Warum wir uns nicht festlegen können

Es vergeht kaum ein Monat, in dem in meiner Facebook-Timeline nicht mindestens ein Artikel auftaucht, der mir irgendwas darüber erzählen will, wie verloren unsere Generation doch ist. Dann kommen wieder Artikel, die sagen, dass wir uns doch bitte nicht so anstellen sollen. Dann hole ich mir Popcorn und verfolge gebannt den virtuellen Wettkampf der Hobbyphilosophen in den Kommentarspalten. Gewonnen hat dann immer der, der am meisten Likes bekommt, nicht der, der das beste Argument hat. Ich wage zu behaupten, dass das oft negativ miteinander korreliert. Ja, da geht es dann darum, wie von seriösen Tageszeitungen losgeschickte Generation-Y-Dummies mal Tinder testen sollen. Dann stellen sie erschreckt fest, dass unsere Generation sich einfach nicht mehr festlegen kann. Das Date wird in den Wind geschossen, weil hinter der nächsten Straßenecke sicher der perfekte Partner wartet. Jemand, der intelligent, kreativ und tiefgründig ist, aber trotzdem natürlich Karriere macht. Leider gibt es relativ wenig erfolgreiche Schauspieler. Tough Life. Dann kommen die anderen, die sagen, wie verwöhnt wir sind. Dass wir nicht mehr wissen würden, was es bedeutet hart für sein Geld zu arbeiten, wir verwöhnten Akademiker-Opfer. Ja, die Akademiker-Opfer, die Angst haben keinen Job zu finden. Ich korrigiere: keinen Job, der zu einem passt. Keinen Job, der gleichzeitig auch Lebensinhalt ist. Das eine Angebot wird in den Wind geschossen, weil sicher hinter der nächsten Straßenecke der perfekte Job wartet. Ein Job, bei dem Intelligenz gefordert ist, man kreativ sein kann, flache Hierarchien herrschen, man aber natürlich auch Karriere machen kann. Es kann leider nicht jeder erfolgreicher Schauspieler werden. Tough Life.

Wir können uns tatsächlich nicht festlegen

Und tatsächlich haben wir ein Problem damit uns festzulegen. Das fängt auch schon früher an als bei der Liebe oder im Beruf. Wir können uns ja nicht mal auf Uhrzeiten festlegen, wenn wir einen Kaffe trinken gehen wollen. Da wird schnell bei WhatsApp geschrieben, dass man sich doch eine halbe Stunde später trifft. Dumm nur, wenn ungewöhnlicherweise einer der Beteiligten im Gegensatz zum Mainstream mal pünktlich ist. Oder versucht mal mehr als zwei Wochen im Voraus einen Termin zu finden. Da heißt es dann immer ganz verächtlich, dass man doch nicht wissen könne, wie sein Leben in zwei Wochen aussehe. Vielleicht sei man da gerade in Neuseeland, man habe zwar noch nichts gebucht, aber: „Hey, you never know“. Ach so ist das? Also kommt da vielleicht noch was besseres als ein Treffen mit mir? Ja, dann sag doch einfach Bescheid, ich bin gerne zweite Wahl. Kenne ich von Tinder-Dates. Das muss man natürlich verstehen! Muss ja jeder sehen, wo er bleibt. Muss ich das? Ja, es ist wohl so: ganz unbemerkt hat sich ein gesellschaftliches Klima entwickelt, das akzeptiert, ja fordert, alles rational nach einem wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Kalkül abzuwägen. Emotionen und Überzeugungen haben keinen Platz, Intuitives hat keinen Platz. Alles wird nach seinem unmittelbaren, persönlichen Nutzen beurteilt. Können wir den Nutzen noch nicht abschätzen, wird sich eben nicht festgelegt.

Das Problem des Postmaterialismus

Nachhaltig ernährt wird sich nicht aus Umwelt- bzw. Tierschutz, sondern weil Bio ja auch viel gesünder ist. Ins Ausland gehen wir nicht, weil wir es wollen, sondern weil es sich gut im Lebenslauf macht. Es ist der Irrglaube, wir lebten in einem Postmaterialismus, dessen neue Möglichkeiten unsere Welt zwangsläufig besser machen. Leider wissen wir nicht, wie wir mit diesen Möglichkeiten umgehen sollen. Deshalb übertragen wir das, was wir aus dem Materialismus gelernt haben, auf all das, was post ist. Früher haben wir die Dinge, die uns heilig waren, bewusst getrennt von der Nutzenmaximierung. Wir hatten in Liebe, in Freundschaft, ja in Reisen unsere Helden, die Hoffnungen spendeten in einer erkalteten Welt. Jetzt sind auch sie Teil dieser Welt geworden, der Antiheld hat gesiegt, und wir merken es nicht. Wir suhlen uns in unserer Aufgeklärtheit, in unserer Rationalität, in unserer vermeintlichen Freiheit, die uns nur unfreier gemacht hat. Sie hat uns verunsichert, sie hat unseren Geist umstellt. Wir wollen alle unbekannten Größen miteinberechnen, wie ein Supercomputer wissen, was die beste Entscheidung ist. Doch das können wir nicht, zum Glück. Doch weil wir ahnen, dass wir es nicht können, legen wir uns nicht fest. Wir könnten ja die falsche Entscheidung treffen. Doch ist gerade die Unsicherheit genau das, was uns zu Menschen macht, emotionales Entscheiden das, was uns von von Tieren, ja Maschinen unterscheidet. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir alles, was wir im Leben haben, danach bewerten, ob es uns langfristig nutzen wird. Wir dürfen unser Umfeld, ja unsere Umwelt nicht als bloße Werkzeuge des eigenen Weiterkommens betrachten. Und vor allem dürfen wir nicht zulassen, dass wir dieses Handeln akzeptieren, ja einfordern.

Bild: Ethan Lofton über CC BY 2.0 

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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