Ich habe das Internet durchgespielt – „Weihnachts-WhatsApp-Gruppenchats und kotzende Smileys“

Ach, wie ist das schön – Weihnachten steht vor der Tür. Überall diese euphorisierende, besinnliche Hektik in Einkaufspassagen deutscher Kleinstädte. Überall romantische Weihnachtsmärkte, nein Christkindlmärkte, mit Belegschaften rotbäckiger Versicherungsangestellter, die heute das Radio in ihren Großraumbüros eine Stunde früher abschalten durften. Ach Weihnachten, ach Wham, ach du romantisches Vibrieren des totgeglaubten WhatsApp-Gruppenchats mit den Atzen von früher oder den BFFs aus dem Kindergarten. Der alljährliche Elternbesuch als Defibrilator fast vergessener Freundschaften, das Vibrieren des Handys als dessen lebensrettende Stromschläge.

Der WhatsApp-Weihnachtsgruppenchat

Diese Gruppenchats als letzte anarchistische Instanz für die kreativen Ergüsse der sonst vom Alltag eingeholten Roboter unserer Leistungsgesellschaft. Anfang Dezember schießen die ersten Einsen und Nullen quer durch die ganze Bundesrepublik, um in unseren Handys als Dubsmash-Videos in ihrem vollen Glanz zu erstrahlen. Vor Lachen weinende Smileys und Glühweinselfies werden routiniert zurückgefeuert. Der Kreativität keine Grenzen gesetzt werden GIFs, Memes, YouTube-Videos und Facebookveranstaltungen hin und her geschickt, bis jemand den Bogen überspannt und ein Bild von einem Penis in einem Stöckelschuh postet. Doch sind WhatsApp-Gruppenchats auch nur ein Spiegel unserer Gesellschaft und so wird ein kurzes, peinliches Schweigen verdrängt durch ein Foto von einem ausschließlich mit Bierdosen gefüllten Kühlschrank. Die Lebern und Lungen deutscher Mittzwanziger werden langsam auf Betriebstemperatur gebracht für den alljährlichen Ausbruch aus dem stressigen Studium, aus der nervigen Ausbildung oder aus dem ersten 50-Stunden-Job in einem Internet-Startup. Alles für das Klassentreffen, für das Wiedersehen mit den Atzen von früher oder den BFFs aus dem Kindergarten. Ist es endlich da, geht es natürlich, wie immer, viel zu schnell vorbei. Doch am Tag danach, die Nacht nur noch schemenhaft in Erinnerung, geht der Blick sofort zurück auf das Handy, bevor man versucht sich am Frühstückstisch bei den Eltern nichts anmerken zu lassen. Die Nacht, sie darf nie enden. Und so prangt rechts oben neben dem WhatsApp-Logo auf dem Handy erwartungsvoll eine 35. Während die meisten noch schliefen, haben die Abstinenzler oder die noch Betrunkenen bereits vorgelegt. Panisch ja nichts verpassen zu dürfen, scrollt man sich durch 35 GIFs, Memes, YouTube-Videos, bis man merkt, dass einem dieser kleine Bildschirm Kopfschmerzen bereitet.

Warum es keine kotzenden Smileys gibt

Mit letzter Kraft drückt man auf diese Weltkugel links unten auf dem iPhone, um mit einem Smiley ein Lebenszeichen von sich zu geben. Dann, nachdem sich die Tastatur viermal abwechselnd von Deutsch auf Englisch verstellt hat, die erschreckende Erkenntnis, dass es bei WhatsApp keinen kotzenden Smiley gibt. Dabei würde er in unerreichbarer Präzision die eigene psychische und physische Verfassung abbilden. Doch es soll nicht sein. Übelkeit, Kopfschmerzen und der klägliche Versuch immer die lustigste aller Nachrichten zu schreiben lassen alle Kreativität schwinden. Verzweifelt wischt man die unzähligen Emoticonrubriken von rechts nach links und wieder zurück, doch es gibt ihn einfach nicht, den kotzenden Smiley. Dabei wäre er die Lösung so vieler Probleme, ein Universalspezifikum für allerart Auswüchse dieser verlorenen Welt. Er würde fast immer passen. Als Reaktion auf Bilder von Penissen in Stöckelschuhen. Als Antwort auf Dinge, deren Schwachsinn eigentlich keiner Beschäftigung verdient, außer vielleicht einen kleinen Fingerpatscher auf einen kotzenden Smiley. Beispielsweise auf diesen Höcke von der AfD. Oder die Meldung, dass Kim Kardashian ernsthaft ihre Nachgeburt essen möchte, wenn ihr Kind „Saint West“ zur Welt kommt. Auf die Tatsache, dass jemand sein Kind „Saint“ nennt.

Eine Internetverschwörung

Die Liste ließe sich unendlich weiterführen, doch es scheint als hätten sich die Mächtigen aus dem Silicon Valley verschworen gegen dieses Symbol des Widerstandes. Diese letzte Möglichkeit des kleinen Mannes sich aufzulehnen gegen die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren. Eine intensive Recherche bestätigt, dass auch der klassische Facebookchat den wichtigsten aller Smileys unterschlagen möchte. Will man hier der Welt zeigen, was man von ihr hält, muss man kreativ sein. Erst durch komplizierte Stickerkäufe aus dem Stickerstore, lässt sich das Kuschelrepertoire der hirnerweichenden Grinsesmileys erweitern. Internetrebellen sei die Sickersammlung „Meep“ empfohlen. Sie beinhaltet einen leidenschaftlich kotzenden Smiley, liebevoll, detailverliebt wird der grüne Kotzeschwall mit gelben Stückchen drin serviert. Frohe Weihnachten.

In seiner Kolumne „Ich habe das Internet durchgespielt“ schreibt Gerrit wöchentlich über seine erschreckenden Erfahrungen aus diesem Internet, von dem alle reden. Er führt uns in mehreren Teilen durch dessen Absurditäten und – keine Sorge – er ist eigentlich immer online.

Folge 1 findet ihr hier.

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Bild: flickr // Feral78 // CC BY 2.0

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Post vom Müssiggang Magazin

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Gerrit Seebald

Gerrit ist erst 26 und hat schon als Praktikant bei der deutschen Botschaft in Vanuatu gearbeitet. Seitdem er 20 ist, veröffentlicht er regelmäßig als freier Mitarbeiter Artikel bei verschiedenen Onlinemedien. Außerdem ist er hochschulpolitisch aktiv, weil er meint, genau dort sei der Ort, den Nahostkonflikt zu lösen. Wenn er groß ist, möchte er einmal Verteidigungsminister werden oder Politikern naive Fragen stellen.

…..NOT! Naja, vielleicht das mit dem Verteidigungsminister schon.
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