Wie wir trauern entscheiden wir immer noch selbst

Alles geht mal wieder den Bach runter. Über eine Millionen Menschen auf der Flucht nach Europa. Unsere offenen Arme nur kurz geöffnet, danach schnell wieder abwehrend verschränkt. Statt Antworten und guter Lösungen oft nur stumpfer Patriotismus, Angst vor dem Fremden, die Politik überrannt, ohne Plan. Krieg in der Ukraine, seit Monaten, allmählich Jahren. Der Nahostkonflikt kurz vor der dritten Intifada. Und dann zerbombt und zerballert der IS auch noch das Herz des aufgeklärten, des bunten Europas. Und wir fühlen Schmerz, Wut, schreiben Je suis Paris oder Nous sommes unis auf unsere Facebook-Timeline, tünchen unser Profilbild in die französische Flagge, debattieren darüber, warum wir nicht genauso betroffen waren, als wenige Tage zuvor die Schergen des IS ein ähnliches Massaker im Libanon angerichtet haben, bescheinigen uns mangelnde Empathie für Menschen aus dem Nahen Osten, kontern, dass wir uns nun mal näher mit Paris verbunden fühlen als mit Beirut. Und so weiter. Und so fort.

Die Globalisierung der Terrorismus

Es ist zum alltäglichen Spiel unserer Generation geworden, der Terror, vor allem die Bilder von zerbombten Marktplätzen, Cafés, Theatern, von fanatischen Attentätern, im Libanon, in Frankreich, im Irak, in Israel, in wo auch immer, von gegenseitigen Beschuldigungen, böser Islamismus, böse USA, böse deutsche Waffenlieferungen, böse Diktatoren, böses Russland, böses wer auch immer. In Deutschland zählen wir noch zu den wenigen, die mit dem Terror noch gar nicht aktiv in Berührung gekommen sind. Kein nennenswerter Anschlag, kein Ausnahmezustand, keine verstörenden Bilder blutverschmierter Toter und Überlebender, verzweifelter Angehöriger. Aber es ist egal geworden an welchem entlegenen Winkel der Welt Gräueltaten geschehen: Über Twitter, Facebook, aber auch über klassische Medien holen wir uns die verstörenden Bilder direkt ins traute Heim, aufs iPhone oder den Laptop. Gefühlt der ganze Erdenball ein Flächenbrand. Naher Osten, Arabischer Frühling, Russland, Ukraine, Türkei, Syrien, vergessen wir nicht die zahllosen Diktaturen in Afrika. Die Schlinge zieht sich weiter zu. Europa wählt rechts, neuerdings. Beunruhigend, egal ob Holland, Österreich, Frankreich, Ungarn oder Polen. Und so weiter. Und so fort.

Unsere Entscheidung zu trauern geschieht affektiv, ohne böse oder gute Absicht

Vermessen in einer Welt voller Konflikte, voller Brandherde für alles und jeden empathisch zu sein, über alles immer informiert zu sein, jede Woche, ach was, jeden Tag unser Facebook-Profilbild in erbetener Anteilnahme an ein schändliches Attentat, ein Massaker, auf Halbmast zu flaggen. Unmöglich in dieser hyperkomplexen Welt den Überblick zu behalten, jedem das gleiche, berechtige Maß an Mitfühlen zu geben. Sind wir nicht ohnehin eine Generation voller Egotaktiker? Sagen zumindest viele. Komisch, dass wir überhaupt noch mitfühlen können. Mit wem, mit was, wann und wann nicht wir aber mitfühlen möchten, trauern möchten, das bitte sei uns selbst überlassen. Nicht weil irgend ein Toter, ein Anschlag, ein Land oder ein was auch immer schlimmer, besser, schlechter, wichtiger, unwichtiger ist. Nein. Einfach, weil es eine persönliche Entscheidung ist. Mehr unbewusst als bewusst. Affektiv, ohne böse Absicht oder gute. Einfach da. Paris, da wohnen Freunde. Libanon, da kommt mein Nachbar her. Israel, da war ich mal. Palästina, da kommt meine beste Freundin her. Unsere Betroffenheit rekurriert vor allem auf unsere persönlichen Beziehungen, Erinnerungen und Verbindungen. Wer sagt, alles solle für alle gleich wichtig sein, der macht es sich sehr einfach. Der übersieht die ständige Überforderung, die all die Informationen über die Gräuel der Welt in uns auslösen. Wir können längst nicht mehr Schritt halten, entwickeln Selektionsmechanismen für das, was uns erreichen soll und für das, was uns nicht erreichen soll. Nicht aus Missachtung gegenüber dem, was wir nicht beachten wollen, sondern aus schlichter Überforderung. Und so weiter. Und so fort.

