Warum es völlig egal ist, dass Hitler einen deformierten Mikropenis hatte

Ach, Deutschland und seine Geschichtsbewältigung, das ist schon ein leidiges Thema. Keineswegs, weil es endlich mal genug wäre, Deutschland ständig auf seine Vergangenheit zu reduzieren, sondern weil sich das kollektive Bewusstsein an jeden Strohhalm klammert, der ihm Erleichterung verspricht. So muss man sich durch alle politischen Lager abstruse Theorien anhören, dass es ja die Alliierten waren, die es versäumt hätten die Deportationsschienen zu diversen Konzentrationslagern zu bombardieren, oder, dass das deutsche Volk von dem Ganzen nichts gewusst haben will. Der aktuellste dieser Strohhalme, oder vielleicht treffender Strohhälmchen, ist Hitlers deformierter Mikropenis. Die Metapher mit dem Festklammern hätte in diesem Zusammenhang durchaus humoristisches Potenzial, wäre die ganze Aufregung darum, wenn man sie genauer betrachtet, nicht ziemlich idiotisch.

Was die Historiker zu Hitlers Mikropenis sagen

Doch zunächst zu den Fakten: Vor gut zwei Monaten gab es die erste kleine Sensation um Hitlers Diktator-Testikel. Der Historiker Peter Fleischmann hatte stichhaltige Beweise recherchiert, dass Hitler eine Fehlbildung an seinem Geschlechtsorgan hatte, einen so genannten Kryptorchismus. Hitler hatte also nur einen Hoden, der andere war im Hodengang steckengeblieben. Ja, das ist zunächst schon ganz witzig. Doch damit nicht genug – jetzt wollen die beiden britischen Autoren Jonathan Mayo und Emma Craigie herausgefunden haben, dass nicht nur der Hitler-Hoden, sondern auch der Führer-Phallus erheblich deformiert gewesen sei. Hypospadie nennt sich die vermeintliche Fehlbildung und beschreibt das Phänomen, dass sich die Öffnung der Harnröhre an der Unterseite des Penis befindet. Dass das Ganze nicht annähernd belegt ist, sei nur am Rande erwähnt, geht es doch um die lustige Schlussfolgerung, die sich so schön in Überschriften verpacken lässt: „Hitler hatte n nicht nur n’ Kleinen, sondern n’ ganz Kleinen“. Die Bild nannte das ganze Mikropenis und ich fühlte mich an Scary Movie 1 erinnert.

Der Unterhaltungswert des Führer-Phallus

Was jetzt stimmt oder nicht, sollen die Historiker in Ruhe recherchieren. Währenddessen könnten wir uns mal Gedanken darüber machen, was das tatsächlich für einen Sinn hat. Natürlich ist es im ersten Moment eine unterhaltsame Vorstellung, dass Adolf Hitler recht dürftig bestückt war, und der geneigte Antifa-Sympathisant jetzt behaupten kann, er hätte es schon immer gewusst, klebt er doch nicht erst seit gestern Sticker, auf denen „alle Nazis ham nen kleinen Schwanz“ steht. Auch die Vorstellung, dass vielleicht der ein oder andere Neonazi-Depp direkt von Hitlers vermeintlich verminderter Männlichkeit auf die eigene schließt, verleiht der Geschichte einen gewissen Unterhaltungswert. Doch was sagt diese Besessenheit von Hitlers Führerjuwelen eigentlich noch über uns aus, wenn man Sigmund Freud mal außen vor lässt?

Warum Hitlers Mikropenis völlig egal ist

Sie ist symptomatisch für unseren Umgang mit der Vergangenheit. Ähnlich wie die ständige Betonung, dass Hitler ja eigentlich Österreicher war, relativiert auch diese Geschichte historische Vorgänge, die nicht nur auf die Person Hitler reduzierbar sind. So befriedigend es sein kann dem Führer einen anatomisch bedingten Minderwertigkeitskomplex zu unterstellen, so verkürzt sind die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden können. Sie laden ein, eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheit alleine auf die Persönlichkeitsstörung eines größenwahnsinnigen Kastraten zurückzuführen. Man ist geneigt zu denken: „Hätte der Hitler doch mal ordentlich was in der Hose gehabt, dann wäre das alles nicht passiert und außerdem war der ja Österreicher, von denen kommt selten was Gutes.“ Als wolle man der Welt sagen, dass das nicht mehr vorkomme, wenn wir untenrum nur gut genug bestückt seien. Für die immer noch unbedingt nötige Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit ist der Schwanz von Hitler, seine Nationalität, aber auch seine Person egal, weil das alles nur dafür sorgt, die Mechanismen zu verschleiern, die möglich gemacht haben, dass von deutschem Boden aus die Welt ins Verderben gestürzt wurde. Dass fast das gesamte deutsche Volk diesem Kastraten an seinen nicht vorhanden Eiern hing, lässt also nur zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder die Hitler-Hoden haben nichts mit dem zu tun, was in Deutschland vor 1945 passiert ist, oder die gesamte männliche deutsche Bevölkerung hatte sehr kleine Genitalien. Jetzt sind wieder die Historiker gefragt.

Bild: Flickr//Filipão 28//CC BY 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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