Unser Nachdenken krankt – Die Liebe leidet

Es schleicht sich ein Wandel in unsere Art zu denken. Er wird uns ein Stückchen unmündiger machen. Es schleicht sich ein Wandel in unsere Art zu denken und das Schlimmste: Niemand scheint es zu bemerken. Es gibt wenig, das so viel Freude bereitet, wie sich gedanklich um sich selbst zu drehen. Das muss nicht Folge eines narzisstischen Zuges sein. Es gibt gute Gründe sich selbst für das vorzüglichste Denkmaterial zu halten. Schließlich bin ich für Nichts so verantwortlich, wie für mich selbst. Mir ist nichts so wichtig, wie die Dinge, die eben für mich wichtig sind. Das Nachdenken über sich selbst ist aber auch die Grundlage eines selbstbestimmten Lebens. Viel zu häufig werden unsere Entscheidungen durch den Druck der jeweiligen zufälligen Situation bestimmt. Ich brauche einen Job und ich könnte den in Salzwedel annehmen, die Bezahlung ist ja ganz gut. Ich muss mich entscheiden. Ich muss mich jetzt entscheiden. Fuck, ich wohne jetzt in Salzwedel. (Der Autor war noch nie in Salzwedel. Auch wenn es sich der Autor das nicht vorstellen kann, ist das Leben in Salzwedel bestimmt ganz wunderbar. Anmerkung des Autors)

Und was ist mit der Liebe?

Noch wichtiger wird eine gründliche Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Antrieben und Zielen, wenn man auf Entscheidungen blickt, die die eigene Gefühle und Wertschätzungen betreffen. Das Thema „Liebe“ spielt in unserem Leben nicht nur eine große Rolle, es ist selbst auch ein unerschöpflicher Gegenstand. Wer aber ernstlich Entscheidungen in Fragen der Liebe treffen will, der muss sich über dieses Phänomen klar werden. Welchen Stellenwert soll Liebe in meinem Leben einnehmen? Ist es Liebe, was ich für Tom empfinde? Liebe nervt doch nur, oder? Wer es nicht dem Zufall überlassen will, ob das Leben ihn oder sie nach Salzwedel treibt oder welche der Personen, die man mal gut fand, in 40 Jahren immer noch auf der Couch sitzt, der oder die kommt um ein denkendes Sich-klarwerden nicht herum. Doch genau hier schleicht sich schädliche Veränderung ein: Früher wäre ein Nachdenken über Liebe etwa so abgelaufen:

Warum bin ich nur so in Salomé verliebt? – Ihre Augen! Sie sind einfach zauberhaft. Aber würde ich sie nicht auch ohne ihre Augen lieben? Ja. Gibt es eine Eigenschaft, ohne die ich sie nicht lieben würde? Mir fällt nichts ein. Also liebe ich sie gar nicht ihretwegen? Stopp! Ich könnte sie nicht lieben, wenn sie eine Holocaustleugnerin und Ausländerhasserin wäre. Liebe ich sie also, weil sie keine Holocausleugnerin ist? Das macht doch keinen Sinn. Dann müsste ich doch alle meine Freunde und Freundinnen lieben. Tue ich ja auch. Wie ließe sich eigentlich der Unterschied zwischen der Liebe zu FreundInnen und der Liebe zu Salomé fassen?

Diesen Gedankengängen könnte man ewig weiter folgen, weil Liebe eben ein unerschöpflicher Gegenstand ist. Aber ist er das auch noch für uns? Zum Teil, aber es befindet sich eben im bedrohlichen Umbruch. Immer öfter läuft es nämlich so ab:

Warum bin ich nur so in Salomé verliebt? Ihr Geruch! Nicht der Geruch ihres dezenten Parfüms. Vielmehr die von ihr ausgestoßenen unterbewusst wahrgenommenen Botenstoffe, die durch meine Synapsenverbindungen im Gehirn verarbeitet werden und irgendwelche Hormone ausstoßen, die machen, dass ich verliebt bin. Botenstoffe, Synapsen, Hormone: hmm?! (gedankliches Schulterzucken). Stille. Ende.

Alles nur neuronale Verbindungen

Die Dominanz naturwissenschaftlicher Erklärungen greift auf unsere Art zu denken über. Sie vertauscht Begrifflichkeiten. „Überzeugungen“, „Vorstellungen“, „Wünsche“ werden zu „neuronalen Verbindungen“. Begriffe, die wir aus unserem alltäglichen Leben, aus unserem alltäglichen Erleben unserer Selbst kennen, werden durch Begriffe entmenschlichter Modelle abgelöst. In unserem Leben gibt es eigentlich keine Synapsen oder Hormone. Sie haben mit unsere Lebenswelt und unserem Selbst nichts zu tun und können uns daher auch nichts über uns selbst erzählen; uns bei unseren Fragen und Entscheidungen nicht weiterhelfen. Wo sie Gültigkeit haben, gibt es keine Idee, Entscheidung oder Freiheit. Umso stärker diese Art des Denkens sich durchsetzt, umso machtloser sind wir den zufälligen Ereignissen unseres Lebens ausgesetzt. Vielleicht geht die Gefahr sogar noch weiter: Alles, was uns Menschen wichtig ist, was unser Leben wertvoll macht, allem voran die Liebe, wird entwertet und herabgesetzt. Es wird als Folge kausaler Gesetze kleingeredet. Die Liebe lebt aber von ihrem romantischen Zauber, der mit naturwissenschaftlichen Begriffen gar nicht greifbar ist. Darum müssen wir diesen auch besonders schützen.

Liebe nervt nicht

Natürlich können Begriffe, wie „Synapsen“ oder „Hormone“ nicht gänzlich verteufelt werden. Hirnforscherinnen und Biochemiker können damit großartige Dinge verwirklichen. Mit Sicherheit hatte Sigmund Freud mit „dem Unterbewussten“ die beste Zeit seines Lebens. Aber für die meisten anderen endet die Möglichkeit des Nachdenkens da, wo eigene Erfahrungen keinen Zugang haben. Darum ist Vorsicht und Waffengewalt geboten, wenn eure Liebe das nächste Mal zu einem bio-chemischen Happening degradiert oder euer Verhalten als Ausdruck „unbewusster Angst“ gedeutet wird.

Und noch etwas ist mit Nachdruck zu betonen: LIEBE NERVT NICHT! Sie ist wunderbar.

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Bild: flickrHartwig HKD / CC BY-ND 2.0

Track zum Text:

„Kein Liebeslied“-Kraftklub ,unzensierte Version from KRAFTKLUB on Vimeo.

Post vom Müssiggang Magazin

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Friedrich Reinhardt

Friedrich Reinhardt

Friedrich liebt Menschen für ihre Verzweiflung und ihre Liebe. Dafür sieht er auch gern über Kriege und Umweltverschmutzung hinweg. Sein Motto: „Wer eine Überzeugung hat, hat das Problem nicht verstanden“, hält er selbst nicht für vertretbar. Hier beim Müßiggang Magazin ist er daher, weil ihn wegen seiner romantisch-weltfremden Art sonst keiner ertragen konnte.
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