Warum Psychologie nur noch Kommerz ist und was wir dagegen tun können

00:20 Uhr, mein Handy vibriert. Schaue drauf, während ich meine Zähne putze. SMS von Papa. Darin ein Link zu einem Spiegel-Artikel: „Psychologie: Ergebnisse vieler Studien erweisen sich als unhaltbar“. Ich studiere derzeit Psychologie, aber erst im dritten Semester, also ist das noch nichts Ernstes. Spart es euch ruhig, jetzt den ganzen Artikel auf Spiegel Online zu lesen. Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigen Punkte: Die Reproduzierbarkeit von vielen wissenschaftlichen Studien (in dem Falle aus der Psychologie stammend) ist sehr gering. Die Ergebnisse vieler renommierter Studien fielen also bei einer Wiederholung der Experimente anders aus und ließen sich nicht bestätigen. Das wurde mehrfach getestet und bestätigt. Witzig. Grundsätzlich mangelt es der Wissenschaft also an „Genauigkeit, Transparenz und absolut korrekte[m] Arbeiten“. Und – ganz wichtig – „Signifikant publiziert sich besser!“

Zwischen Amy Winehouse und Mitternachts-SMS

Kehren wir kurz in meine Ausgangssituation zurück. Es ist halb eins, ich bin leicht angetrunken nachhause gekommen, nachdem ich mir den Film über Amy Winehouse im Kino angeguckt habe und mich dadurch in einer eher aufgewühlten Verfassung befand. Es beginnt also eine rege, mitternächtliche SMS-Diskussion. Nicht nur über das Thema selbst, sondern auch darüber, warum es wichtig ist, darüber zu reden. Meta-Diskussion und so. Am Morgen darauf habe ich eine Nacht drüber geschlafen und meinen Mail-Ordner gecheckt, da sehe ich eine Mail vom Müßiggang-Magazin, das ich vorher gar nicht kannte. „Wir laden euch herzlich ein, uns Ideen und Texte zu schicken“. Okay.

Keine Veröffentlichung, keine Zitation, keine Reputation – schlechter Forscher?

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Bei mir im Studium fällt das Wort „Signifikanz“ quasi jeden Tag, die psychologische Methodik funktioniert halt nur damit. Ergebnisse ohne Signifikanz machen eine Studie quasi hinfällig. Dadurch werden Studien vor der Veröffentlichung selektiert. Klar wird das bei uns im Studium thematisiert, dass das ein Problem ist. So viel weiß ich inzwischen auch. Aber keiner in unserer Uni bereitet uns angehende Psychologen auf den Druck in der wissenschaftlichen Praxis vor. Sie sagen uns zwar, dass auch nicht signifikante Ergebnisse veröffentlicht werden sollten, wollen uns sogar dazu ermutigen. Aber das macht vermutlich keine Zeitschrift mit. Hier fängt der Teufelskreis ja schon an: Keine Veröffentlichung, keine Zitation, keine Reputation – schlechter Forscher! Hier kriegen wir Studenten bereits zu spüren, dass nur der Wissenschaftler Erfolg hat, der signifikante Ergebnisse erzielt. Und wer will schon seine Aufstiegschancen ruinieren? Auf solche Hindernisse gehen unsere Professoren leider nicht ein, wenn sie uns „ermutigen“ wollen. Ist ja irgendwie logisch, dass man da lieber nur signifikant veröffentlichen wird, wenn man sich für eine Forscher-Karriere entscheidet. Auch Forscher wollen mit ihrem Job in erster Linie Geld verdienen. Von daher kann ich keinem einzelnen Wissenschaftler den Vorwurf machen, das zu tun, was von ihm erwartet wird. Man will seinen Job behalten, vielleicht irgendwann mal aufsteigen. Wenn man dann doch mal sein Ding macht, „korrekt“ forscht, auch mal nicht signifikante Ergebnisse zulässt, vielleicht auch mal Ergebnisse erzielt, die dem allgemeinen Tonus widersprechen (noch so eine Sache), wird der Druck von Seiten der Uni, Forschungsgeldgebern und Review-Pools sicher nicht geringer. Und das muss man als Einzelner erst mal aushalten. Schwierig. Trotzdem frage ich mich: Was passiert denn hier? Verdammte Scheiße, warum betreiben wir denn noch Wissenschaft? Ich frage mal Wikipedia.

Tabula rasa? Von wegen!

