Warum alle authentisch sein wollen

Authentizität ist das neue Gütesiegel unserer Zeit. Jedes Restaurant, jede Führungspersönlichkeit und neuerdings auch Politiker wollen so sein. Alle wollen „echt“ sein, als Original befunden werden. Authentisch zu sein ist aber gar nicht so einfach. Der omnipräsente Druck zum Uniformen fördert das Bedürfnis nach Authentischem und setzt ihm gleichzeitig Grenzen. Wie so oft kommt es auf das Maß an. Das „authentisch“ unserer Zeit hat nichts mehr mit „original“ zu tun und ist vor allem nicht mehr selbstreferenziell, sondern viel mehr unsere Erwartung an die Individualität des anderen.

Endlich authentisch

Wer es geschafft hat, authentisch zu sein, hat Schwierigkeiten es auch zu bleiben. Das kleine Fischrestaurant am Hafen wird überrannt, sobald es wegen seiner Authentizität den Weg in die hippen Reiseblogs geschafft hat. Merian oder Lonely Planet verpassen der Authentizität dann den ultimativen Todesstoß. Bei Personen ist es nicht wesentlich anders. Nur wer es permanent schafft, nicht im Mainstream zu versinken, wird überhaupt wahrgenommen, ernst genommen. Wer als ‚echtes Original‘ geadelt wurde, ist im Olymp der Authentizität: ursprünglich und individuell, mit allen Ecken und Kanten und trotzdem von allen akzeptiert, ja bewundert. Kein Wunder, dass sich das jeder antrainieren will: Sich treu bleiben und allen gefallen. Aber aufgepasst, dass man sich bei diesem Spagat nicht überdehnt – sonst ist man am Ende so authentisch wie alle anderen.

Vielleicht doch zu authentisch

Die andere Gefahr auf dem Weg zum Goldstandard Authentizität ist zu viel der selben. Damit können wir auch nichts mehr anfangen und das ist auch verständlich. So in der vergangenen Woche in einem chinesischen Restaurant erfahren, das sich auf die feurigen Speisen der Sichuan Provinz aus Chinas Süden spezialisiert hatte. Es stellte sich als klarer Fehler heraus auf die warnende Nachfrage der Servicekraft, ob man denn scharfes Essen vertrage mit einem selbstbewussten „Kein Problem“ zu antworten. Neben dem Ambiente, das so authentisch war wie ich es mir eben vorgestellt habe, war dann auch das Essen sehr authentisch: ölig und scharf. Nachdem das schmerzende Brennen im Rachen nachgelassen hatte und auch die Schweißperlen auf der Stirn langsam getrocknet waren, konnte ich endlich erahnen, dass sich hinter der Chilliwucht eine raffinierte Kräuterkomposition verbergen musste. Als dann aber 15 Minuten später das Magengrummeln zu intensiv wurde, musste ich dann doch feststellen: Vielleicht doch zu authentisch. Menschen kann es ähnlich ergehen. Politiker sind dann nicht „mehrheitsfähig“ oder Führungskräfte kauzig und zu wenig emphatisch.

Sein oder Schein oder beides?

Der Wert des Authentischen schöpft sich nicht zuletzt aus unserem ständigen Verdacht, etwas vorgegaukelt zu bekommen. Wir sind uns der Macht der Spindoctors, Coaches und Marketingagenturen bewusst. Die Erfahrungen und Persönlichkeiten, bei denen Sein und Schein übereinstimmt, sind kleine Siege in einem Krieg, den wir nicht mehr glauben gewinnen zu können. Wir dürsten nach diesen Erlebnissen der Echtheit. Unser Durst ist so groß geworden, dass wir uns längst auch mit unreinem Wein zufrieden geben. Die ursprüngliche Trennung zwischen „echt“ und „falsch“ war klar: Stimmt Sein und Schein überein, beurteilten wir etwas als echt, authentisch. Ist dem nicht so, ist es eine Fälschung, inszeniert. Mittlerweile akzeptieren wir aber auch Inszenierungen, wenn der Schein nur gut genug inszeniert ist und das Sein sich dem Schein ausreichend annähert.

 

Bild: Dominik Kaufmann

Track zum Text:

 

Post vom Müssiggang Magazin

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Dominik hat schon in Frankreich, Dubai, Japan und Baden-Württemberg gelebt. Weil er immer mittendrin statt nur dabei ist, schafft das Schreiben immer wieder Platz für wichtige statt dringende Gedanken. Deshalb liebt er das Müßiggang Magazin wie die Stuttgarter ihre Kehrwoche.
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