Warum unsere Zeit nie reichen wird – Und wir selber schuld sind

Unter Esoterikern und Hobbyapologeten gibt es eine Theorie: Das abnehmende Magnetfeld der Erde würde dafür sorgen, dass unsere Zeit schneller vergehe. Ersteres ist sogar tatsächlich physikalisch erwiesen, letzteres natürlich nicht, doch gebe es etliche subjektive Erfahrungen als Beweis. Und klar, wer kennt es nicht: Schon wieder Montag, schon wieder Freitag, schon wieder Montag. Und ja, das gekaufte Sommermärchen ist auch schon wieder, halten sie sich fest, 9 Jahre her. Ja, 9 Jahre. Nun liegt das Ganze wohl weniger an fadenscheinigen, astronomischen Phänomenen und der Vorbereitung auf die Apokalypse, sondern am Leben an sich. Besser gesagt, an den Leben an sich, die wir im Spätkapitalismus leben. An der Dramaturgie des Durchschnitts.

Zeit vergeht im Alter schneller

Die Psychologie bestätigt das: Die subjektive Zeitwahrnehmung verändert sich mit dem Alter. Mit 50 vergeht die Zeit schneller, als mit 15. Woran das liegt? Darüber wird spekuliert: Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene ist überzeugt, dass in der Retrospektive vor allem die Zeit schnell vergeht, in der wenig passiert. Wenn einem sein 8-Stunden-Tag während der Arbeit unendlich vorkommt, vergehen diese Tage in der Summe wie im Flug. Die Erinnerung an die Eintönigkeit des Lebens erscheint als minimal und die Zeit, als sie verging, als viel zu kurz. Man kennt auch das umgekehrte Phänomen: Oft kommt einem der erste Tag einer Reise am letzten Tag so vor, als sei er viel weiter in der Vergangenheit als er es tatsächlich ist. Auch wenn natürlich jeder Urlaub objektiv zu kurz ist, fühlen wir diese Zeit intensiver und denken, es sei mehr von ihr vergangen.

Zeit als Ressource des Postmaterialismus

Aber ist es nicht auch so, dass in modernen Gesellschaften Zeit grundsätzlich zur Ware wird? Sie ist eben knapp, wahrscheinlich knapper als alles andere, was wir haben. Subjektiv ist nichts endlicher als die eigene Zeit. Je älter wir werden, desto weniger Zeit haben wir. Von Tag zu Tag wird sie also wertvoller. Und Wertvolles ist immer seltener als das, was wir als wertlos empfinden. Die adoleszente Anerkennung der eigenen Sterblichkeit stützt ganze Generationen in die Depression. Es geht mit der Erkenntnis los, dass Fußballer ganz plötzlich jünger sind, als man selbst. Mit 30 merkt man, dass man wohl keine Band mehr gründen wird. Mit 40 hat man sich von dem Gedanken verabschiedet, doch der Auserwählte zu sein, der die Welt rettet. Das vermeintlich sinnvolle Nutzen unsere kostbaren Zeit wird zur Währung im Postmaterialismus. Man sagt Zeit sei Geld, doch ist sie eigentlich viel mehr, sie ist die absolute Ressource, die wir unserer Umwelt anbieten können. Headhunter, Ehepartner oder der Kegelklub – alle konkurrieren sie um unser wertvollstes Gut. Wir selbst können uns nicht frei machen von diesen Erwartungen. Mit dem Blick auf den eigenen Tod, geben wir unsere Autonomie auf, tatsächlich selbst entscheiden zu können wie wir unsere Zeit nutzen. Und weil wir uns eben fügen an diese Erwartungen, die nicht zuletzt das bloße Überleben an uns stellt, kommen wir rein in den Trott, der unsere Zeit kürzer erscheinen lässt.

Kein Aufruf zum Aussteigen

Das ist kein Aufruf zum Aussteigen, keine Forderung wegen der Mid-Life-Crisis alles über den Haufen zu werfen. Vielmehr geht es darum, unsere Zeit als endlich zu akzeptieren, sich aber auch damit abzufinden. Sie nicht als Ressource zu interpretieren, die wir zu jeder Gelegenheit möglichst gewinnbringend einsetzen müssen. Es gibt nunmal keinen reellen oder ideellen Gegenwert, der uns tatsächlich sagt, ob Zeit richtig genutzt wurde oder nicht. Zeit ist eben keine Währung, auch wenn wir sie so sehen. Niemand kann am Ende sagen, ob die Entscheidung für den Job die bessere war. Niemand kann am Ende sagen, ob die Entscheidung für die Familie die bessere war. Es gibt eben keinen objektiven Maßstab, der uns sagt, wie man seine Zeit richtig nutzt. Es gibt eben keinen objektiven Maßstab, der definiert, was uns zufrieden macht. Fangen wir an zu glauben es gebe diesen, eifern wir ihm nach, ohne ihn jemals zu erreichen. Legen wir uns mit unserer Zeit an, können wir nur verlieren. Wir werden niemals all das erreichen, was uns das Leben theoretisch an Möglichkeiten zu bieten hat. Hören wir nicht auf es zu versuchen, macht uns das nur noch unglücklicher, als es die Erkenntnis der Endlichkeit sowieso schon macht. Sind wir doch wenigstens in der Zeit glücklich, in der wir nicht über ihre Endlichkeit nachdenken.

Bild: Flickr // Ray Weitzenberg // (CC BY-SA 2.0)

 

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Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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