Vom klassisch chinesischen bis hin zu dem, was wir wenig aussagekräftig als „kontinentales Frühstück“ zu bezeichnen pflegen.

„Also so pauschal kannst du jetzt nicht urteilen“, erwidert der andere Tischnachbar und ein handfester Streit nimmt seinen Lauf noch bevor ich meinen ersten Espresso getrunken habe. Letztendlich geht es darum, dass – nennen wir ihn – Bernd von der Kombination des Essens angewidert ist und – nennen wir ihn Jeff – dies als ungerechtfertigte, pauschale Verurteilung anprangert. Am Frühstücksteller eines unbeteiligten chinesischen Hotelgastes entzündet sich daraufhin eine intensive Diskussion über den Umgang mit dem Neuen und Fremden. Immer wieder geht es hin und her:

„Ich darf das doch ekelhaft finden, ist doch mein Geschmack und heißt nicht gleich, dass ich was gegen Chinesen hab’.“

„Aber vielleicht ist es gar nicht ekelhaft und du hast es noch gar nicht probiert. Außerdem was regst du dich über die Frühstückskombination Anderer auf und lässt sie nicht essen, was ihnen schmeckt.“

Ich sitze dazwischen und versuche mit Stäbchen mein Spiegelei zu zerteilen, was erstaunlich gut gelingt. Die Diskussion lässt mich aber nicht los, weil sie trotz ihrer Banalität stellvertretend für zwei Umgangsarten mit dem Neuen, Fremden steht.

Auf jeden Fall ok?

Die Diskussion ist so schön banal, dass man zunächst recht unbeschwert über den Zugang zu Neuem und Fremden nachdenken kann. Vielleicht lässt sich dieser Zugang als Kontinuum zwischen absoluter Ablehnung und absolutem Desinteresse verstehen. Auf dem Kontinuum sind wir vor allem für einen Pol sensibilisiert: Der, bei dem alles, das neu ist, auch schlecht ist. Das geht dann in die Richtung Rassismus und Fremdenhass. Dass man sich damit den Zugang zu Neuem versperrt, ist klar. Immer häufiger begegne ich aber auch dem anderen Extrem. Alles Fremde und Neue ist einfach nur anders, auf jeden Fall aber ok. Es ist die reflexartige Reaktion des modernen Weltbürgers, um seine Offenheit und Toleranz zu demonstrieren. Was aber ausbleibt, ist die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Neuen. Die Grenzen zwischen Toleranz (aushalten, erdulden) und Ignoranz (nicht wissen) verschwimmen. Wir sind dann so tolerant, dass es uns fast egal ist. Interessanterweise führen die beiden entgegengesetzten Herangehensweisen zum gleichen Ergebnis. Keine Ahnung vom Neuen und Fremden.

Fremd oder neu ist nicht automatisch gut oder schlecht

Wir brauchen also eine Mischung zwischen Offenheit und kritischer Auseinandersetzung. Blindes Abnicken führt genau wie blinder Hass dazu, fremde Kulturen, unbekannte Verhaltensweisen und neue Denkmuster nicht zu verstehen. Und es ist herausfordernd nicht in eine der beiden Sackgassen abzubiegen. Natürlich ist es bequemer sich in Ignoranz à la „die sind halt anders“ oder „die sind ja ekelhaft“ zu flüchten. Und die Frühstückskombi ist nur der Anfang. Die Versuchung, bei den großen Themen des Lebens die Flucht zum einen oder anderen Pol zu ergreifen, ist riesig. Bei Liebe, Freundschaft, Zusammenleben in einer Gesellschaft, Konsumverhalten, Politik, Menschenrechten und so weiter wird der Diskurs erst spannend. Anfangen zu verstehen können wir nur mit Offenheit und einem kritischen Abgleich mit unserem Wertesystem. Verzichten wir auf eine Komponente, werden wir blind.

Und nachdem ich nun doch Eigelb auf meine frische Hose gekleckert habe, greife ich für die Scheibe Bacon zu Messer und Gabel.

 

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Track zum Text:

Bild: Müßiggang Magazin

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik Kaufmann
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Dominik Kaufmann

Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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