Ende der Geschichte? Am Arsch!

Ein nicht ganz weitsichtiger Politikwissenschaftler, namentlich Francis Fukuyama, sprach nach dem Untergang der Sowjetunion vom Ende der Geschichte. Soll heißen: Alles geklärt, Sieg der Demokratie, Sieg des Liberalismus, der Kas ist g’bissen. Früher Weltkriege, dann kalter Krieg, ständige Bedrohung, die Welt am Abgrund. Jetzt (anno 1991), nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, kann die Geschichte sich nicht mehr weiterdrehen, ist zu Ende erzählt. Wie im Märchen. Und sie lebten glücklich zusammen bis an ihr Lebensende. Der gute Mann hat sich geirrt, leider. Spätestens mit den 9/11-Anschlägen ist das kurze, heile Stück Zeitgeschichte in tausende Splitter zersprungen. Asymmetrische Kriege, Genozid hier, Genozid da, sinnlose Kriege der USA, sinnlose Kriege anderer Staaten, sinnlose Kriege und Attentate von wem auch immer. Nur heißt es heute nicht mehr Block A gegen Block B, böser Russe, böser Ami. Heute ist alle gegen alle. Unübersichtlich, selbst für diejenigen, die sich interessieren, informieren. Aber wer macht das schon? Wir sind doch unpolitisch, oder? Sagen zumindest die meisten. Nein, sind wir nicht. Aber es ist bedeutend schwerer sich in hyperkomplexen, multipolaren Konflikten, egal ob im Nahen Osten, in der Ukraine oder wo auch immer einen durchdachten Standpunkt zu erarbeiten, der hinreichende Informationen von allen Konfliktparteien berücksichtigt, als zu sagen: Böser Ami, böser Russe. War früher leichter. Also seid froh, wenn sich Menschen darum scheren, bereit sind sich eine Meinung zu bilden, sich zu solidarisieren, ob mit Flüchtlingen, die vor Krieg und Unterdrückung fliehen, oder mit einem traumatisierten Nachbarland, das bis ins Mark erschüttert ist von den schlimmsten Anschlägen seit dem zweiten Weltkrieg. Und mäkelt nicht daran rum, wenn sich eine Generation nach Kräften versucht politisch in einer deutlich komplizierteren Welt voller Widersprüche und medialer Allzeitbeschallung zurechtzufinden, in der es neuerdings auch eine Fülle von Grautönen, hellen und dunkleren, gibt, die das Schwarz-Weiß des Kalten Krieges profan erscheinen lassen. Und so weiter. Und so fort.

 

Bild (es wurden Veränderungen am ursprünglichen Bild vorgenommen): Flickr // Rolf Schweizer Fotografie // CC BY 2.0

Kein Track zum Text.

Post vom Müssiggang Magazin

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Nils Langhans

Nils Langhans

Nils leidet darunter, einen Vornamen mit nur einer Silbe zu haben, der gerade in lauter Umgebung nicht immer direkt von anderen Menschen verstanden wird. Ansonsten ist er zu begeistern von virtuoser Sprache, experimentellen Gedankenspielen und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Heimlich träumt er vermutlich dennoch von einem Reihenhaus in der Stuttgarter Vorstadt mit Blick auf den Killesberg und einem geregelten Arbeitstag in so einem heimelig-familiären mittelständischen Unternehmen auf der Schwäbischen Alb, das Schrauben oder Radmuttern oder etwas anderes total Sinnvolles herstellt, aber ihm fehlt die Verwegenheit, sich diesem seinem Innersten zu stellen. Darum versauert er hier beim Müßiggang Magazin.
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