Wikipedia sprach:
Die Wissenschaft [(früh.)mittelhochdeutsch für lat. scientia; mittelhochdeutsch wizzen(t)schaft =
(Vor)wissen, Genehmigung] ist der Inbegriff der Gesamtheit menschlichen Wissens der Erkenntnisse und Erfahrungen einer Zeitepoche, welches systematisch gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert wird.
Außerdem:
Ein klassisches Ideal – das auf Aristoteles zurückgeht – ist die völlige Neutralität der Forschung. Sie sollte autonom, rein, voraussetzungs- und wertefrei sein („tabula rasa“).
Systematisch sammeln, aufbewahren, lehren und tradieren. Neutralität, tabula rasa. Ernsthaft? Genau dieser Sinn ist der Wissenschaft doch abhandengekommen. Hier ist nichts voraussetzungs- und wertefrei! Denkt an die Peer-Reviews, die Reputation, die Forschungsgelder. Klar, es muss selektiert werden bei der Flut an Studien, aber wird noch nach den richtigen Kriterien selektiert? Wissenschaft ist nicht autonom (denkt mal an die Sexualforschung der 50er-Jahre zurück, übrigens sehr schön durch die Serie „Masters Of Sex“ illustriert). Wissenschaft ist auch nicht neutral. Ergebnisse werden manipuliert, beschönigt, Richtlinien nicht eingehalten, bei der Auswertung wird geschummelt, die Auswahl an Probanden kann beeinflusst werden und letztendlich gibt es ja noch so feine Dinge wie den Rosenthal-Effekt: Die Erwartung des Versuchsleiters wirkt sich auf das Ergebnis aus. Was genau heißt das jetzt?

Kein Erkenntnisgewinn, nur noch Kommerz

Wissenschaft dient nur noch der Einkommenssicherung, nicht dem Erkenntnisgewinn. Wissenschaft hat sich zu einer kommerzialisierten Industrie zurückentwickelt. Und das gilt ja nicht nur für die Wissenschaft, nebenbei bemerkt. Das hemmt einen leider umso mehr, gegen so eine Kommerzialisierung vorzugehen. Was soll ich als Einzelperson da schon tun, wenn der Fehler im System liegt? Kann ich da was dran ändern?
Klar, kann ich nicht. Kann ICH nicht und kann ich vor allem JETZT nicht. Ihr könnt das vermutlich auch nicht. Wer weiß schon, welche konkreten Schritte da jetzt wirklich notwendig wären? Aber was wir können, ist darüber zu reden und damit eine Idee entstehen zu lassen.

Warum wir drüber reden müssen

Irgendwann wird jemand kommen und das ändern. Derjenige oder diejenige wird das zu einer Zeit tun, zu der es möglich ist. Diese Zeit ist nicht heute. Aber diese Zeit wird es geben, WEIL wir das heute schon gedacht haben. Irgendjemand wird das Denken aller nutzen können, um etwas zu ändern. Deswegen ist es so wichtig, das vorzudenken, damit das irgendwann passiert. Oft sind diejenigen, die etwas ändern, einfach nur die, die etwas millionenfach Vorgedachtes in eine konkrete Idee und Handlung zur richtigen Zeit umzusetzen in der Lage sind. Und die moderne, kommerzialisierte Forschung kann ein Beispiel dafür sein. Das ist nicht nur wichtig für ein paar wenige Wissenschaftler im Elfenbeinturm – und ich bin mir sicher, dass sich die Forschergemeinde dieser Problematik bereits bewusst ist, das hat aber bisher zu keiner spürbaren Veränderung geführt. Nein, Wissenschaft hat die Aufgabe, unsere Gesellschaft vorzudenken, neue Ideen zu entwerfen und Lösungen für alle möglichen Probleme zu finden. Darum ist es nicht nur für Forscher, sondern für unsere gesamte Gesellschaft wichtig, darüber zu reden. Es betrifft uns alle. Also redet darüber, denn darin besteht unser Beitrag zur Veränderung. Im ständigen Reden über Dinge, die wir in Zukunft verändern wollen –  das ist Teil eines unbedingt notwendigen Prozesses. So, jetzt gibt es Frühstück.

 

 

Bild: CollegeDegrees360 unter CC BY-SA 2.0

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Johanna Klinge

Johanna Klinge

Seit Johanna klar geworden ist, dass Muße kein französisches Dessert auf Schokoladenbasis sondern ein Zustand ist, der durchaus süßer schmeckt und von dem man trotzdem nicht satt wird, sucht sie nach diesen Momenten des versunkenen Betrachtens und gelassener Erfülltheit. Was nicht heißt, dass sie nicht auf Schokolade steht - ohne den täglichen Kakao geht gar nichts. Sie boykottiert das Kaffeetrinken ebenso konsequent wie schwarz-weiße Perspektiven oder Vorlesungen, die vor 10 Uhr beginnen. Um diesen Text mit Worten ihres alten Lateinlehrers zu schließen, den sie gerne zitiert: Das Leben ist bunt!
Johanna Klinge

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