„Es ist ein interessanteres Empfindungsspektrum, wenn man in Abgründe geschaut hat“

„Ekelfeminismus“, sagt die Zeit, „niedliche Assi-Bratze“, sagt die Welt – Stefanie Sargnagel bringt mit ihren hyperrealistischen Facebook-Posts das Feuilleton zum hyperventilieren. Zwischen Hochachtung und Verachtung ist es ein leichtes sie auf das zu reduzieren, was sie von den traurig dreinblickenden, wohlsituierten Hildesheimer-Schreibschülern unterscheidet, auf ihre Vulgarität, vielleicht auf das Prekäre.

Was soll ekelfeminismus eigentlich sein? Ist jede frau die IRGENDWAS macht feministisch? Sind männer nie feministisch?…

Posted by Stefanie Sprengnagel on Friday, December 11, 2015

 

Doch damit greift man zu kurz. Stefanie Sargnagel beschreibt, was ist. Nüchtern, präzise, selbstreferentiell arbeitet sie sich mit dem Seziermesser durch das, was sie sieht, was Gegenwart ist. Das ist durchaus einfühlsame, vor allem realistische Literatur, gezeichnet von sehr genauer Beobachtung, von der Suche nach dem Bruch in der Inszenierung des Alltäglichen. Und es sticht positiv heraus aus dem Einerlei der lieben Jungliteraten, die in schöner Regelmäßigkeit ihre Misanthropie ganz sachlich in den Äther kotzen und danach mit Sagrotan das Klo sauber machen. Stefanie Sargnagel schreibt ohne die angezogene Handbremse der erwünschten Rezeption.

hab in düsseldorf sushi gekauft. es war so richtiges mysteriöses japan sushi. habe mich erinnert als es in wien ankam…

Posted by Stefanie Sprengnagel on Thursday, December 10, 2015

 

Da wächst grad eine heran, deren Werk weit mehr ist als eine Wichsvorlage für das Altherrenfeuilleton. Sie gehört zu einer Klasse hochbegabter und gleichzeitig oft verkannter Chronisten. Beschreiben, was ist, jeden Tag, ist weit komplizierter als alle vier Jahre einen glattpolierten Roman in die Thalias der Republik zu werfen. Und wird in der Literaturkritik dennoch regelmäßig verkannt. Unvergessen Maxim Billers Kritik an Rainald Goetz, dass seine Texte nicht genug gearbeitet wären. Dabei ist genau dieses Unbearbeitete, diese ad-hoc Beschreibung von Gegenwart etwas, dass das Chronistentum ausmacht: unvollkommene Literatur als Spiegel unvollkommener Gegenwart und unmittelbaren Bewusstseins. Deshalb ist das, was Stefanie Sargnagel seit einiger Zeit produziert, kein „Ekelfeminismus“ und auch kein Stream of Consciousness einer „niedlichen Assi-Bratze„, wie es in der ein oder anderen Kritik heißt. Ihr Werk hat vielmehr das Zeug, künftig in einer Reihe mit Chronisten wie Rainald Goetz oder Benjamin von Stuckrad-Barre genannt zu werden. Wir hatten die Gelegenheit mit ihr zu sprechen. Natürlich bei Facebook. Natürlich, während sie im Callcenter gearbeitet hat.

auf flughäfen gibts couches die sind so angeordnet, dass jeder mit dem rücken zum andern sitzt, zusätzlich abgeschirmt…

Posted by Stefanie Sprengnagel on Thursday, November 26, 2015

 

Müßiggang Magazin: Du warst die letzten Wochen auf Lesereise in Deutschland? Wie hat’s dir gefallen?

Stefanie Sargnagel: Überraschend gemütlich, weil ich vor allem in leeren WG-Zimmern geschlafen hab. Von den Städten hab ich aber nicht viel gesehen. Es war hauptsächlich Ortswechsel, Lesen, Ortswechsel, Lesen.

Müßiggang Magazin: Wie lange würdest du Berlin überleben?

Stefanie Sargnagel: Drei Monate. Das Problem ist: da findet man IMMER wen, der mit einem weitermacht.

Müßiggang Magazin: Muss man sich für gute Kunst selbst zerstören?

Stefanie Sargnagel: Nein, das glaub ich nicht. Aber die Sachen, die ich mag, haben meistens eine tragisch-komische Komponente. Und um das zu entwickeln, muss man – glaube ich – schon irgendwie verzweifelt sein. Ich glaube, dass es halt ein interessanteres Empfindungsspektrum ist, wenn man in Abgründe geschaut hat. Aber die, die sich nur selbst zerstören, machen am Ende meist gar keine Kunst.

