Warum Jan Böhmermann das öffentlich-rechtliche Fernsehen retten muss

Vor gut einem halben Jahr, genau am 06.01.2015 um 00.00 Uhr, war es endlich soweit: Jan Böhmermann und sein Team schafften den Sprung von ZDF Neo ins Hauptprogramm. Das Neo Magazin wurde zum Neo Magazin Royale. Von Böhmer- bis Dendemann: Beim Zuschauen war die Nervosität der Protagonisten zu spüren. Wenig verwunderlich, wenn man den Druck bedenkt, der auf der Sendung und ihrem Moderator lastete. Im Digitalspartenlabor ZDF Neo hatte er Narrenfreiheit, jetzt ging es um knallhartes Business. Doch Jan Böhmermann hat einen Plan, von dem er sich nicht abbringen lässt, auch wenn die Quote nicht stimmt. Er habe ja nichts zu verlieren außer einer Sendung. Vielleicht ist er damit der Einzige, der den Sinn öffentlich-rechtlicher Medien verstanden hat. Morgen geht die Show glücklicherweise in die zweite Staffel und macht Hoffnung auf besseres öffentlich-rechtliches Fernsehen.

Der Kampf um den Anspruch

Im Vorfeld von Staffel eins kam es zu einem kleinen Disput zwischen Böhmermann und dem Rapper Haftbefehl. Dieser war der Meinung, der Moderator sei „einfach nur ein ganz schlechter Abklatsch von Markus Lanz“. Sieht man allerdings von der Vorliebe der beiden für mehr oder minder gut sitzende Anzüge ab, könnte er damit falscher nicht liegen. Beide stehen exemplarisch für das Dilemma, in dem sich öffentlich-rechtlicher Rundfunk befindet, und das eine gesellschaftliche Relevanz besitzt, die der  Offenbacher Rapper vermutlich nicht einmal verstehen würde. Lanz und Böhmermann repräsentieren die beiden Extreme der Programmgestaltungmöglichkeiten der Intendanten und damit auch den normativen Gestaltungsspielreaum, den sich das Gebührenfernsehen selber geben möchte. Markus Lanz ist das, was der Großteil des Programms darstellt, Jan Böhmermann das, was der Großteil darstellen sollte. Markus Lanz ist Masse, Jan Böhmermann Anspruch, der eine werberelevante Einschaltquote, der andere unwirtschaftliche Sparte. Ein Gegensatz, der in Zeiten der Lügenpresse skandierenden, verschwörungstheoretischen Querfront nicht relevanter sein kann. Ein Gegensatz, der zeigt, welchem gesellschaftlichen Anspruch Medienprodukte gerecht werden sollten und welche Rolle gebührenfinanziertes Programm dabei spielen muss.

Die verkürzte Kritik

Seitdem die vermeintlich linken Friedensaktivisten jeden Montag ihre verschwörungstheoretischen, antisemitischen Ansichten vor dem Brandenburger Tor verbreiten und die offensichtlich rechten Pegida-Demonstranten Dresden unsicher machen, erlebt auch die Empörung über gebührenfinanzierte Medien eine Renaissance.

Vor allem das breite Spektrum der vermeintlich partizipativen, neuen, digitalen Medien wird voll ausgeschöpft: Online-Petitionen, Blogs und Facebook-Gruppen, die zum Boykott der Beitragszahlungen aufrufen, scheinen exponentiell zuzunehmen. Die Aktion „gez-Boykott“ zählt momentan fast 38.000 Unterstützer (mehr als die FDP) auf Facebook und ist mit einem Blog, einer Petition und einem Twitter-Account breit aufgestellt. Ihr Slogan: „Keine Rundfunksteuer! Keine Zwangsalimentierung von Fernsehmillionären! Keine mediale Bevormundung mehr! Jetzt entscheide ich!“

Der Frame ist durch die Bank ähnlich und bedient sich dem klassischsten Kampagnenrezept sozialer Bewegungen: „David gegen Goliath“. Der kleine, hilflose Bürger wird von den konspirativen Eliten des Landes, gegen seinen Willen und nur zu seinem Nachteil, dazu gezwungen, für etwas zu bezahlen, das er selbst nicht haben möchte. Freund und Feind sind deutlich definiert und das edle Ziel der bedingungslosen Selbstverwirklichung des mündigen Bürgers ist gegen Kritik immun.

Solches Aufbegehren themenspezifischer, politischer Aktivisten erleben wir spätestens seit Stuttgart 21 immer häufiger und ihre Kritik verliert allzu oft den Gesamtkontext aus den Augen. Vor allem in dieser Debatte reicht es nicht „Wir sind das Volk“ zu schreien und damit die Legitimität der aggregierten Singulärmeinungen zu pachten. Der Kontext, in dem hier diskutiert werden muss, ist grundlegender: Wie können normative journalistische Ansprüche gewährleistet werden und welche Auswirkung haben ökonomische Marktmechanismen auf die Qualität publizistischer Arbeit?

Anspruch als Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Natürlich ist Jan Böhmermann kein investigativer Politikjournalist. Doch ist das Neo Magzin Royale ein Paradebeispiel für Inhalt, der bei privaten Medienunternehmen nicht funktioniert. Sei es wegen der angesprochenen Altersgruppe oder des intellektuellen Anspruchs, den es verlangt. Die Einschaltquote wäre schlichtweg zu gering.

Richtet sich Programmplanung also ausschließlich nach Angebot und Nachfrage, wird zwar in jedem Format die Mehrheit erreicht, doch in keinem der Rest. Und hier liegt die Chance, ja die Pflicht der Öffentlich-Rechtlichen. Nur Sie können langfristig Formaten einen Raum geben, die auf dem freien Markt nicht überleben. Sei es anspruchsvolle Unterhaltung, komplexe politische Berichterstattung oder thematische Nischen.

So erfreulich es ist, dass das Neo Magazin Royal in die zweite Staffel geht, so traurig ist immer noch der Sendeplatz am Programmrand und der omnipräsente Quotendruck auf Böhmermann und seinem Team. Wenn sich ARD und ZDF der bedingungslosen Nachfrage unterordnen, machen sie sich selbst überflüssig. Der qualitative Anspruch des Medieninhaltes darf nicht unter dessen Warenförmigkeit leiden. Momentan möglich ist das nur über Gebühren, die ich deshalb noch mit Überzeugung bezahle. Damit das so bleibt, brauchen wir mehr Jan Böhmermänner. Um es mit seinen Worten zu sagen „Ich will nicht einfach Fernsehen machen. Ich will öffentlich-rechtliches Fernsehen machen. Denn ich will für meine 17,50 Euro Rundfunkbeitrag nicht nur folkloristische Lokalberichterstattung für Senioren, ein paar halbherzig frisierte ARD-Hierarchen, die es bis zum Tagesthemen-Kommentar geschafft haben, oder die singende Sagrotan-Flasche Helene Fischer sehen.“

Bild: Youtube Screenshot

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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