Warum Start-Ups gar nicht so cool sind, wie alle denken

Inkubatoren heißen sie, die feuchten Träume hipper BWL Studenten. Entweder als Arbeitgeber in einem Bürohaus in Berlin Mitte oder als Investoren für ihre innovativen Geschäftsideen, die die Welt nicht braucht. Sie pumpen täglich Geld in Start-Ups, um sie am Ende durch gekonntes Marketing für Investoren interessant zu machen. Sie stilisieren durchschnittliche Unternehmer mit durchschnittlichen Geschäftsideen zu Bill Gates‘ Garage.

Zwei Flaschen Soave machen noch keine Start-Ups

Gib einer halb-intellektuellen Studenten-WG in Darmstadt zwei Flaschen Soave und sie sprudeln nur so aus ihnen raus, die guten Ideen fürs schnelle Geld im Internet. Im Handumdrehen haben sie eine App entwickelt, die eine ganze Generation revolutioniert. Schnell fragen sie sich: Soll die Altbauwohnung, natürlich mit Dachterrasse, lieber in Friedrichshain oder Kreuzberg liegen? Fährt man als fescher Jungunternehmer lieber Fahrrad oder doch Ferrari? Wie lang zum Privatier? Und vor allem: wohin mit dem ganzen Geld, den Frauen und dem Ruhm? Und während sie in Gedanken schon das Interview mit der Business Punk ausfeilen, kommt die Erkenntnis, dass der Wein zu süß war, um ungestraft die Rechnungswesenvorlesung am nächsten Morgen zu besuchen. Willkommen in der Realität, Freunde. Und keine Sorge, das haben wir alle schon mal durchgemacht.

Ihr macht doch auch nichts anderes als alle anderen

Und mal ganz ehrlich: so cool sind diese ganzen Start-Ups gar nicht. Man muss sich nur wahllos einen Prosieben Werbeblock nach 22.00 Uhr anschauen und man sieht, wie deprimierend dieses Business sein kann. Da geben sich Browsergamesbetreiber, Datingseiten und Online Shops die Klinke in die Hand. Warum ist das Geschäft mit Autoreifen plötzlich cool, nur weil wir sie nicht mehr in einer dreckigen Werkstatt, sondern im Internet verkaufen? Bringt uns der Tierfutter-Onlineshop wirklich so viele Groupies? Und warum sollten sie auch cooler sein, die Internetunternehemen, machen sie doch auch nichts anderes als alle anderen auch: Buchhaltung, Controlling, Marketing, PR, Rechungen schreiben, Rechnungen bezahlen. Ohne Frage ist es beeindruckend, ein eigenes Unternehmen zu gründen und sich seinen Wohlstand zu erarbeiten. Auch ist klar, dass das alles gut ist für die Konjunktur, für den Wirtschaftsstandort und für all diese anderen Dinge, die man immer aufzählt, wenn man von Wachstum spricht. Das gilt allerdings genauso für das mittelständische Unternehmen in Pforzheim, das Radmuttern, Schrauben oder LED-Lichter produziert. Nur gibt damit niemand an. Ja, vielleicht bekommt man da auch nicht soviel Club Mate umsonst, wie man möchte, und vielleicht gibt es keinen Yogakurs jeden Morgen, um fit in den Tag zu starten. Allerdings wissen die Arbeitnehmer hier noch, was es heißt, zweckfrei Freizeit zu haben.

Pilates auf der Dachterasse und Smoothies von der Saftbar

Die Start-Ups haben es geschafft einen Mythos zu erschaffen, der das Subjekt vollkommen aufgehen lässt in seiner Hingabe für seinen Arbeitgeber: Die vollständige Identifikation mit seinem coolen Job, der eigentlich gar nicht cooler ist als alle anderen. Die völlige Auflösung von Beruf und Freizeit. Letztere wird immer mehr nur noch Verlängerung der Arbeit, ein Mittel, um wieder fit zu sein für die nächste Produktionseinheit. Nach einer entspannten Pilates-Session auf der unternehmenseigenen Dachterrasse und einem frischen Smoothie von der hauseigenen Saftbar, lassen sich die Keynote-Slides noch viel freiwilliger vorbereiten.

Auf ein angemessenes Gehalt verzichtet man im Zweifel freiwillig, um beim nächsten Katerblau-Besuch damit zu beeindrucken, dass man gerade Teil von etwas ganz Großem ist: einer Internetseite, die billige Putzkräfte an zahlungskräftige Studenten vermittelt, damit die genug Zeit haben Soave zu trinken und ein erfolgreiches Start-Up zu gründen.

Um es mit den Worten von K.I.Z. zu sagen: „Ich hab noch nie so treue Sklaven gesehen, die bereit sind für mehr Arbeit auf die Straße zu gehen“.

Bild: Sean Davis über CC BY-ND 2.0

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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