Müßiggang Magazin: Welche Sachen sind das zum Beispiel?

Stefanie Sargnagel: Puneh Ansari, Roland x Roland, schwarze Humoristik im Allgemeinen. Heinz Strunk finde ich teilweise sehr lustig. Ich bin so übermüdet, mir fällt grad nicht alles ein.

Müßiggang Magazin: Nicht schlimm. Du hattest ja jetzt ein paar Wochen Hochdeutsch (im weitesten Sinne) auf Lesereise – ist Wienerisch an sich nicht viel obszöner als die paar Fäkalwörter, die du manchmal nutzt und über die sich dann alle errötet aufregen?

Stefanie Sargnagel: Moment. (Kurze Pause). Also ich glaube nicht, dass die Sprache an sich obszöner ist, aber schon, dass eine gewisse Derbheit im Humor nicht als besonders „prollig“ empfunden wird, sondern eher als selbstverständlich. Und dieses Fäkale, Sexuelle: ich glaube, das ist so gesamtgesellschaftliche Katholizismus-Prägung, dass man sich gerne an sowas abarbeitet.

Müßiggang Magazin: Noch mal zum Zerstörerischen bzw. zu den Abgründen: Findest du diese Positivierung des Scheiterns pervers oder irgendwie komisch?

Stefanie Sargnagel: Scheitern ist halt irgendwie real. Wenn man besoffen in der Gosse in seinem eigenen Urin liegt, ist das halt irgendwie recht ehrlich.

Müßiggang Magazin: Was anderes: Ist Wien grad wirklich so geil, wie alle sagen? Oder gehen den Feuilletonisten nur die Berliner Stadteile für den nächsten Hype aus?

Stefanie Sargnagel: Also der Wien-Hype ist etwas seltsam, weil Wien eigentlich recht unverändert ist. Das ist halt etwas, das man von außen projiziert, weil grad ein paar Dinge aufgekommen sind. Eigentlich hat es viel mit Wanda zu tun. Bilderbuch zum Beispiel bringe ich kaum mit Wien in Verbindung. Und in Wien kennt man ja viele Dinge, die in der ZEIT als „neu“ vorgestellt wurden, ja schon seit einigen Jahren.

Müßiggang Magazin: Also viel Wind um wenig Neues?

Stefanie Sargnagel: Man kann Wien gar nicht so hypen wie einen Berliner Stadtteil. Moment, so viele Anrufe grad.

Müßiggang Magazin: Irgendwas spannendes dabei? Ich stell mir das ziemlich anstrengend vor, wenn da ständig einer was von einem will.

Stefanie Sargnagel: Ich sterbe. Ich komm kaum zum Schlafen in letzter Zeit. Shit, schon wieder Anruf.

Müßiggang Magazin: Geplant, damit aufzuhören?

Stefanie Sargnagel: Ja. Moment. (Kurze Pause). So, bin jetzt auf Pause. Also Wien kann man gar nicht so hypen und dann wird es voll hip. Ich finde, das geht nur mit abgefuckten Stadtteilen, wo dann alle hinziehen. In Wien wohnen alle eigentlich ziemlich verstreut in der ganzen Stadt. Und es gibt die Mietpreisbindung: wenn es teuer wird, wird es überall teuer. Es ist einfach eine alte, sich nur langsam verändernde Stadt. Aber keine Ahnung, ich kann mir vorstellen dass so etwas leicht reales, träges, ranziges, schwarzhumorig-melancholisches, das ich mit Wien assoziiere, möglicherweise auch grad seine passende zeit hat. Aber in der Stadt hat man kein Gefühl von einem Hype. Wien ist ja auch das einzig wirkliche kulturelle Zentrum von Österreich, alles andere ist Provinz. Deshalb hat sich sowieso immer alles in Wien abgespielt, was aus Österreich kommt.

Müßiggang Magazin: Wie würdest du Wanda in drei Worten beschreiben?

Stefanie Sargnagel: Verschwitzt, leidenschaftlich, pubertär. Ich finde es auch sehr bürgerlich, eigentlich. Also wenn man Markos (Sänger von Wanda, Anm. d. Red.) Interviews anhört – das ist halt so Bürgersohn.

Müßiggang Magazin: Wenn das Feuilleton dich mal wieder auf die vulgäre Sprache reduziert: Bist du dann enttäuscht und traurig oder sitzt du dann da und grinst diabolisch und freust dich, dass der Plan so geil funktioniert, so er denn einer ist?

