Der Endgegner des 21. Jahrhunderts: Der WhatsApp-Familien-Chat

„Dein Vater hat vorhin gesehen, dass du online warst. Jetzt schreib endlich zurück!“

Von wegen, die Familie des 21. Jahrhunderts geht in die Brüche. Sie folgt dir, sie sieht, kommentiert und liked dich. Und wenn es hart auf hart kommt, dann markiert sie dich. Wer seiner Familie entkommen will, kann heutzutage nicht mehr einfach aus dem heimischen Nest ausziehen – man müsste das Internet zerstören. Und dann gibt es da noch den Endgegner der Familien-Kommunikation: Der WhatsApp-Familien-Chat. Über die schrecklich normalen Familien im weltweiten Netz.

Die schnittige Zeit mit meinem Siemens A 55

Vorbei ist sie, die unbeschwerte Zeit, in der man das erste Familienmitglied mit Mobiltelefon war. Auf dem Siemens A55 war zwar kein Snake installiert, aber es war dafür schnittig und in einen coolen Blauton gefärbt. Während sich Mutter und Vater mit ihresgleichen auf Elternabenden berieten, um die Negativfolgen des mobilen Telefons – von Strahlengefahr bis Aufmerksamkeitsstörungen – von vorne bis hinten durchzudiskutieren, führten wir Handypioniere einen einsamen Kampf gegen überteuerte Handyrechnungen und das Jamba-Sparabo.

Zeiten ändern unsere Eltern

Ich denke an einen weisen deutschen Sprechphilosophen, der einst sagte: „Zeiten ändern dich.“ Bushido hatte Recht, doch sie änderten auch unsere Eltern.

Die digitale Revolution schritt voran und somit auch die Anforderungen an die technische Versiertheit unserer Verwandten. Handys wurden zum Werkzeug eines jeden Berufstätigen und waren fortan nicht mehr wegzudenken. Es war eine schleichende Entwicklung – vom Diskobesuch-Kontrollanruf des Vaters bis zur Frage an die sich über ihr Handy beugende Mutter: „Mama, was machst du da?“ „Sudoku spielen“, lautete die unschuldige Antwort. Im einen Moment fragte man sich noch, warum seit Wochen niemand mehr auf der eigenen Myspace-Seite war und im nächsten Augenblick geschah das, wovon man lange Zeit gedacht hatte, es würde nie geschehen: die Facebook-Freundschaftsanfrage der eigenen Mutter flimmerte drohend und unwiderruflich auf dem Bildschirm auf.

Nicht nur der engste Familienkreis tummelte sich plötzlich im Social Web, auch Tanten, Onkels und Cousinen waren plötzlich dort aufzutreffen, wo man vor NSA-Skandal und anderen ersten Negativerfahrungen im Netz noch unvorsichtig Partyselfies postete. Die Zeiten des „Ich-hasse-Familienfeiern-Posts“ waren schnell vorbei, nachdem die eigene Oma postwendend anrief und sich vorsichtig nach unserem Wohlehrgehen erkundigte.

Endgegner WhatsApp-Familien-Chat

Wer sich fragte, wie es jetzt noch schlimmer kommen sollte, der wurde bald für seine Naivität bestraft. WhatsApp revolutionierte das Kurznachrichten-Universum.

Und jetzt haben wir den Salat: WhatsApp-Familien-Chats transportieren den heimischen Küchentisch direkt in deine Hosen- oder Handtasche. Was auch immer es zu bereden gibt, was auch immer die Nachbarn sagen, du erfährst es. Es ist so als wärst du niemals ausgezogen, nur, dass es von allem mehr Fotos gibt als früher. Vorbei ist sie, die unbeschwerte Zeit:

 

Mama (12:35):„Bist du so lieb und gratulierst heute deiner Oma zum Geburtstag mein Sohn.“

Papa (12:36): *Papa schreibt ….*

Papa (12:40): *Papa schreibt ….*

Mama (12:41): „Weißt du, du freust dich auch wenn man dir gratuliert.“ [Wütender Smiley/Affe/Bombe/Pizza]

Papa (12:55): *Papa schreibt ….*

Papa (13:00): Lass ihn nur. Gruß Papa.

Mama (15:00): „Die Mittagspause deiner Tante sollte nun vorüber sein. Denkst du BITTE daran!“ [Liebguckender Smiley/Fisch/Blume]

Schwester: (15:01): Hier guckt mal, dieses lustige GIF habe ich im Internet gefunden:

 

Mama (15:02) +Soundmessage+: „Hahaha das Bild ist ja witzig. Junge, hast du deine Oma schon angerufen? Hier guckt mal ein Foto von unserem Garten:

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Papa (15:15): *Papa schreibt ….*

Papa (15:25): *Papa schreibt ….*

Papa (15:45): IcH abe hrzft gelcaht. Gruß Papa.

Mama (16:00): Junge ich habe gerade mit deiner Oma telefoniert und sie hat mir gesagt, dass du immer noch nicht angerufen hast.

Schwester (16:02): Jetzt lasst ihn doch mal in Ruhe!

Papa (16:20): *Papa schreibt ….*

Papa (16:30): *Papa schreibt ….*

Mama (19:15): Dein Vater hat mir gerade beim Abendbrottisch erzählt, du wärst vorhin online gewesen. Du hast alles gelesen!!!!!!! JETZT RUF SIE MAL ZURÜCK!!!!! [Wütender Smiley/Bombe/Pizza/Fisch/Blitz]

Mama (20:00): Ist bei dir alles in Ordnung mein Kind?

Ich (22:15): Ich ruf sie morgen an.

Papa (22:16): *Papa schreibt ….*

Papa (22:23): *Papa schreibt ….*

Papa (22:45): *Papa schreibt ….*

Papa (23:00): Gute Nacht. Gruß Papa.

 

Letzten Endes muss sich jeder von uns eingestehen: Das Internet hat sich durchgesetzt und es ist schön, dass wir alle die Lieben und Leiden des Netzes voll auskosten dürfen. WhatsApp-Familien-Chats haben außerdem auch ihre guten Seiten. Ich weiß immer, wann meine Oma Geburtstag hat.

Bild: Jan Persiel über (CC BY-SA 2.0)

Track zum Text:

Post vom Müssiggang Magazin

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Torben Lehning

Torben Lehning

Torben braucht Aufmerksamkeit. Wenn er nicht gerade wildfremde Menschen in der U-Bahn anquatscht, ist er auf Open Stage-Bühnen oder in kruden Internetforen anzutreffen. Haltungen zeigen, Meinungen vertreten, Kommentarspalten bekriegen! „Einer muss es ja mal sagen!“ Und wer könnte die Zusammenhänge dieser Welt wohl besser erklären, als ein scharfsinniger Mittzwanziger aus Kassel, der irgendwas mit Medien studiert hat?
Torben Lehning