Stefanie Sargnagel: Ich weiß nicht. Ich habe keinen Plan. Ich sehe meine Vulgarität auch nicht als provokativ, es ist mehr ein ehrlicher Umgang mit allem. Mit Gefühlen und Zweifeln und halt auch Ausscheidungen. Ich finde es gar nicht so wichtig. Für mich ist das ja komplett normal und natürlich, was ich schreibe, ich will damit ja nicht provozieren in dem Sinne. Das ist ja eher was neues, dass sich Leute provoziert fühlen. In meiner Blase tut das niemand. Ich fühl mich halt schon viel missverstanden, aber es ist mir im Großen und Ganzen egal. Ich freu mich, wenn jemand mal treffend darüber schreibt.

Müßiggang Magazin: Du hast vor ein paar Minuten noch gepostet, dass dich die ständigen Vergleiche mit Charlotte Roche, Helene Hegemann oder wem auch immer stören. Welcher Vergleich würd dir gefallen?

Stefanie Sargnagel: Ich komme aus einer Familie von Bauern: da ist die Sprache nun mal vulgärer, als wenn man nur bürgerlich in der Stadt sozialisiert wird. Da sagt man halt „Arsch“ statt „Po“ und „scheißen“ statt „aufs WC gehen“. Das ist halt normal. Gefallen, naja ich finde die Vergleiche nicht passend. Zum Beispiel wurde formal noch nie Rainald Goetz erwähnt, was – rein formal – eigentlich naheliegend wäre. Eine Masse an kurzen, datierten Texten. Und mit meiner Freude am Ekel und der humoristischen Verarbeitung davon fühle ich mich eben Heinz Strunk wesentlich näher als Charlotte Roche, wo es um was ganz anderes geht.

Müßiggang Magazin: Was würdest du Ronja von Rönne am Würstl-Stand über Feminismus erzählen?

Stefanie Sargnagel: Ich würde mit ihr gar nicht drüber reden, würde vermutlich eher Small Talk führen. Aber ja, dass sie halt einfach die falschen disst. Aber ich will gar nicht soviel über sie reden.

Müßiggang Magazin: Was sagt man jetzt eigentlich? Sargnagel? Sprengnagel? Stefanie Sargnagel?

Stefanie Sargnagel: Sargnagel. Stefanie Sargnagel.

Müßiggang Magazin: Eine Frage zum Thema Ekel, die mich seit Wochen umtreibt: Sauna oder Sonnenbank: Was ist ekliger?

Stefanie Sargnagel: Sonnenbank. Aber ich find beides grauslig. Ich muss in ein paar Minuten los.

Müßiggang Magazin: Alles klar. Eine abschließende Frage, die banaler nicht sein könnte: Hast du ein Lieblingswort, also so dauerhaft?

Stefanie Sargnagel: Nazi. Nein, „alles Nazis“. Wort nicht so. „Tschuri“.

Müßiggang Magazin: Was heißt Tschuri?

Stefanie Sargnagel: Das hab ich erst vor kurzem erfahren, dass es ein Wiener Wort für Sperma ist. Also vor zwei, drei Jahren. Es ist gleichzeitig so lieb und so widerlich.

Müßiggang Magazin: Klingt jedenfalls possierlich.

Stefanie Sargnagel: Also es gibt auch das Wort „Tschurifetzen“. Und das hab ich grad aus Interesse gegoogelt.

Müßiggang Magazin: Jetzt bin ich gespannt, was das heißt.

Stefanie Sargnagel: Naja, so was wie Spermafaden, würde ich sagen. Oder Spermafleck. Auf jeden Fall gibt es dazu offenbar eine Austropop-Nummer eines bekannten österreichischen Liedermachers, der aber nicht besonders fäkal ist an sich. Also das bestätigt mein Gefühl, dass Österreich einfach ein bissl vulgärer ist im Allgemeinen. Dass ein Balladen-Singer-Songwriter halt selbstverständlich ein Lied über Tschurifetzen singt und es ist nicht voll vulgär in der Wahrnehmung ist, sondern eher lieb-witzig. (Kurze Pause). Na gut, es heißt schon „Schmutzige Lieder“, das Album. Egal, ich muss jetzt los!

Müßiggang Magazin: Alles klar. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast.

Stefanie Sargnagel: Ah, Tschurifetzen ist offenbar nur ein Tuch, in das man reinspritzt.

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Foto: Stefanie Sargnagel

Track zum Interview:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
Nils Langhans

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